Im alten Berliner Brauerei-Heizhaus am Prenzlauer Berg  fließt der thailändische Chao Phraya über die Bildflächen. Diese erheben sich, befestigt an strengweißen Stellwänden, entworfen vom Büro des Architekten David Chipperfield, exakt 19 Zentimeter über dem ausgetretenen Steinfußboden: drei ausladende Foto-"Gemälde" fast wie Skulpturen auf Sockeln.

Träge schiebt der tropische Fluss sein bleiig-ölverschmutztes, rätselhaft bunt changierendes Wasser Richtung der schweren maßgeschneiderten Bilderrahmen. Die hässlich-schön schimmernden Schlieren und Wellen kräuseln sich zu Inselchen, formen rätselhafte Kontinente. Gespenstisch weiß tanzt auf dem schiefertafelartigen Wasser des einen Fluss-Bildes spindelartig eine Lichtsäule mit gelblichem Schattenspiel. Und im anderen Großfoto strudeln auf einer gleißend hellen, überbelichteten Bildfläche bizarre Gebilde einem unbekannten Ziel entgegen, abstrakt auf den ersten Blick, beim näheren Hinsehen dann als realer Müll auszumachen:

Plastikflaschen, Verschlüsse, Autoreifen, Fertigsuppen-Tüten, Verpackungsreste, Plastiktütenfetzen, Zeitungen, Gummi-Entchen, tote Pflanzen. Gurskys "Bangkok"-Serie unterscheidet sich fast extrem von all den bekannten Großfotos, die der gefeierte Fotograf seit Jahren hierzulande und in der ganzen Welt zeigt - von steinernen Städten, Wolkenkratzern, Shoppingtempeln, Banken, asiatischen Billigfabriken, Atom-Laboren und den Menschen in diesen Termiten-Haufen der Spätmoderne. Da hinein, in die versteinerten oder gequälten Seelen der globalisierten Welt, zoomte sich üblicherweise der 1955 in Leipzig geborene Erfolgsfotograf aus der Düsseldorf er Schule mit seiner Kamera.

Nun aber ist von dem weltweit Gefragten und Ausstellungsverwöhnten etwas völlig Neues zu sehen: drei Arbeiten seiner jüngsten Bangkok-Serie im einstigen Heizhaus der alten Bötzow-Brauerei von 1885, die Unternehmer Hans Georg Näder zum Kunst-und Atelierhaus mit Erlebnisgastronomie umwidmete. Der Sammler und Hausherr  zeigt nun seinen  sehr besonderen Gursky-Besitz in dem spannenden Ambiente mit der kruden Gründerzeit-Patina der denkmalgeschützten, aber zu DDR-Zeit noch gründlich vernutzten Berliner Brauerei. Diese ausgestellten Großfotos sind zudem längst im Besitz der Hans Georg-Näder (HGN)-Sammlung. Und so sind kann man sie für drei Monate in der nach Keller, alter Maische und Maschinenöl riechenden Halle in Augenschein nehmen, nicht wie sonst, wo Gurskys wirkmächtige Motive eher  in noblen White Cubes ausgebreitet werden.

Für seine neuesten spektakulären Großfotos richtete Gursky die Kamera nicht auf die Architekturen des Turbokapitalismus, sondern lediglich auf den versifften Fluss Chao Phraya, der mitten durch die thailändische Megapole fließt, einst Lebensader, heute ein vor allem im Tropensommer infernalisch stinkender Styx, auf dessen Grund wohl der Totengott Hades herrscht.

Aber aus diesem jammervollen Zustand macht Gursky keine Anklage, kein Umwelt-Lamento, sondern hochästhetische, zugleich beunruhigende Kunst. Er wählte für Situationsbeschreibung, Kulturkritik und das eigene Umweltbewusstsein die Sprache der Kamera: Nichts mehr in dieser Fotografie ist klassisch. Eher wurde hier malerisch-abstrakt, eigentlich ganz in der Tradition der sogenannten Subjektiven Fotografie der 1950er-Jahre komponiert, nur dass damals weder derart große Formate fototechnisch möglich, noch das Farbfoto als kunstwürdig anerkannt und perfektioniert waren.

Andreas Gursky kam zu dieser Art und Weise der Fotografie, indem auch er die Motive nicht um ihrer selbst willen abbildete oder dokumentierte, sondern eher eine Versuchs-Anordnung eben jener vorgefundenen Situation herstellte. Das ist also etwas völlig Anderes als die Realität, weg vom romantischen Ab-oder Sinnbild, auch geht es nicht um Surreales. Diese Bilder sollen offenbar gelesen werden als wissenschaftliche Arbeit mit Kontrasten, Oberflächen- und Strukturen, als Experimente mit Licht und Schatten, mit Spiegelungen und mikro-makroskopischen Kompositionen.

Und dem Meister Zufall überließ er auch im fernen Bangkok nichts, beließ jedoch den Aufnahmen von dem ganzen Müll im Flusswasser die poetische Struktur und die schier endlose, detailreiche und bestechende Brillanz. Dazu bleibt auf den Fotos nichts, wie es ist. Aufwendig und raffiniert verändert Gursky die Motive digital, so lange, bis er es hat: sein Bild vom Bild, seine Galaxien. Und wenn schon nicht für immer, dann wenigstens für ewig.

Atelierhaus auf Bötzow, Prenzlauer Allee 242. Bis 12. Januar 2014, Do-Sa 14-20/So 12-18 Uhr. Eintritt frei.