Es hat eine kuriose Note, mit welcher Friedlichkeit die Verleihung des mit 20.000 Euro dotierten Ludwig-Börne-Preises in der Frankfurter Paulskirche alljährlich vonstatten geht. Preisverleihungen, die doch meistens Publizisten ehren, die weder leise noch friedlich sein wollen. Preisverleihungen, bei denen Alice Schwarzer und Henryk M. Broder in der ersten Reihe ihrem neuen Mitpreisträger applaudieren. Diesmal dem Historiker, Buchautor und langjährigen FR-Kolumnisten Götz Aly, der vom wie immer einzigen Juror, diesmal Jens Jessen, ausgewählt worden ist.

Der Feuilletonchef der Zeit lobte den 65-Jährigen und den in Frankfurt geborenen Namensgeber des Preises in seiner Laudatio als „dauerhafte Ruhestörer“, Aly zudem als einen, „der die Bettdecke von der schlummernden Wahrheit wegziehe“. Und sogleich wache die Wahrheit auf und fange zu zappeln an. Die Wahrheit, so Jessen vor allem mit Bezug auf Alys Buch „Hitlers Volksstaat“ (2005), bestehe darin, dass das Ende der NS-Zeit 1945 „wirklich keine Stunde null“ gewesen sei. Zwar sei Aly nicht der Erste, der das erklärt habe, bestechend aber die Fülle und Qualität seiner Quellen und Belege und wie er seine Ergebnisse auf den Punkt bringe: Dass das Versagen der Eliten nach 1933 unzweifelhaft war (so Jessen), dass aber vor allem der „kleine Mann“ von Hitler und dem Nationalsozialismus profitierte. In der durchlässigen Hierarchie der „nazistischen Leistungsvolksgemeinschaft“ (Hans-Ulrich Wehler) sei seine Karriere angeschoben, in der Bundesrepublik dann nahtlos fortgesetzt worden. Dass viele soziale Errungenschaften ein Erbe Hitlers seien, das sei eine bittere Pille, aber Jessen schluckt sie: „Wir leben in der sozialen Großskulptur, die Hitler geschaffen hat.“

Jessen hob hervor, dass er das nicht als Kritik an der Sozialpolitik der Bundesrepublik verstehe (auch wenn Aly „mit diabolischem Vergnügen“ auf Reste nationalsozialistischer Sozialgesetzgebung allerorten hinweise). In erster Linie aber gehe es doch um eine „soziologische Revision unserer Geschichtspolitik“. Nach der sei die Schuld von unten nach oben umverteilt worden. „Für den ,kleinen Mann‘ gab es einen Freispruch erster Klasse.“ In der BRD wie in der DDR sei er, eben noch Hitlers Wähler, gepäppelt worden (Zuhörer, die dem „kleinen Mann“ skeptisch gegenüberstehen, kamen hier wirklich auf ihre Kosten).

Vor diesem Hintergrund interessierte sich Jessen auch für Alys Schrift „Unser Kampf“ (2008): Die Studie zeige den linksradikalen Flügel der Studentenbewegung als heimlichen Verbündeten der Elterngeneration – letztlich daran interessiert, die Verstrickung ihrer Familien zu verdecken. „Antifaschismus“ sei eine „geniale Abwehrstrategie“, noch besser sei der „Antikapitalismus“, der den Komplex außer Landes Richtung Amerika schicke.

Aus alledem ergab sich – in Alys und Jessens Sinne – eine kleine Pointe, über die natürlich nicht gesprochen wurde. Dass nämlich eine heutige (politische, gesellschaftliche) Elite wohlwollend klatschte, nachdem Jessen ihr doch zugerufen hatte: „Die Schuld ist um uns und in uns. Niemand ist auf der sicheren Seite.“

Eine Preisverleihung ist kein Ort für Kritik am Ausgezeichneten. Im Gegenteil. Der Börne-Preis, sagte Aly in seiner Dankesrede, sei „eine wichtige Ermutigung“ für einen, dessen Arbeiten schließlich nicht nur Zustimmung fänden. Spannungen seien zwar auch fruchtbar, jedoch helfe die Auszeichnung dabei, „andere Leute etwas leiser zu machen“. Er selbst sprach dann mit Sympathie über Ludwig Börne, seinen „vollendeten Stil“ als Feuilletonist, sein Interesse, das alles um ihn her miteinbeziehe. Auch den Fährmann, der murmelt: „Ja, ein Jud ist ein schlaues Tier“. Aly wies aber auch am Rande darauf hin, dass der berüchtigte Berliner Hofprediger Adolf Stoecker einer der Vorkämpfer der deutschen Sozialversicherung gewesen sei, gegen die doch bis heute niemand etwas einwenden werde. Und dass der Antisemit Heinrich von Treitschke sich einst bei den Liberalen zu Hause fühlte. Aly tat das nicht mit diabolischer Freude, aber warum eigentlich? Weil er hervorheben wollte, dass sich „Gut und Böse in der deutschen Geschichte nicht so leicht trennen lassen“. Das kann man mit Fug und Recht einen Allgemeinplatz nennen. Andererseits verdankt sich die Tatsache, dass man das mit Fug und Recht einen Allgemeinplatz nennen kann, eben auch Forschern wie Götz Aly.

In ihrer letzten Begrüßung zu einer Börne-Preisverleihung betonte auch Frankfurts scheidende Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) das „Anecken“ und „Im-Widerspruch-Stehen“ als „Eigenschaften, ja, Leidenschaften“, die Aly und Börne teilten. Hannelore Elsner las Texte von Börne und seinem Landsmann Goethe vor, die sich um die Frankfurter „Judenstadt“ drehten. Eine vielleicht zufällige, vielleicht auch geniale Dramaturgie machte die unterschiedlichen Blicke des betroffenen jüdischen Außenseiters und des gleichmütigen christlichen Bürgersohns frappierend deutlich. Dabei gehörte Goethe auch in dieser Hinsicht zu den Neugierigen. Hannelore Elsner las so vor, dass vermutlich jeder schreibende Mensch insgeheim einmal von Hannelore Elsner vorgelesen werden möchte.