Am Tag vor seinem diesjährigen Berlinbesuch ist Bob Dylan im Leipziger Gewandhaus aufgetreten, dessen Tradition sich immerhin bis zu Mozart zurückverfolgen lässt, der ja nicht nur wundervolle Musik geschrieben hat, sondern auch als Performing Artist unterwegs gewesen ist. Nur um mal anzudeuten, in welchem kulturellen Umfeld sich der Bühnenkünstler Dylan derzeit bewegt. Die Mühen der Turnhallen liegen erstmal hinter ihm, für sein aktuelles Programm bevorzugt er Konzertsäle. So ist denn das Tempodrom bei Dylans erstem von zwei Berliner Abenden am Dienstag komplett bestuhlt, was für eine andächtige Atmosphäre sorgt. So feierlich wie diesmal war es noch nie.

Wie immer beginnt das Konzert pünktlich auf die Minute, praktisch mit dem Gong. Wie immer in den letzten Jahren erklingt zum Auftakt „Things Have Changed“, (die Dinge haben sich geändert), gefolgt von „She Belongs To Me“ (ich bin ein Künstler und schaue nicht zurück) und „Beyond Here Lies Nothin’“ (hinter dem Jetzt liegt das Nichts). Diese drei Songs dienen Dylan und seiner wie immer fantastischen Band nicht nur dazu, sich einzuspielen, sie bilden in ihrer Programmatik sozusagen den Schlüssel zu allem, was ihr gemeinsames Spätwerk ausmacht.

Nicht temperamentvoll, aber sicher

Im Moment sind es die Lieder des Great American Songbook, von denen an diesem Abend gleich sieben zu Gehör gebracht werden. Sieben Coversongs, gesungen vom vielleicht größten Songschreiber, den es jemals gab, einem Künstler, dessen Repertoire mehr als 500 eigene Stücke umfasst, das wird nicht jedem gefallen. Aber je mehr sich die Nacht verdunkelt, desto stimmiger wird diese Auswahl. Als im Januar Dylans sechsunddreißigstes Studioalbum „Shadows In The Night“ erschien, auf dem er Songs interpretiert, die sämtlich auch durch Frank Sinatra berühmt geworden sind, mischte sich in den Respekt vor diesem durchaus gelungenen Zugriff auch leichte Kritik: zu ähnlich in der Tonlage, zu gleichförmig in ihrem Lamento.

Eingebettet in Dylans eigene Songs der jüngeren Zeit, vor allem vom Album „Tempest“, gewinnen sie eine Kraft und Dringlichkeit, die über die Plattenaufnahme weit hinausgeht. Zunächst aber ist der Stimmungswechsel noch etwas abrupt. Als sich Dylan und Band bei „The Night We Called It A Day“ zum ersten Mal an diesem Abend vom Countryswing lösen und ins dramatische Fach wechseln, denkt man noch: Hmm.

Bob Dylan tänzelt vom Stutzflügel, den er der Gitarre vorzieht, in die Bühnenmitte. Dann steht er dort im fahlen Licht, Hände in den Hüften, und beugt sich kurz nach vorn. Mit dem Publikum hat das nichts zutun, es sieht wohl eher nach Rückenschmerzen aus. Doch wenn er seine Stimme erhebt, sind solche Überlegungen hinfällig. Ja, seine Stimme! Es heißt immer, Bob Dylan könne nicht singen, aber das ist Unsinn. Im Lauf seiner Karriere hat er mit so vielen verschiedenen Stimmen gesungen wie kaum ein anderer – und mitunter eben auch ohne.

Er hat genäselt, gesäuselt, gebellt, geheult. Er hat seine Stimme verloren und gefunden, er hat sie instrumentalisiert, wie er es in einem Kapitel seiner „Chronicles“ beschreibt. Dort erzählt er von einem Abend Ende der Achtziger, als er von Selbstzweifeln zerfressen in einer Kneipe gestrandet war, in der er einen alten Jazzsänger beobachtet. „Er war nicht sehr temperamentvoll, doch das hatte er auch nicht nötig; er stand entspannt da, sang aber mit einer selbstverständlichen Sicherheit.“

Eine ganz eigene Dramaturgie

So macht er das jetzt auch. Die Stimme, mit der er seine Herbstlieder von Liebesschmerz und Verlust interpretiert, ist mal wieder neu für ihn, ungewohnt mild, flehentlich fast. „I’m A Fool To Want You“, singt er, was für ein Narr ich bin, dich zu begehren. In einem Interview sagt Dylan, diese Zeile sei ihm heute näher als so manche, die er früher selber geschrieben habe. Auch so lässt sich seine Hinwendung zu den Bekümmernissen der anderen verstehen. Ganz nah ist ihm aber, wie’s scheint, noch immer sein vierzig Jahre altes Liebeslied „Tangled Up In Blue“, ein Höhepunkt vor der Pause.

Auch danach nimmt Bob Dylan diese Dramaturgie sofort wieder auf, eigener Song, fremder Song, etwas lauter, dann wieder etwas leiser, es ist ein Heben und Senken, wie von einer Dünung getragen. Die Band spielt in den neuen, alten Stücken konzentriert, keine Note der fein ziselierten Arrangements wird verschliffen. Manchmal spielt sie auch routiniert, etwa bei „Spirit In The Water“, die Unwägbarkeit, für die Dylan einmal berüchtigt war, ist einer gewissen Zuverlässigkeit gewichen.

Man weiß, was man erwarten darf, nur wer seine Tickets im Preisausschreiben gewonnen hat, kommt unvorbereitet. Und doch ist es überraschend, wie sehr einen Bob Dylan im Konzert wieder überrascht. Irgendwann hört das Konzept mit den Coverversionen auf, ein Konzept zu sein, alles fügt sich. „Scarlet Town“ und „All Or Nothing At All“, „Long And Wasted Years“ und „Autumn Leaves“. Am Ende grandiose Vergeblichkeit.

Dieses Finale muss ihm wichtig sein. Er hat die Songs öfter umgestellt. Nach dem schön vorgetragenen „Blowin’ In The Wind“ heißt sein letztes Wort jetzt „Lovesick“. Liebeskrank. Es hört nie auf.