Obwohl im ersten Herbst nach dem Krieg das Sterben noch nicht aufgehört hat, kommt es im Militärhospital in Leningrad oft zu Ausbrüchen von Heiterkeit. Die Kriegsversehrten und ihre Pflegerinnen muntern einander mit Scherzen auf. Die Pantomime, bei der Tiere erraten werden sollen, erntet schallendes Gelächter. Auch ein Querschnittsgelähmter zeigt sich in bester Stimmung, als der Stationsarzt ihn untersucht.

Diese Ausgelassenheit ist weder vorgetäuscht noch trotzig. Sie stillt einen Hunger der Überlebenden; erst spät schlägt sie für einen Moment in Hysterie um. Kantemir Balagov beschwört diesen Ort, an dem weiterhin Blut aus Wunden fließt, nicht als Idyll, sondern betrachtet ihn als Parenthese vor der bangen Rückkehr ins zivile Leben. Das warme Licht, in die Ksenia Seredas Kamera die Szenerie taucht, beschönigt Schmerz, Leid und Entbehrung nicht. Vielmehr umfängt es tröstend die Figuren. Es durchbricht das Dunkel.

Iya (Viktoria Miroshnichenko), die in der Wäscherei arbeitet und im Krankensaal zur Hand geht, müsste eigentlich zu den Patienten gehören. Seit sie an der Front war, leidet sie unter dem, was man 1945 noch nicht als eine posttraumatische Störung diagnostizierte. Regelmäßig fällt sie in Schockstarre. Wegen ihrer langen Gliedmaße wird sie von aller Welt „Bohnenstange“ genannt. In der Filmförderrepublik Deutschland wäre sie zweifellos zur Protagonistin eines mitfühlenden Dramas über Ausgrenzung geworden, aber Balagov hat mehr mit ihr vor. Er erkennt ihre verschüchterte Schönheit, stellt ihr zwei Verehrer zur Seite: einen älteren Mitbewohner, der weiß, dass ihr Name im Griechischen „Veilchen“ bedeutet, und vor allem den Stationsarzt, aus dessen Mund Bohnenstange wie ein Kosename klingt.

Iya kümmert sich hingebungsvoll um den kleinen Paschka, den alle für ihren Sohn halten. Als sie erneut einen Anfall hat, erstickt er unter dem Gewicht ihres Körpers. Dann kehrt seine leibliche Mutter Mascha (Vasilisa Perelygina) aus dem Krieg zurück. Paschka sei im Schlaf gestorben, versichert sie der geliebten Kameradin. In diesem Moment erreicht der Film brüsk seinen Umschlagpunkt. Mascha bricht nicht in Tränen aus, sondern will unbedingt ausgehen. Die Tanzlokale sind geschlossen, dafür begegnen sie zwei unbeholfenen Schwerenötern. Mascha verführt den Schüchternen unter ihnen, der von nun an mit Lebensmittelrationen um sie wirbt und Iyas Eifersucht schürt. Der Film wird sich von dieser Wendung nicht mehr erholen. Er muss es auch nicht.

Mit seinem ersten Langfilm „Tesnota“, der in Berlin auf dem Jüdischen Filmfest zu entdecken war, hat sich der blutjunge Regisseur als ein bildmächtiger Filmemacher vorgestellt, der ein besonderes Gespür für Frauenporträts in engen, erstickenden Milieus besitzt. Nun beweist er erneut, wie empfindsam er Schauspieler führen kann. Souverän gelingt ihm so der Wechsel der Erzählperspektive zu Mascha hin. Sie ist besessen von der Idee, ein weiteres Kind zu bekommen. Als sie erfährt, dass sie nach einer Kriegsverletzung unfruchtbar ist, nimmt sie Iya dafür in die Pflicht. Balagov ist fasziniert von Maschas unerklärtem Lächeln, das nie lang von ihren Zügen verschwindet. Es besiegelt einen Abstieg in den Wahn, in den sie ihre liebende Freundin verstrickt. Den Blessuren des Krieges werden sie auch im Frieden nicht entrinnen.

Bohnenstange (Dylda) Russland 2019. Regie (und Co-Drehbuch mit Alexander Terekov): Kantemir Balagov. Kamera: Ksenia Sereda. Darsteller: Viktoria Miroshnichenko, Vasilisa Perelygina, Andrey Bykov u.a. 127 Minuten, Farbe. FSK: freigegeben als 12 Jahren