Drei Fox-Frauen: Charlize Theron, Nicole Kidman und Margot Robbie
Foto: Hilary B Gayle

New York„Höher!“, sagt der dicke, alte Mann im teuren Anzug zu der jungen Frau, die vor ihm steht. Zaghaft und mit verkniffenem Blick zieht Kayla (Margot Robbie) ihren Rock etwas weiter hoch. „Noch höher,“ verlangt Roger Ailes (John Lithgow) mit schwerer werdendem Atem. Sie tut, was er sagt: Kayla, die Praktikantin aus konservativem Elternhaus, will sich bei ihrem Chef, dem Herrscher des Kanals Fox News, als Talent vor der Fernsehkamera empfehlen. Ailes plaudert lange über den Einsatz, den er von seinen Leuten erwarte. Und natürlich gehe es beim Fernsehen auch um Attraktivität.

Am Anfang hält Kayla seine Aufforderung, sich vor ihm hinzustellen und mal umzudrehen und Bein zu zeigen, für etwas albern. Doch dann kippt die Stimmung. Man spürt ihre aufsteigende Angst. Kayla ist ihm ausgeliefert: Die Kamera vor der elektronisch verriegelten Tür des Büros, die Sekretärin, die Kayla wie ein Lamm zur Raubtierfütterung geführt hat – alles dient hier nur dem Boss. Als schon ihr Slip zu sehen ist, lässt Ailes Kayla endlich gehen, selige Befriedigung bei ihm, Panik und Ekel bei ihr. Man werde sich noch öfter treffen.

Musikalisch passend unterlegt mit "Bad Guy" von Billie Eilish.

Quelle: YouTube

Die traumatische Szene ist der Dreh- und Angelpunkt von Jay Roachs Film „Bombshell“, bis dahin bekommt man bereits einen guten schlechten Eindruck von den Verhältnissen bei Fox News im Jahr 2016. In den Mittelpunkt rückt der Film zunächst zwei Moderatorinnen des reaktionären Nachrichtensenders: Gretchen Carlson (Nicole Kidman) und Megyn Kelly (Charlize Theron) sind Ailes’ Topstars, wenn auch in unterschiedlichen Karriere-Phasen.

Während Carlson mangels Quoten ins Nachmittagsprogramm verbannt wird, nimmt Kelly an der republikanischen Präsidentschaftsdebatte teil, bei der sie auch und gerade den Kandidaten Donald Trump konsequent befragt. Der Zorn seiner Fangemeinde folgt sofort. Roger Ailes beruhigt Megyn Kelly, Trump sei ein Clown, sie habe korrekt gearbeitet, Fox News stehe hinter ihr, auch Personenschutz werde organisiert. Wie diese Unterstützung hintertrieben wird, gehört zu den besten Aspekten von „Bombshell“: Als die Republikaner sich hinter den Außenseiter Trump stellen, steigt auch Rupert Murdochs Sender Fox News auf die neue Linie um.

Klima der Angst in den Großraumbüros

Facettenreich erzählt Charles Randolph, der mit seinem Drehbuch für „The Big Short“ bereits die Finanzkrise skizziert hat, diese Geschichte aus dem Medienzirkus. Das Klima der Angst in den Großraumbüros, der Konkurrenzdruck, all das wird greifbar auch durch Nebensätze und erzählerische Schlenker, wie Kaylas Affäre mit einer Kollegin. Junge, blonde Frauen haben es bei Fox News besonders leicht, also schwer, vor der Kamera müssen die Kameras stets ihre kurzen Röcke und langen Beine zeigen.

„Bombshell“ formuliert eine starke Anklage gegen den Sexismus in dieser Branche, doch die Abrechnung fällt seltsam zögerlich aus. Allzu sehr konzentriert sich der Film auf die Figur des „Einzeltäters“ Ailes und einen sehr amerikanischen Umgang mit ihm. Die Entscheidung, die Darstellerinnen der echten Moderatorinnen Gretchen Carlson und Megyn Kelly optisch ihren prominenten Figuren anzugleichen, gibt Nicole Kidman ein karikaturenhaftes Kinn und lässt Charlize Theron in ihrer Rolle verschwinden.

Am Ende soll man Rupert Murdoch dann aber feiern

Irritierender ist noch die erzählerische Vorsicht beim Thema: Dass „Kayla“ nur eine Kunstfigur ist oder dass sich die erfolgreichen Frauen, nicht aber die männlichen Kollegen hier fragen lassen müssen, warum sie mit ihrem jahrelangen Schweigen den systematischen Missbrauch haben geschehen lassen, macht den Film, der ein Weckruf sein sollte, zu einem eher lauwarmen Appell. Und dass man den so reaktionären wie rücksichtslosen Rupert Murdoch (Malcolm McDowell) auch noch feiern soll, wenn er Ailes dann doch endlich feuert, hinterlässt einen üblen Nachgeschmack.

Bombshell – Das Ende des Schweigens, USA 2019. Regie: Jay Roach; Darsteller: Charlize Theron, Nicole Kidman, Margot Robbie, John Lithgow, Malcolm McDowell, Kate McKinnon u.a.; Farbe, 109 Minuten. FSK: ab 12 Jahren