BerlinNoch vor einigen Jahren waren Youtube-Videos der große Hit, die beweisen wollten, wie dumm die US-Amerikaner sind. Das waren Videos von Satirikern, die sich als Reporter tarnten und mit einem Globus in der Hand dahergelaufene Südstaatler befragten, wo denn zum Beispiel Australien liegt. Manche dieser Leute zeigten überfordert auf Österreich oder zuckten gleich mit den Schultern. Ach, was waren das für Zeiten. Was haben wir gelacht!

Die lange ersehnte, heiß erwartete Komödie „Borat 2“ des Schauspielers und Satirikers Sasha Baron Cohen funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip – nur dass einem in heutigen Zeiten oftmals das Lachen im Halse stecken bleibt. Bei der Satire-Doku handelt es sich um die Fortsetzung des Comedy-Hits „Borat“ (2006), der Cohen erst so richtig berühmt gemacht hat. Darin spielt der heute 49-Jährige einen Kasachen, der nach Amerika reist, um als Abgesandter seines Landes die Sitten und Bräuche des US-Imperiums kennenzulernen. Alle Begegnungen wurden mit versteckter Kamera gedreht und waren tatsächlich stellenweise zum Wegschmeißen. Der erste Teil hatte wahnwitzige Momente, die dem Zuschauer eine einfache These nahe legen wollten: ‚Die US-Amerikaner, die sind schon ganz schön blöd.‘

Trotz der guten Absichten und des stellenweise entlarvenden Humors hat die Satire-Doku schon 2006 für eine Rassismus-Debatte gesorgt. Kasachstan war über den Film so verärgert, dass er einfach verboten wurde. Dabei spricht Borat nicht wirklich Kasachisch in der Doku-Satire, sondern eine Mischung aus Hebräisch und Polnisch. Die Kasachstan-Klischees, die der Film bedient, haben nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Und doch gab es auch Kasachen, die dem Satiriker die Persiflage 2006 nicht wirklich übel nahmen. Der Außenminister Kasachstans, Jerschan Kasychanow, zeigte sogar Dankbarkeit, weil sich die Visa-Anträge für sein Land nach der Premiere verzehnfacht hätten.

Heute hat sich die Weltlage verändert. Mittlerweile ist Trump an der Macht, seine Wiederwahl droht, intellektuelle Beschränktheit ist zu einer Gefahr für die westlichen Demokratien geworden. Insofern versteht sich „Borat 2“ und die Entscheidung, die Satire-Doku beim Streamingdienst Amazon Prime (VÖ: 23. Oktober) weltweit anzubieten, als komödiantisches Aufklärungsmittel und Gegengift gegen ein stupides und wahrheitsresistentes Amerika, das Trump für sich auszunutzen versteht. Die Handlung ist kaum erwähnenswert: Der Kasache Borat soll erneut in die USA reisen, um Vize-Präsident Mike Pence ein Geschenk zu überreichen, das den Ruf Kasachstans aufpolieren soll. Die Gabe? Borats 15-jährige Tochter. Und so macht sich der Kasache mit der jungen Frau auf den Weg, auf der Suche nach dem Vizepräsidenten durch den Süden der USA.

Es warten einige Kalauer, die Cohen im Schutz seiner Maskerade tatsächlich vortrefflich gelungen sind. Einer der Höhepunkte ist sicher Borats mehrtägiger Aufenthalt bei zwei republikanischen Verschwörungstheoretikern, die die demokratische Partei für gefährlicher halten als Covid-19. Von solchen Momenten gibt es viele. Und tatsächlich muss man herzhaft lachen, als es Borat schließlich gelingt, auf einer Wahlveranstaltung zu Mike Pence vorzudringen und ihm wirklich seine Tochter als Opfergabe hinzureichen.

Doch was folgt nun daraus? Im Grunde werden immer wieder die alten Klischees bedient. Und so ist es auch mit dem größten Skandal, den diese Doku zu bieten hat: ein Treffen mit dem Trump-Vertrauten Rudy Giuliani. Der Film zeigt, wie Borats Tochter sich als TV-Journalistin verkleidet, um in Gulianis Nähe zu kommen. In einem Hotelzimmer führt sie mit ihm ein Interview, flirtet, macht ihm Avancen. Nach dem Gespräch führt sie den Ex-Bürgermeister New Yorks, der sich in Sicherheit wiegt, in ein Schlafzimmer, wo sich Giuliani anschließend auf ein Bett setzt und sich in die Hose fasst – augenscheinlich in der Annahme, dass die junge Frau mit ihm schlafen will. In diesem Moment kommt Borat hereingestürmt und warnt den Politiker: „Was machen Sie da? Meine Tochter ist doch schon (sic!) 15 Jahre alt!“

Die Aktion führte bereits im Sommer 2020 zu einem kleinen Skandal. Dabei muss man bedenken: Giuliani hat nichts Illegales getan. Die Schauspielerin war beim Dreh 24 Jahre alt. Zwar sagen einige Kritiker im Netz, dass sie sich vor Giuliani als 15-Jährige präsentierte, aber das kann nicht mit Sicherheit geklärt werden. Die Doku bleibt hier im Vagen. Das einzige, was dem Film mit Sicherheit gelingt, ist, den Erzkonservativen als alten, weißen, geilen Mann vorzuführen. Obwohl: Giuliani schrieb am Mittwoch auf Twitter, dass er sich nur sein Hemd in die Hose gesteckt hätte.

So oder so: Man stellt sich die Frage, was die Zur-Schau-Stellung von minderbemittelten Republikanern für einen aufklärerischen Effekt haben soll. Der Beobachter fühlt sich überlegen, erhaben, besser als die Dummen, die vorgeführt werden. Und was soll das bringen? Genau dieses Gefühl der Besserwisserei war es doch, dass die Demokraten von den Republikanern so extrem gespalten hatte und letztlich den Weg dafür ebnete, dass sich die ländlichen Bewohner der USA mit den elitistisch wirkenden Demokraten (angeführt durch Hillary Clinton) nicht mehr identifizieren konnten. Die Doku „Borat 2“  – sie erweist der US-Opposition einen Bärendienst.

„Borat 2“, ab 23. Oktober 2020 auf Amazon Prime Video verfügbar.