Wie viele Versionen von "Blowin' In The Wind" wird es noch geben, bevor es als Erkennungsmelodie eines längst historisch gewordenen Lebensgefühls ausgedient hat. Der bald 78-jährige Bob Dylan gab darauf am Donnerstagabend in Berlin eine fast kammermusikalische Antwort.

Violinenklang, kratzig-gehauchte Stimme. Als erste von zwei Zugaben bildete es den Schlusspunkt eines zweistündigen Konzerts. Zeit zu gehen? Oder war es die sanfte Aufforderung von einem, der einmal mehr das Gefühl vermittelt, als könne es noch eine ganze Weile so weitergehen.

Im Kennerjargon heißt das Never Ending Tour. Bald 3000 Konzerte hat Bob Dylan mit seiner in den letzten Jahrzenten nur sporadisch veränderten Band gespielt, einzigartige Kunstwerke, die nichts weniger sein wollen als schnöde Wiederholung. Also arbeiten Dylan und die Seinen (allen voran Tony Garnier, Charlie Sexton, Don Herron und George Recile) die Arrangements immer wieder um. Von den mehr als 1000 Songs, die Dylan geschrieben hat, findet immer wieder mal einer überraschend ins Repertoire zurück.

Seit einigen Jahren aber geht es los mit „Things Have Changed", das Stück aus dem Film "WonderBoys", für den Dylan im Jahr 2000 mit dem Oscar ausgezeichnet worden war.

Veränderung, bleibende Werte - wer Dylans Konzerte mehr als einmal besucht, versteht die Eintrittskarte als Einladung zur reflexiven Erbauung. Man kann natürlich auch einfach nur zuhören und wohnt diesmal einer in Sanftmut getauchten Lounge-Veranstaltung bei, die den seelenlosen Charakter der Mehrzweckhalle an der Warschauer Brücke fast vergessen macht.

Spätestens beim zweiten Stück, „A Simple Twist of Fate“ fällt auf, dass Dylan erstaunlich gut bei Stimme ist. Da ist es wieder, dieses endlose Ziehen der Worte, das unter die Haut gehen kann, weil es deren Sinn immer noch einmal in Frage stellt. Aber Bob Dylan ist diesmal nicht als Zertrümmerer seines Werks gekommen, eher examiniert er dessen Klassizität. Mehr Wohlklang war selten, und der Sprechgesang bei einigen Stücken scheint zum Mitschreiben auffordern zu wollen.

Nichts wird diesmal vernuschelt, Bob Dylan ist ganz bei sich und seinem Liedgut und verleiht ihm einmal mehr neue Gestalt. Bei dem Klassiker „When I Paint My Masterpiece“ wird die meisterhafte Ausarbeitung ganz auf die instrumentellen Zwischenteile des Stücks verwandt. Die Band übt sich in Feinmalerei, und das Beunruhigende und Drohende, das viele der legendären Dylan-Songs in sich tragen, erscheint diesmal auf berückende Weise befriedet. Das macht die Veranstaltung deswegen aber keineswegs zu einem harmlosen Konzert.

Einen bewegenden Höhepunkt bildete „Like A Rolling Stone“, das wegen seines treibenden Sounds stets als Hymne einer unerbittlichen Demaskierung aufgefasst werden konnte („How does it feel“). Diesmal wurde es aufgrund des retardierenden Vortrags zu einem Akt der Selbsterkenntnis, dem zufolge selbst der größte Dealmaker einmal Rechenschaft vor sich selbst oder Höherem wird ablegen müssen. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass man diesen in den letzten 50 Jahren sehr oft gespielten Popmythos so noch nicht gehört hat.

Bob Dylan steht die meiste Zeit während der insgesamt 20 Stücke, die er während der fünf noch folgenden Konzerte in Deutschland nicht zu variieren scheint, am Klavier, auf dass er mitunter überakzentuiert einhämmert. Für das Stück „Scarlett Town“ tritt er erstmals in die Bühnenmitte und tanzt mit dem Mikrofonständer. Die Mundharmonika übernimmt wichtige Soloparts. Am Ende wird er kein einziges Wort gesagt haben, nicht einmal die rituelle Vorstellung der Bandmitglieder richtet er ans Publikum. Na und? Die meisten im Saal dürften beim Hinausgehen den Eindruck gewonnen haben, dass die Never Ending Tour hier noch einmal Station macht. „One mor time for a simple twist of fate.“