Der diesjährige Literaturnobelpreis geht an den US-Rockmusiker Bob Dylan. Das teilte die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm mit. Der 75-Jährige, der bereits mehrfach für die Auszeichnung im Gespräch war, ist seit fünfeinhalb Jahrzehnten im Musikgeschäft und hat die Folk- und Rockszene entscheidend mitgeprägt.

Doch wer ist eigentlich dieser Bob Dylan? Er ist mittelgroß, um nicht zu sagen klein, und von eher schmächtiger Statur. Seine grauen, ausgefransten Locken kräuseln sich gewöhnlich unter einem breitkrempigen Hut hervor. Zuletzt zierte ein sorgsam getrimmtes Oberlippenbärtchen sein Gesicht. Von Zeit zu Zeit verändert der Mann sein Aussehen. So wurde er wiederholt mit einer Glatthaarperücke gesichtet, die er unter einer Wollmütze trug. Bei Auftritten vor Publikum bevorzugt er fein geschneiderte Anzüge, in der Freizeit offenbar Kapuzenpullover.

So vielgestaltig wie die Erscheinung des Mannes ist auch sein Name. Die Eltern ließen ihren am 24. Mai 1941 geborenen Sohn im Standesamt von Duluth im US-Bundesstaat Minnesota als Robert Allen Zimmerman registrieren. Als gläubige Juden gaben sie ihm zudem den hebräischen Namen Shabtai Zisel ben Avraham. Seit er erwachsen ist, nennt er sich Bob Dylan. 

Seit einem reichlichen halben Jahrhundert gilt Dylan als eine der einflussreichsten Figuren der Popmusik. Es wurden Unmengen von Büchern über ihn geschrieben, Dissertationen verfasst, Symposien veranstaltet.

Jede einzelne seiner Platten, jeder einzelne seiner Songs, jede Zeile, die er je geschrieben hat, wurde analysiert und exegiert. Und doch ist vieles an seinem Leben und Werk ein Rätsel geblieben. Selbst seine Rätselhaftigkeit ist ein Rätsel. So ist der Name Bob Dylan nicht viel mehr als der Sammelbegriff für alle Mythen, die man über ihn erzählt.

Es gibt eine Geschichte über ihn aus dem Magazin Esquire, in der es heißt, dass es den örtlichen Helfern bei Konzerten nicht erlaubt sei, ihn anzusehen, wenn er die Schritte vom Tourbus zur Bühne geht. Das klingt so unglaublich, dass es völlig glaubhaft ist. Bob Dylan handhabt seine Privatsphäre so autokratisch wie seine Kunst. Er akzeptiert ausschließlich seine eigenen Regeln.

Mit Bob Dylan plaudern im Pool

Er spielt mit seiner Privatheit und tut es auf seine typisch launenhafte Weise. In demselben Artikel steht ein paar Absätze weiter, dass er einmal in Memphis mit einer Frau ins Plaudern gekommen sei, die ihn beim Bahnenziehen im Hotelpool entdeckte. Sie habe ihm erzählt, dass sie ein großer Fan von ihm sei und schon 25 Konzerte gesehen habe. Und Dylan habe entgegnet: „Oh Mann, wie hältst du das aus?“

Man kann ihn nicht berühren, nein, das nun nicht, aber man kann ihn erleben, irgendwo auf der Welt, hundertmal im Jahr, ob in Boston, Tokio oder Cottbus. Seine Konzerte beweisen, dass es den Mann, der sich Bob Dylan nennt, wirklich gibt. Dass er nicht nur in der Vorstellung existiert, die sich die Welt von ihm macht, seit er am 11. April 1961 zum ersten Mal die Bühne betreten hat. In jener Nacht übrigens, da sich der russische Kosmonaut Juri Gagarin ein paar Tausend Kilometer östlich auf den ersten Weltraumflug eines Menschen vorbereitet hat.

Seit 1988 auf Welttournee

Mit seiner andauernden Präsenz – seit 1988 befindet er sich auf einer permanenten Welttournee – ist Bob Dylan der öffentlichste Privatmann des Pop. Zugleich ist er aber auch der privateste öffentliche Mensch, den man sich denken kann. Wahrscheinlich ist es leichter, ein Selfie mit Papst Franziskus zu bekommen als mit ihm. Niemand weiß genau, wer Bob Dylan ist. Und die, die es wissen, behalten es für sich.

Rund um sein Privatleben hat Bob Dylan eine Art Omertà verfügt, eine Schweigepflicht, der sich seine Freunde und Familienangehörigen freiwillig unterziehen. Weil sie aus Erfahrung wissen, wie verletzlich er in dieser Hinsicht ist, kämen sie gar nicht auf die Idee, irgendwelche Dinge über ihn zu erzählen, die über Künstlerisches hinausgehen.

Als sich 1977 seine erste Frau Sara von ihm scheiden ließ, mit der er zwölf Jahre verheiratet war, soll eine Klausel in dem Abfindungspaket über 36 Millionen Dollar festgehalten haben, dass sie nie über ihr Leben mit ihm sprechen dürfe. Sie hat sich daran gehalten.

Angst vor Öffentlichkeit

Dylans spleenig wirkende Angst vor Öffentlichkeit rührt aus einer Zeit, als er seines Lebens nicht sicher sein konnte. Der Zeit des Irrsinns, wie er es in seinen autobiografischen „Chronicles“ nennt. Es war Ende der 60er-Jahre, die er als Popstar mit erfunden hat, als er sich nach der Hysterie um seine Person aufs Land zurückgezogen hatte.

In Woodstock, drei Stunden nördlich von New York, wollte er zur Ruhe kommen. Aber die Gemeinde folgte ihm. „Die ganze Nacht über brachen schräge Vögel bei uns ein. Zuerst waren es nur die heimatlosen Nomaden, die sich ungebeten Zutritt verschafften. Das war ja fast noch harmlos, aber dann kamen die radikalen Knalltüten auf der Suche nach dem Prinzen der Protestbewegung – unzurechnungsfähig aussehende Gestalten, potthässliche Mädchen, Vogelscheuchen und Vagabunden, die einen draufmachen und die Küche plündern wollten.“

Seine Freunde von den Beatles waren in dem Hype wenigstens zu viert. Er war alles in einer Person. „Nach einer Weile begreift man, dass man sein Privatleben zwar verkaufen, aber nicht zurückkaufen kann“, schreibt Dylan in dem Buch, das ziemlich freimütig über drei entscheidende Phasen in seinem Leben Auskunft gibt: die Ankunft in New York, der Rückzug nach dem frühen Ruhm, die Krise am Ende der 80er-Jahre. Er erzählt Auszüge aus seinem Leben, wie er es sieht.

Eigentlich ist Dylan berühmt für sein Schweigen. Keine Interviews, kein Bühnenwort. In Wahrheit hat er nie aufgehört zu reden. Er gibt seit fünfzig Jahren Interviews, zuletzt hat er mit einem Seniorenmagazin über seine musikalische Sozialisation gesprochen.

Er hatte eine eigene Radioshow, in der er seine Lieblingsmusik spielte, es gibt Filme von ihm, und vor einem Jahr hat er in einer großen Rede vom Blatt seine Arbeitsweise als Songwriter vor dem Hintergrund der amerikanischen Kultur erläutert. Diese Poetikvorlesung zählt schon jetzt zu seinem Vermächtnis, wie die rund 500 Songs, die er geschrieben hat. Dylan sagt vielleicht nicht: Hallo Berlin, wie geht’s? Doch er spricht.