Bob Dylan bei einem Konzert im Jahre 2011.
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Wenn der Künstler Pause hat, kann er immer noch Kunst machen. So oder ähnlich hält es der Literaturnobelpreisträger Bob Dylan schon lange. Vor bald zwei Jahrzehnten war es der umtriebigen Kunsthistorikerin Ingrid Mössinger gelungen, Bob Dylans Gemälde für eine Ausstellung nach Chemnitz zu holen, und gelegentlich sieht man Fotos, die Dylan mit einem Schweißgerät vor robust-filigranen Stahlgebilden zeigen. Eine seiner Skulpturen ziert auch das Etikett eines von ihm unter dem anspielungsreichen Namen „Heaven’s Door“ herausgebrachten Whiskeys.

Hätte irgendwer daran gezweifelt, dass der 79-jährige Bob Dylan ein guter Geschäftsmann und großer Genießer ist? Der Heaven’s Door Straight Rye Whiskey sei unkonventionell in gerösteten Zigarrenfässern aus Eichenholz aus den Vogesen gereift, heißt es in der Produktbeschreibung eines Versandes, der ganz darauf zu erwähnen verzichtet, wer der Hersteller ist. „Das Eichenholz wurde nach dem Schlagen luftgetrocknet, der Rye Whiskey wirkt dadurch geschmeidiger und leichter. Straight Rye Whiskey reift mindestens zwei Jahre im Fass. Intensiver Duft nach Orangenzeste und Koriander in der Nase, am Gaumen weich mit herrlichem Schmelz und einer angenehmen Würzigkeit.“ Werbejargon für Feinschmecker.

Bei der sinnlich-wortreichen Beschreibung hätte es sich aber bereits um ein Zitat aus der jüngsten Sendung der legendären „Theme Time Radio Hour“-Reihe handeln können, die Bob Dylan über einige Jahre für das amerikanische Internetradio Sirius XM produziert hat. Unter wechselnden Themen wie Autos, Regen und Tiere griff er dabei tief in die Grabbelkiste des Great American Songbooks, spielte fast vergessene Musikstücke und erzählte Geschichten über deren Herkunft und Entstehung. Die Fans haben natürlich alles archiviert, irgendwann erschienen die Sendungen der „Theme Time Radio Hour“ auch auf den handelsüblichen Tonträgern.

Nun gibt es eine neue Ausgabe. Da Bob Dylan aufgrund der Corona-Pandemie seine „Never Ending Tour“, in deren Rahmen er mehrmals weit über 100 Konzerte pro Jahr spielte, unterbrechen musste, hat er die Zeit für ein paar Anmerkungen über Whiskey genutzt. Er verrät dabei nicht nur Rezepte und verschiedene Darreichungsformen des amerikanischen Kultgetränks Bourbon, sondern spielt die Musik, in der sich alles um den Genuss, aber auch Missbrauch des geheimnisvollen, aus der Destillation von Getreidemaische gewonnenen Stoffs dreht. Zum Brecht/Weill-Song „Moon of Alabama“ berichtet Dylan über die Liebe zwischen Kurt Weill und Lotte Lenya sowie deren „Speckstimme“, aus der sie einen wunderbaren Sprechgesang herausholte, ein Metier, in dem Dylan sich, wie er selbstironisch sagt, gut auskennt. Aber hören Sie selbst. Radioeins sendet die „Theme Time Radio Hour“ am Donnerstag, ab 23 Uhr, später in der Mediathek oder ab sofort über YouTube.