Bob Dylan hat eine Playlist für die Ewigkeit zusammengestellt

Unter dem Titel „Die Philosophie des modernen Songs“ erscheint am 2. November weltweit sein Buch mit Einlassungen zu 66 Exemplaren des populären Liedes.

Bob Dylan in einer Zeit, als er noch Gitarre spielte.
Bob Dylan in einer Zeit, als er noch Gitarre spielte.AFP/Olivia Harris

In seinem üppigen Spätwerk hat sich Bob Dylan nicht zuletzt als Rühmender und Preisender erwiesen. Ganz direkt und unverschlüsselt tauchen darin Kollegen auf wie Neil Young, Alicia Keys oder auch der kürzlich verstorbene Country-Musiker Billy Joe Shaver. Das Lied „Roll On John“ enthält eine Hommage an John Lennon, und „Goodbye Jimmy Reed“ vom letzten Album „Rough And Rowdy Ways“ von 2020 erinnert an den Bluesmusiker Jimmy Reed, dem nachgesagt wird, Dylan habe sich von ihm das eigenartige Gestell abgeschaut, an dem er seine Mundharmonika während seiner Auftritte befestigte.

In der am 2. November weltweit erscheinenden Textsammlung „Philosophie des modernen Songs“ hat Jimmy Reed einen angestammten Platz, versehen mit einer ironisch-selbstreferenziellen Note. „Er spielt Mundharmonika auf einem Halter. Aber mit einer Mundharmonika auf einem Halter“, notiert Dylan, „kann man nicht allzu viel anstellen.“

Das schreibt einer, der es wissen muss. Die Mundharmonika sei für Reed wie das Jodeln für Jimmy Rodgers eine Art unverzichtbares Markenzeichen gewesen. Das Nebeneinander von musikhistorischer Einordnung und persönlicher Wertschätzung der in 66 Kapiteln besprochenen Künstler und Songs ist symptomatisch für Dylans nun vorliegende „philosophy“. Aber was heißt schon symptomatisch für einen, der sich ein Leben lang Zuschreibungen aller Art vom Leib gehalten hat.

Ein unbändiger Spaß für Leser

Jeden der Texte über Welthits wie „Strangers In The Night“ und „My Generation“ eröffnet Dylan mit einer atmosphärischen Anverwandlung aus Nacherzählung und Einfühlung, eine Ouvertüre, der anschließend poparchäologische Hinweise, biografische Notizen, Werturteile und verblüffende Deutungen folgen. Bob Dylan greift tief in die Kiste seines musikhistorischen Wissens, und so hat die „Philosophie des modernen Songs“ – gerade wegen ihrer aufreizenden Beiläufigkeit hervorragend übersetzt von Conny Lösch – zunächst einen enzyklopädischen Wert, weil Dutzende vergessener oder vernachlässigter Songs nun in einer ganz besonderen Zusammenstellung aufgehoben sind. Das üppig gestaltete, mit vielen zeithistorischen Fotos bebilderte Buch ist zugleich eine Wunderkammer literarischer Darstellungsformen, in der der Autor Assoziationen anhäuft, kunsthistorische Anmerkungen einstreut und Fundstücke einer populären Kulturgeschichte zusammenträgt und diese im Kontext einer ganz persönlichen Playlist für die Ewigkeit anklingen lässt.

Ach, was. Das Buch ist von der ersten bis zur letzten Seite ein unbändiger Spaß für Leser, gerade dann, wenn Dylan die Pfade präziser Beschreibung verlässt und abschweift in wilde Landschaften, in denen Kakteen blühen und Nattern kriechen, die – wer weiß das schon? – vielleicht mit weiteren Informationen aus der Welt des American Songbooks aufwarten. En passant ist die „Philosophie des modernen Songs“ auch eine Art Mentalitätsgeschichte der amerikanischen Populärkultur des 20. Jahrhunderts.

Bob-Dylan-Kenner wissen, was sie bekommen. In verfeinerter Form präsentiert ihr Host das, was er bereits in den Sendungen seiner „Theme Time Radio Hour“ aufbereitet hat, nach Themen geordnete Exkursionen in die Klangwelt der amerikanischen Kultur, zu denen sich der murmelnde Moderator Dylan abwechselnd distanziert, emphatisch, neugierig, werbend und manchmal auch kritisch verhielt. Und wenn Bob Dylan am Beispiel von Edwin Starrs Hit „War“ aus dem Jahr 1969 allerhand über das Genre des pazifistischen Liedes zu berichten hat, dann bleibt das nicht frei von weltanschaulichem Gepäck. Gerade in den Passagen aber, in denen man versucht ist, sich vorsichtig gegen ideologische Übergriffe zu wappnen, fällt auf, wie weitgehend frei die Texte sind von Besserwisserei und Überzeugungswut. Allerdings nicht ganz. Wer nach der Stimme eines nörgelnden alten Mannes sucht, wird sie finden, zum Beispiel in Form einer Suada gegen Scheidungsanwälte. Nicht zu überlesen sind ferner Passagen eines misogynen Furors, der durch einige der Songs ausgelöst worden zu sein scheint. Tatsächlich stammen nur vier der 66 Songs von Frauen.

Angesichts des musikalischen Spätwerks von Dylan ist es nicht überraschend, in welch stilistischer Vielfalt und Unvoreingenommenheit er sich hier der populären Liedkultur widmet. Insbesondere durch das auffällige Bedürfnis, die Biografien und Werke anderer zu würdigen, erscheint der zuletzt pejorativ in Umlauf gebrachte Begriff der kulturellen Aneignung hier in Gestalt einer umfassenden und notwendigen Umkehrung, um die Geltung und Wirkung eines Songs überhaupt zu verstehen.

Als junger Mensch in New York hat Bob Dylan unterschiedliche Stile und deren Interpreten aufgesogen wie ein Schwamm, heute gibt er es als Wissender zurück und als jemand, der diese Musik bis heute lebt. Und was bedeutet schon Verstehen gegen die unmittelbaren Wirkungstreffer in den Arenen des Weltklangs. Über das Stück „El Paso“ des Country-Sängers Marty Robbins schreibt Dylan: „Gewehrfeuer, Blut und plötzlicher Tod sehen nach einer typischen Western-­Ballade aus, sind hier aber alles andere als das. Das hier ist der Moloch, die Pyramide der Sphinx, die dunkle Kehrseite der Schönheit; zieht man ihr den Sockel weg, stürzt alles ein. Der auserwählte Cowboy, blutige Massenopfer, Juden des Holocaust, Christus im Tempel, Aztekenblut auf dem Altar. Der Song haut dich um, und noch bevor du wieder aufstehen kannst, haut er dir noch mal eine rein.“

Bei den Stones sieht es aus wie auf einer Porno-Convention

Wer Bob Dylan, inzwischen 81, zuletzt als präzisionsversessenen Dirigenten seiner folgsam-genialischen Band in der Berliner Verti-Music-Hall erleben durfte, übersieht schnell, dass hier einer, der über 1000 Songs geschrieben und einige Filme zu einem opulenten Gesamtwerk verdichtet hat, oft auch den Schalk im Nacken hatte. Immer wieder blitzt sein Drang zu dezentem Witz und der Lust an der hintersinnigen Pointe auf. Manchmal entspringt beides einer Art soziologischen Aufmerksamkeit, wenn er etwa die Band Grateful Dead, mit der er vorübergehend selbst auf Tournee war, als Tanzband mit sonderbarem Publikum beschreibt. „Bei den Dead sieht man vor der Bühne eine ganz andere Sorte von Frauen als beispielsweise bei den Stones. Bei den Stones sieht es aus wie auf einer Porno­Convention. Bei den Dead sind es eher Frauen, wie sie in dem Film ‚O Brother, Where Art Thou?‘ am Fluss auftauchen. Freischwebend, schlangenartig winden die sich wie in Tagträumen. Tausende.“

Zu „London Calling“ von The Clash, die es ihm aufgrund ihrer ehrlichen Verzweiflung angetan haben, referiert Dylan über die prägende Kraft von Flüssen. „The Clash sprechen von der Themse. In Amerika denkt man trotzdem unwillkürlich an den Mississippi. Und dadurch bekommt dieser Song eine so breite Wirkung. Die Hölle bricht los, aber der Typ lebt am Fluss, und anscheinend gibt es für ihn doch noch irgendwie Hoffnung, einen Fluchtweg, um sich aus dem Staub zu machen.“

Häufig wiederkehrende Referenzen in diesem locker geschlagenen Kompendium sind Elvis Presley, Johnny Cash, Willie Nelson, Bobby Darin, Frank Sinatra und viele andere. Aus dem Meer der Lobpreisungen tauchen mitunter bissige Bemerkungen auf, etwa über Sonny Bono, der es mit seiner Frau Cher zu beachtlicher Berühmtheit gebracht hat und hier mit dem Song „Gypsys, Tramps and Thieves“ reüssiert. „Sonny war Plattenproduzent, Schützling von Phil Spector (…). Seine größte Leistung aber vollbrachte er als Kongressabgeordneter, als er zur Verabschiedung des ‚Sonny Bono Act‘ beitrug, durch den die Geltungsdauer der Urheberrechte für Songwriter verlängert wurde.“ Dylan als Interessenvertreter? Auch das. Ausführlich beschäftigt er sich mit „Black Magic Woman“ in der Version von Santana und „Ball Of Confusion“ von den Temptations.

Am Ende aber bleibt er skeptisch, ob der Musik mit Verstand überhaupt beizukommen sei. Wie jedes andere Kunstwerk, so Dylan, streben auch Songs nicht danach, verstanden zu werden. „Kunst kann man schätzen oder interpretieren, aber nur ganz selten gibt es dabei etwas zu verstehen.“

Bob Dylan: Die Philosophie des modernen Songs. Aus dem amerikanischen Englisch von Conny Lösch. C.H. Beck Verlag, München 2022. 352 Seiten, 35 Euro.