Was Princeton für die Einstein-Forscher ist, dürfte Tulsa bald den Bob-Dylan-Doktoranden sein. Wie der Präsident der Universität von Tulsa, Oklahoma, mitteilt, hat die Bildungsinstitution das rund 6000 Artikel umfassende Archiv des Musikers, Songschreibers und Sonderlings erworben. Erwähnt wird in diesem Zusammenhang die Summe von 15 bis 20 Millionen Dollar, die die Universität mit Hilfe der George-Kaiser-Stiftung aufbringen konnte. Kaiser, Jahrgang 1943 und Bürger von Tulsa, hat sein Geld im Öl- und Finanzgeschäft gemacht und gehört heute laut Forbes Magazin zu den reichsten US-Amerikanern.

Woher das Geld auch stammt, Dewey Bartlett, der Bürgermeister von Tulsa, freut sich schon mal über die Anschaffung. Die Dylanologie, so nennt er das tatsächlich, sei eine Wachstumsbranche der Sozialwissenschaft und Tulsa werde künftig des Epizentrum der akademischen Auseinandersetzung mit dem Dylan’schen Kosmos sein. Bob Dylan selbst, der sich in der Regel zu gar nichts mehr groß äußert, ließ erklären, er sei glücklich, dass sein Archiv nun dort eine Heimstatt finde, wo auch Woody Guthries Werk gewürdigt werde. Der Folksänger, Dylans Idol der frühen Jahre, wurde 1912 in Oklahoma geboren. Als besondere Ehre betrachte Dylan überdies die räumliche Nähe seiner Sammlung zu den ebenfalls in Tulsa aufbewahrten Artefakten der amerikanischen Ureinwohner.

Erste Tonaufnahme von 1959

Was Bob Dylans künstlerische Geografie betrifft, liegt Tulsa indes an der falschen Straße, nämlich an der Route 66, die zum Beispiel von Nat King Cole, Perry Como und den Rolling Stones besungen wurde, während Dylan bekanntermaßen dem Highway 61 seine Referenz erwies, aber das ist nur ein kleiner Schönheitsfehler.

Ungefähr zwei Jahre soll es dauern, all die Sachen aus den diversen Schubladen, Lagerräumen und Abstellkammern zusammenzutragen, in denen Dylan seine künstlerische Hinterlassenschaft bislang aufbewahrt hat. Zu den interessantesten Posten zählen natürlich bislang unveröffentlichtes Ton- und Bildmaterial von ihm, wie etwa zwei komplette Konzertfilme, zum einen von einem Auftritt 1980 während seiner Gospelphase, zum anderen von einem Gastspiel 1993 im New Yorker Supper Club. Auch Dylans erste Tonaufnahme von 1959 wird zu Forschungszwecken zugänglich sein, was immer man da erforschen mag. Es gibt ein Notizbuch mit den Texten zum Album „Blood On The Tracks“ von 1975, wie auch Skizzen zu nie vollendeten Songs.

Seinen Kleiderschrank hat Dylan offenbar ebenfalls durchforstet und ist dort auf ein schönes Teil von 1965 gestoßen, jenes Lederjackett, das er beim Newport Folk Festival trug, wo er zum Schrecken der Altvorderen mit einer Rockband auftrat. Aus dieser Zeit ist auch eine Brieftasche überliefert, in der er Johnny Cashs Telefonnummer aufbewahrt hat. Und dann gibt es endlich noch die originale Mundharmonika, die sich in dem Klavier anfand, an dem Bob Dylan „Like A Rolling Stone“ komponiert hat. Es kommt nichts weg.