Simone Thomalla als Tennis-Doppel-Partnerin Melanie
Foto: Imago/Anita Bugge

BerlinDass es an diesem Abend um die Wurst geht, ist nicht nur so dahergesagt. In einem Tennisverein in der Provinz soll nämlich ein neuer Grill gekauft werden. Oder sollen es eher zwei werden, immerhin ist ein türkischer Muslim Mitglied? Aber nein, sagt Erol, dem seine Religion eigentlich verbietet, sein Grillgut neben Schweinefleisch zu legen. Aber ja, antwortet Melanie, seine Doppelpartnerin, er müsse sich schließlich integrieren können. Warum denn, antwortet er, ich bin Deutscher! 

Und so entspinnt sich im Handumdrehen im Renaissance-Theater in der Komödie „Extrawurst“ von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob eine zunehmend schrillere Debatte über Probleme, die nerven, weil sie schon hundertmal durchgekaut wurden – und die trotzdem nicht verschwinden, da sie ungelöst bleiben. Unmittelbar ansprechend ist an dem Stück, dass es von „ganz normalen“ Figuren getragen wird, die also weder besonders rechts noch links sind. Alle kamen bisher prima miteinander aus, man spielte Tennis, trank Bier, genoss das Vereinsleben. Bloß was reitet Melanie – gutmenschelnd rigide von Simone Thomalla gezeigt –, dass sie jetzt unbedingt einen Extra-Grill für Erol fordert? Erst fliegen die Argumente, wenig später die Fetzen.

Hasskommentare, Zynismen, Beleidigungen

Es ist eine böse, eine schwarze Fastnacht, die den Autoren da gelungen ist, in der die Personen tief in ihr Unbewusstes klettern und nicht wieder herausfinden. Sie sind auf einmal gar nicht mehr so locker und tolerant, wie sie sich sonst geben. Der Vorsitzende (Felix von Manteuffel) verliert die Kontrolle über den fatalen Strom aus Vorurteilen, Hasskommentaren, Zynismen, Beleidigungen und tritt zurück. Seinem Nachfolger (Hansa Czypionka) geht es nicht anders.

Christoph M. Ohrt als Werbetexter haut ständig alberne Witze heraus und tobt am Ende eifersüchtig herum, weil seine Frau Melanie nach Doppel-Siegen vom feschen jungen Erol so innig geherzt wird. Der rutscht bei Atheer Adel peinlich berührt von einem Stuhl zum nächsten und will – vergebens – nicht Stein des Anstoßes sein. Manfred Gruber hat der bald völlig zerstrittenen Gruppe als Bühnenbild ein typisches Clubheim mit Pokalen und Fähnchen an den Wänden entworfen.

Ein Rudel Deutscher, das keinen Kompromiss kennt

Munter, zügig und herzlich bescheuert lässt der Regisseur Guntbert Warns das bestens aufgelegte Ensemble durch das argumentative Minenfeld des Stücks irren und wirren. Die Zuschauer werden als gemeine Vereinsmitglieder angesprochen und angespielt. Am Schluss sind sie – ohne Antworten – allein gelassen, die Bühne ist leer: Wie der Center Court von Wimbledon im Winter und wie ein Rudel Deutscher, das keinen Kompromiss kennt. Oder doch?

„Extrawurst“ von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob bis 22.12., 25./26.12.,  Renaissance-Theater, Knesebeckstr. 100, Karten unter Telefon: 312-4202