Etwas ist faul im Staate – oder nicht sein − Dänemark“. Immer wieder setzt die sanfte Computerstimme zum „Hamlet“ an, aber ihr Programm hängt. „Sein oder – oder Odersein − nicht?“. Die Ton-Module machen sich selbständig, springen, wohin sie wollen, und niemand greift ein. Aber muss denn jemand eingreifen? Die Shakespeare’schen Kernsätze nisten ja so fest im Gedächtnis, dass wenige, auch verdrehte Signalwörter genügen, um den ganzen Konflikt von selbst abzuspulen: Handeln, oder?

Dass sich an diesem rätselhaften, anregenden, aufregenden Abend in den Sophiensælen aber gar nichts einfach nur abspult, dafür sorgt auch diese höchst sinnreich verzerrte Computerstotterei. Sie spiegelt nicht nur schön, in welcher Sinnlosschleife sich bloß reproduzierendes Theater generell bewegt, das mit jeder kleinen Irritationsidee nichts als kleine Geistesblitze in Kunstköpfen abfeiert. Die Stotterei animiert hier tatsächlich einmal dazu, auszusteigen aus der bloßen Geistreichigkeit, den Text nicht nur zurück zu binden an einen intellektuellen Ursprung, sondern ihn weiter zu spinnen in konkrete Gegenwart. Wie geht das?

Hier, indem das Künstlerduo Bösediva, bestehend aus dem Autor Robin Detje und der Schauspielerin Elisa Duca, kein Theater macht, sondern eine „Stückbegehung“. Die Handlung erkundet sich im eigenen Handeln. Und so mutiert dieser „Hamlet“ tatsächlich zum „Doppelhamlet“, der nicht nur in Gestalt zweier Spieler neben einem Wasserbecken auf der Bühne Gesten der Anspannung und Erschlaffung wechselt, sondern der sich im Publikum selbst ausbreitet. Die Hamlets, das sind wir.

Der Computer fordert auf: „Nehmen Sie ihre Rechte wahr. Bewegen Sie sich frei.“ Und wir wechseln den Ort, untersuchen die kommunizierenden Röhren an der Wand, treten an das Wasserbecken – Ophelias Grab, der Sumpf unseres Dänemarks, das Fruchtwasser unserer Erneuerung – und bestaunen ein riesiges, silbernes Etwas, das aussieht wie ein Stahlofen mit Nabelschnur. Einzeln darf man hineinkriechen und das pelzig dunkle Innere ertasten: plötzlich − eine Frau. Ophelia? Gertrud, die treulose Hamlet-Mutter, die jeden einlässt? Haben wir eine Grenze überschritten? Bald kommt sie (Elisa Duca) heraus und verklebt sich zusammen mit den zwei Hamlets langsam die Gesichtshaut − als könnten wir ihrer Verwesung zusehen. Aber wir untätigen Zuseher verwesen ja mit! Dann springen sie auf, Duca taucht ihre Haare ins Wasser, läuft ins Publikum und schüttelt sich so kräftig, als könne jeder Spritzer uns helfen, endlich selbst aufzuwachen, das zu tun, was wir immer nur an sie, die Fiktion, delegieren. Und es stimmt ja: nicht irgendwelche Hamlets tun nichts gegen das Faule im Staat, sondern wir.

Doppelhamlet, 4., 5. Juni, 20 Uhr, Sophiensæle, Tel.: 28 35 266