Als eine der bemerkenswertesten Leistungen von „Bohemian Rhapsody“ fällt uns irgendwann das künstliche Gebiss nicht mehr auf, das Hauptdarsteller Rami Malek trägt. Der Film erzählt zwar, coproduziert von Gitarrist Brian May und Drummer Roger Taylor, die Geschichte von deren hypererfolgreicher Rockband Queen. Aber es geht doch vor allem um den 1992 an den Folgen von Aids verstorbenen Sänger Freddie Mercury. Der hatte tatsächlich einen stattlichen Überbiss, aber im Film wirkt die Lutscherei an seinen Zähnen zunächst arg grotesk.

Doch nicht nur vergisst man den stomatologisch bedenklichen Vorbau schnell – Maleks Performance beseelt und erleuchtet eine im Grunde eher biedere Folge von Lebensstationen, die schon 2007 in der Biopic-Parodie „Walk Hard“ zu Klischees erklärt wurden.

Womöglich liegt es daran, dass Bryan Singer („Die üblichen Verdächtigen“) zwar als alleiniger Regisseur geführt wird, aber vor Drehschluss gefeuert wurde und sein Ersatz Dexter Fletcher („Eddie The Eagle“) die Arbeit in pragmatischer Professionalität beendete.

Harte Albenverhandlungen und trotzige Erfolge

So sind wir dabei, wenn Mercury auf einem Parkplatz zu einer Band findet, der gerade der Sänger abhandengekommen ist. Die nerdigen Musiker machen sich zunächst noch über den zierlichen Perser mit dem Überbiss lustig – bis Mercury kurzentschlossen eine staunenswerte Acapella-Einlage gibt. Gleich danach scheint dann beim ersten Auftritt alles schiefzugehen, die Leute lachen, bis Mercury den Schrillomaten anknipst und sie einfach überrollt. Und natürlich hakt der Film harte Albenverhandlungen, trotzige Erfolge und die besessene Schaffung größter Hits ab.

Aber bei aller Berechenbarkeit und auch wenn man nicht erfährt, woher eigentlich der selbst für Glamzeiten irre Operettendrall des titelgebenden Songs kommt: Man müsste aus Stein sein, ließe man sich von Malek, der alles selbst singt und performt, nicht mitnehmen.

Vorwurf homophober Moral

Komischerweise bleibt Mercurys persischer Familienhintergrund unbeleuchtet. Als Farrokh Bulsara auf Sansibar geboren, kam er erst als Teenager in die englische Provinz. Doch abgesehen von kurz angedeuteter väterlicher Grummligkeit über den Lifestyle spielt das im Film kaum eine Rolle. Anfangs sehen wir ihn als Packer am Flughafen, aber unter dem Blaumann steckt offenbar schon der voll ausgebildete, überdimensional selbstbewusste Sänger mit Hang zu extravaganter, oft femininer Garderobe.
Mehr Mühe verwendet der Film auf die Sexualität des Helden.

So schillernd extrovertiert er sich auf der Bühne und in der Kunst gibt, so zögernd und unsicher gesteht er sich seine Bi- oder Homosexualität ein. Malek zeigt die verwirrenden Konflikte – Mercury kämpft eifersüchtig und erfolgreich um die Freundschaft seiner ersten großen Liebe Mary Austin (Lucy Boynton) – mit berührendem Zartgefühl.

Dass es später Mercurys erster homosexueller Dauerpartner ist, der gegen die Band intrigiert, ihn ausnutzt und gleichsam ins Verderben treibt, hat man dem Film bereits als homophobe Moral vorgeworfen. Tatsächlich bleiben Mercurys bekannte Party- und Drogenexzesse sehr jugendfrei und die Lederschwulen seiner Münchner Solo-Zeit sehen aus, als habe sie Fassbinder für ein Schwabinger „Cruising“ gecastet.

Andererseits wirken gegen die Outfits und Vokuhilas der Band die Klischees fast cool. Und als Mercury schließlich wieder in die Spur kommt, steht mit Jim Hutton ein treuer schwuler Partner bis ans Ende bereit. An Mercurys Status als queerer Ikone kratzt der Film, finde ich, nicht, er hatte sich auch im richtigen Leben nicht offensiv geoutet, sondern auf die Freiheit seines künstlerischen Ausdrucks verlassen.

Unnötig billig

Unangenehmer scheint mir die emotionale Manipulation des rahmenden Live-Aid-Konzerts 1985, mit dem Bob Geldof die Popwelt zur Hungerhilfe für Afrika aufrief. Zu Beginn nur angedeutet, peitscht der Film zum Schluss mit dem Comeback-Gig nach Mercurys Läuterung die Herzen mit allem hoch, was Hollywood für solche Momente parat hält.

Im Stadion und vor dem TV scheinen alle nur auf Queen gewartet zu haben, die Spendenkasse klingelt mit jeder Heldenpose lauter. Unterdessen liegen sich alle in den Armen, die der Sänger zuvor verstört hat: die Verlobte, die Familie, Freddies neuer Partner. Den Overkill perfekt macht die kurz zuvor überbrachte HIV-Diagnose – damals ein Todesurteil. Im Leben jedoch ließ sich der Sänger erst ein gutes Jahr nach dem Comeback testen.

Der Film setzt über mehr als zwei Stunden alles daran, Mercurys Kunst in fliegender Leidenschaft zu begründen. Und dann muss er sich für diese besondere Performance eine konkrete Todesdrohung erfinden. Unnötig billig, aber vor allem unfair gegenüber dem besten Aspekt dieses mittelprächtigen Films: Seinem hinreißenden, großmäuligen Star.

Bohemian Rhapsody USA/GB 2018. Regie: Bryan Singer, Dexter Fletcher. Darsteller: Rami Malek, Gwylim Lee, Lucy Boynton u. a.,
135 Minuten, Farbe. FSK: ab 6 Jahren
Der Film kommt am Mittwoch in die Kinos.