Berlin - Die Welt zu verbessern, das wurde Sandra in die Wiege gelegt. Nein, nicht „in die DNA“ das klingt viel zu biologisch für den emanzipatorischen, links-ökologischen Freiheitsdrang ihrer Mutter. Anfang der 70er-Jahre, als sie Sandra in die Welt setzte, hatten soziale Prozesse alles Biochemische als Matrize menschlicher Entwicklung abgelöst, und so wurde Sandras Grundnahrungsmittel das Überallesreden und sanfte Indiefreiheitschubsen. Heute hat Sandra selbst zwei Kinder, lebt in dem Mehrgenerationen-Gemeinschaftsprojekt einer Baugruppe in Prenzlauer Berg und scheint die Inkarnation aller mütterlichen Weltverbesserung geworden zu sein.

Scheint! Denn tatsächlich gärt es in Sandras Kopf. Die mütterliche Selbstverwirklichungsutopie ist zur großen Lebenslüge gereift und die ganze Hausgemeinschaft mausert sich langsam, aber sicher zu einer einzigen grotesken Mutterallegorie. Sandra giert danach und verzweifelt zugleich an der erbarmungslosen Nähe und Transparenz „idealer“ Gemeinschaft, vor allem an ihrer Leitwährung: dem ewigen Reden. Ein Dilemma, an dem auch Anke Stellings Roman „Bodentiefe Fenster“ selbst leidet, der diese Sandra 2015 als hyperreflektierenden Achtsamkeitsmenschen entwarf und sich selbst übermütterlich schwatzhaft an ihr festbeißt.

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