Zwei Geldscheine im Wert von jeweils 100 D-Mark.
Foto:  Imago Stock

BerlinIn dieser Woche wird der Mehrwertsteuersatz gesenkt – und Handel wie Finanzämter klagen, sie wären mit dieser Umstellung überfordert. Vor 30 Jahren wurde am 1. Juli im Noch-DDR-Gebiet ein finanzieller Umbau in ganz anderen Dimensionen vollzogen. Wie reibungslos zumindest aus logistischer Sicht dieser Kraftakt funktionierte, das zeigt die ARD-Dokumentation „Wie die D-Mark in den Osten kam“.

Martina Schuster vom Mitteldeutschen Rundfunk und Johannes Thürmer vom Bayerischen Rundfunk beginnen ihre Doku mit den Fernsehnachrichten vom 6. Februar 1990. Die Aktuelle Kamera vermeldet, die Bankpräsidenten von DDR und BRD hätten sich gegen die schnelle Einführung der D-Mark ausgesprochen. Kurz darauf erklärt Kanzler Kohl in der „Tagesschau“, seine Regierung biete die baldige Währungsunion an. Der Film diskutiert weder die ökonomischen Vorbedingungen noch die Auswirkungen – Kritiker der schnellen Währungsunion kommen gar nicht zu Wort.

Die Bundesbank wehrte sich nur gegen den Umtauschkurs von 1:1 auf Löhne, Gehälter, Mieten und Renten, schlug vergeblich das Verhältnis 2:1 vor. Nur knapp wird der politische Rahmen skizziert: Auf der einen Seite das gern zitierte Demo-Transparent „Kommt die D-Mark nicht zu uns, gehen wir zu ihr“. Für die Bundesregierung erklärt der damalige Finanzminister Theo Waigel, dass es darauf ankam, mittels der D-Mark eine „irreversible Entscheidung“ zu treffen, die die Vereinigung quasi erzwang und vorweg nahm.

Sehr anschaulich wird dafür die Umsetzung des „größten Geldtransportes der deutschen Geschichte“ beschrieben, und zwar aus der Sicht der Macher. Junge Mitarbeiter der Deutschen Bundesbank wie der Münchener Franz Josef Benedict berichten lebhaft, wie sie die Chance bekamen, im Osten die Ankunft des Westgeldes vorzubereiten. In den Bezirkszentralen der DDR-Staatsbank mussten Tresore besichtigt – und vor allem erst mal geräumt werden. Die gesamten Bestände der DDR-Geldscheine, darunter viele Säcke mit 200er und 500er-Scheinen, die nie im Umlauf waren, wurden kurzerhand in einen Stollen bei Halberstadt gekarrt, wo sie verrotten sollten. Wie Bankangestellte sich heute erinnern, wurden die Geldsäcke mitunter sogar mit dem PKW in den Harz gefahren.

Im Westen liefen die Gelddruck- und Münzenprägemaschinen auf Hochtouren, schließlich mussten mehr als 400 Millionen Scheine gedruckt und mehr als 100 Millionen Münzen geprägt werden. Allein die Bundesdruckerei in Kreuzberg stellte damals 700 neue Mitarbeiter ein. Für den Transport der gepanzerten Transporter wurden Autobahnen gesperrt und neue Routen gefunden – denn die 40-Tonner waren für manche DDR-Brücke zu schwer. Interessant auch der Wandel mancher Orte: In der früheren Berliner Staatsbank am Bebelplatz residiert heute ein Nobel-Hotel, in der Cottbusser Filiale ein Spielcasino.

Die Erinnerungen von Noch-DDR-Bürgern an die Ankunft der D-Mark regen zumindest die etwas älteren Zuschauer aus dem Osten zu eigenen Rückblicken an. Damals mussten „Sockelbeträge“ auf den Konten aufgefüllt werden, denn nur die „Sockel“ wurden ja 1:1 umgestellt. Für jede Ostmark darüber gab es 50 West-Pfennige auf dem Konto – immer noch ein guter Kurs, ja ein „Geschenk“, wie sich ein heutiger Münzsammler erinnert, der in Wechselstuben am Bahnhof Zoo zuvor bis zu 20 Ostmark für eine Westmark ausgeben musste. Fast jeder kann heute noch sagen, was er für das erste Westgeld gekauft hat. Ich hatte noch mein „Begrüßungsgeld“ in ein Konzerticket für den Auftritt der Rolling Stones im Olympiastadion gesteckt, das dann ausverkauft war. Das Geld bekam ich wieder und ging damit zum nächsten Stones-Auftritt in die Radrennbahn Weißensee.

Wie widersprüchlich die Währungsunion medial aufgenommen wurde, zeigen im Film die Fernsehnachrichten. Die „Tagesschau“ berichtete von Jubel, Böllerschüssen und Hupkonzerten. Die „Aktuelle Kamera“ bewertete die mitternächtliche Geldausgabe der Deutschen Bank auf dem Alexanderplatz als Werbetour und als Skandal, weil im Gedränge Leute ohnmächtig wurden und von Sanitätern geborgen werden mussten. Mit dem Wissen um die ökonomischen Folgen der schnellen D-Mark-Einführung für die Wirtschaft im Osten klingt der warnende Tonfall heute angebrachter als die bloße Jubel-Nachricht.

Wie die D-Mark in den Osten kam  Mo, 29.6., 23.30 ARD. Eine aktuelle Ausgabe der MDR-Zeitreise „Ersehnt und verflucht – die Westmark erobert den Osten“ steht in der MDR Mediathek.