Bob Dylan Tempest: Fast wie William Shakespeare

Einen Dylan-Einstieg! Einen Dylan-Einstieg! Mein Königreich für einen Dylan-Einstieg! Man hat Bob Dylan rauf und runter exegiert, vor fünf Jahren brauchte Todd Haynes für sein Dylan-Biopic „I’m Not There“ gleich sechs verschiedene Schauspieler aller Geschlechter und Hautfarben, um ihn zu fassen. Und seit er sich in diesem Jahr von Barack Obama den höchsten US-Orden ungerührt umhängen ließ, fehlt nur noch der Literatur-Nobelpreis, für den er seit Jahren im Gespräch ist.

Eine Shakespeare-Anspielung zu Beginn ist also angemessen. Zumal das Album zwar nicht „Richard III“, aber immerhin „Tempest“ heißt, ein kaum übersehbarer Hinweis auf Shakespeares letztes Werk. Die Fans spekulierten daher bereits, es solle womöglich sein letztes sein, obwohl Dylan gewohnt pfiffig darauf hinwies, dass Shakespeares Drama „The Tempest“, mit bestimmtem Artikel, überschrieben sei. Andererseits ließ er schon 1966 im Beatnik-Flow von „Stuck Inside of Mobile (with the Memphis Blues Again)“ Shakespeare mit Schnabelschuhen und Schellen in die Seitenstraßen der Popkultur treten.

Blutig, drastisch, turbulent

Auch reichlich stürmisch geht es zu in den Geschichten von „Tempest“, blutig, drastisch und turbulent. Wie stets in seiner später Schaffensphase seit Ende der Neunziger arbeitet er sich musikalisch an grindigem Blues, swingendem Rock’n’Roll und Folk ab, hat sich gleichsam festgefressen in den populären Urszenen zwischen Mobile, Alabama und Memphis, Tennessee.

In diesem Sinne scheint das Album nicht nur theater-, sondern auch musikhistorisch gerahmt. Es beginnt mit dem großartig bouncenden Countryswing „Duquesne Whistle“, mit einem der trockensten Slap-Bässe, die je geslappt wurden. Dylan streckt sich in die 1920er Jahre und verbeugt sich mit seiner ohnehin abgeschabten Stimme im Ton und der wunderbaren Phrasierung vor Louis Armstrong. Im Text beschwört er wie so oft das Aufbruchssignal pfeifender Güterzüge, die üble und ihre Szenen aus Zuhältern, Spielern und anderen Rumtreibern verbinden: „I can hear a sweet voice steadily calling, must be the mother of our lore“ – die verführerische Stimme aus dem Zwielicht des frühen Jazz und Blues als Mutter seiner Kunst.

Im letzten Titel des Albums wiederum singt er in „Roll On, John“ ein zärtlich raspelndes Trauerlied für John Lennon, das er mit Beatleszitaten vollpackt und mit den letzten Versen aus William Blakes „The Tyger“ beendet – einer Reflektion über Gut und Böse, Schönheit und Natur sowie über die Rätselhaftigkeit der Schöpfung, die das alles verantwortet.

Finstere Tiraden

Die acht Titel dazwischen malen diese thematischen wie stilistischen Motive weiträumig aus. In „Narrow Way“ streunt eine dreckige Gitarre durch den R&B eines Howlin Wolf und einige hinterhältige Ideen zu menschlichen Beziehungen. Auf ähnliches Terrain führt die ungut sich entwickelnde und umso plastischer dekorierte Dreiecksgeschichte des dunkel minimalistischen „Tin Angels“, wohingegen er in „Early Roman Kings“ − nach Muddy Waters „Mannish Boy“ − die Eliten als „Wichtigtuer und Hausierer, Betrüger und Verräter, Schläger und Straßenräuber“ beschimpft – dekadente römische Kaiser, die seit Jahrhunderten geldgierig die Zivilisation zerstören. Wie Verfluchungen klingen einige seiner finsteren Tiraden, wie in „Pay in Blood“: „I came to bury, not to praise... I pay in blood but not my own.“

Das Schöne daran ist die hörbare Lust, mit der er diese Flüche ausbreitet und wie er gar nicht aufhören will, sie in all ihren üppigen Details zu schildern. „Tempest“ ist eins seiner längsten Alben und die meisten Stücke dürfen sich in ihrer schlichten Struktur weit über die Fünf-Minuten-Grenze entfalten. Dabei freut er sich ebenso über amüsante Leichtigkeiten aus dem Popbaukasten, knorrige Bluesweisheiten und herzhaft schnarrende Visionen der letzten Dinge.

Im Zentrum des Albums steht das fast viertelstündige Titelstück, in dem er den Untergang der Titanic erzählt. Ohne Refrain steuert er das Schiff in 45 stoischen, bildreichen und schicksalsschweren Versen dem Verderben zu. Am Ende hat „der Schnitter 1600 erledigt, die Guten und die Bösen, die Reichen und die Armen, die Bezauberndsten und die Besten“. Es hilft kein Leo DiCaprio und auch die Offenbarung nicht, denn, so Dylans Folgerung nach jahrzehntelanger Auseinandersetzung mit den Religionen, Gottes Gericht bleibt unergründlich.

Doch so beeindruckend Dylans Wortmacht auch ist, man könnte dieses Epos auch als Argument gegen die dauernde olympische Erhebung in der Dylan-Rezeption benutzen. Im Vergleich zu anderen Langstrecken, von „Desolation Row“ bis zu „Highlands“ fehlt aber nicht nur die brillante, absurde Unschärfe seiner besten Raps.

Vor allem klingt die Shantymelodie, in die er es verpackt, seltsam uninspiriert. In den letzten 15 Jahren – und immerhin auch in seiner ersten großen Wandlung vom Protest-Folker zum Rocker – betonte er großartig die schäbige Seite seiner künstlerischen Herkunft. Den popkulturellen Reichtum seiner Arbeit sollte man nicht leichtfertig an die Klassikersehnsucht der literarischen Nobelpreiskultur verschenken. „Da ich mich nicht zu dir hinaufarbeiten kann, musst du dich wohl früher oder später zu mir herunterarbeiten“ singt er hier cool im Refrain von „Narrow Way“. Das Herzstück dieses natürlich dennoch schönen Albums suggeriert dagegen eher die umgekehrte Richtung. Aber zumindest mir ist er als Bluesmann lieber.

Bob Dylan Tempest (Sony)

Hörproben gibt es auf der Homepage von Bob Dylan sobald das Album erscheint.