Judith Engel (als Ines Finidori), Nico Holonics (als Henri), Constanze Becker (als Sonja) und August Diehl (als Hubert Finidori), v.l., während der Fotoprobe zu Drei Mal Leben im Berliner Ensemble, 13. Januar 2020. // Von Yasmina Reza. Regie Andrea Breth.
Foto:  imago images 

BerlinAm Wochenende habe ich – Neujahrsvorsatz! – mein Bücherregal ausgemistet. Und dabei einen kniehohen Stapel Romane für Oxfam und zwei Regalmeter Theaterzeitschriften geerntet – oder wie sagt man besser: abgeerntet? Jedenfalls weg damit! Oder lieber noch mal durchgucken, die Zeitschriften? Etwa 20 Jahrgänge Theater heute und Theater der Zeit ja immerhin. Die reinste Geschichtsschreibung, wenn man bedenkt, dass Übersichtswerke (außer von Günter Rühle vielleicht) ja nicht mehr geschrieben werden. 

Theater

Drei Mal Leben 16., 17. 1., 19.30 Uhr, Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz1, www.berliner-ensemble.de
4.48 Psychose, 17. 1., 19.30 Uhr, 18.1., 18 Uhr, Deutsches Theater, Schumannstr. 13 a,  www.deutschestheater.de

Allein die Stücke, die hier alle in ihrer jeweiligen Blüte gepresst vorhanden sind: Andreas Marber, Peter Turrini, Thomas Hürlimann – nicht alles natürlich hat die Jahre überdauert …   Auf Knien und schon im Treppenhaus auf dem Weg zur Tonne, sortierte ich alle Ausgaben mit Stücken folgender Autoren und Autorinnen  wieder zurück in die heimische Ewigkeit: Einar Schleef, Fritz Kater, Elfriede Jelinek, Werner Schwab, Moritz Rinke, Sarah Kane, und dazu „Herr Paul“ von Tankred Dorst und „Kunst“ von Yasmina Reza. „Herr Paul“ wegen dem schönen Satz darin: „Wer lebt, stört.“

Klischees sind üblich

Und „Kunst“, weil das so ein wahnsinnig erfolgreiches Stück ist, das ich mit Udo Samel, Gerd Wameling und Peter Simonischek 1995 an der Schaubühne gesehen habe, damals aber nur für eine aufgeblasene Pointe hielt (Anlass des Streits unter Freunden ist ein weißes Bild mit weißen Streifen). Das wollte ich immer noch einmal überprüfen. Dass Rezas Stücke keine komplizierten Sachverhalte transportieren, sondern reine Schauspielanlässe bieten – jede Replik ein Podest fürs Virtuosentum –, macht sie als Futter für All-Stars-Programme in den Theatern extrem beliebt.

„Drei Mal Leben“, Rezas fünftes Theaterstück, wurde im Jahr 2000 von Luc Bondy am Wiener Akademietheater uraufgeführt, und zwar mit Susanne Lothar, Ulrich Mühe, Andrea Clausen und Sven-Eric Bechtolf. Zwei gut situierte Paare im entgleisenden Dialog. Drei Mal setzt ein Paar an, mit einem anderen einen netten Abend zu verbringen. Gewisse Abhängigkeiten gibt es zwischen ihnen, gewisse Anziehungen, und in jeder Version bleibt die Contenance weiter auf der Strecke.

Klischees lauern natürlich überall bei dieser Art von Selbstentblößungskammerspiel, wie es seit Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ (1962) immer wieder mal ausgetestet wurde. Dagegen kommt nur entschlossene und vor allem uneitle Bosheit an. Das Berliner Ensemble bringt in dieser Mission Constanze Becker, Nico Holonics sowie August Diehl und Judith Engel an den Start, inszeniert von Andrea Breth, was bedeutet, dass die Sache geritzt sein dürfte.

Zwischen dunkler Hoffnung und nackter Verzweiflung

High-End-Schauspiel auf mit Sicherheit wankendem Boden – fast ein Wunder, dass bislang nur die ersten drei Vorstellungen ausverkauft sind und nicht schon alle. Tags darauf im Deutschen Theater definitives Kontrastprogramm. Aber aus der gleichen Zeit, theaterhistorisch gesehen. Denn auch Sarah Kanes „4.48 Psychose“ wurde im Jahr 2000 uraufgeführt, postum damals schon, denn die an Depressionen leidende britische Autorin nahm sich 1999 mit nur 28 Jahren das Leben.

Der nachgelassene Text oszilliert zwischen dunkler Hoffnung und nackter Verzweiflung, es sind Fragmente, auf die zumeist mit psychologisierender Dramaturgie zugegriffen wird. Dass am Deutschen Theater Ulrich Rasche damit betraut wurde, lässt für diesmal anderes vermuten. Denn Rasche, 1969 in Bochum geboren, ist der Mann mit dem Räderwerk im Theater. Oder den Drehscheiben. Oder dem Laufband.

Premiere am großen Berliner Theater

Einer sich bewegenden Maschinerie als Bühnenbild jedenfalls, in die ein Chor von Schauspielern rhythmisch und überpersonal den Text einspeist und -stampft.  Das hat durchaus Sog und Kraft, und man kann verstehen, dass jedes größere Theater mitmachen will. Seit sieben Jahren ist der in Berlin wohnende Rasche zwischen Wien und Basel immerzu unterwegs und erhielt schon die meisten der verfügbaren Ehren.

Jetzt hat er erstmals eine eigene Premiere an einem großen Berliner Theater. Die Probenfotos zeigen ein achtköpfiges Ensemble in schwarzer Trainingskleidung, unterwegs  auf einem Laufband, aber erschöpft irgendwie und offenbar stumm. Auch Maschinenästhetik kann sich – fragen Sie ruhig die KI Ihres Vertrauens – ja entwickeln.