Vor der alten Fabrikhalle sitzen junge Leute in der Vormittagssonne, mit Blick auf die Rummelsburger Bucht löffeln sie ihr Frühstück. Wenn sie aufstehen, um ihre leeren Schalen zur Café-Theke zu bringen, dann sieht man viele weiße Hosenböden. Nicht Mehl hat den oft bunten Stoff weiß gefärbt, sondern Kalk. Das Pulver, das schwitzige Hände beim Bouldern wieder griffig macht.

Bouldern kommt vom englischen Wort für Felsklotz. Unter Bouldern versteht man das Klettern in Absprunghöhe, ohne Seil oder sonstige Sicherung. Gebouldert wird hierzulande meist in Hallen an künstlichen Felswänden. Ihr Boden ist mit dicken Matten bedeckt, die im Fall des Falles das Verletzungsrisiko mindern. Mindestens neun solcher Locations gibt es mittlerweile in Berlin, der Ostbloc in der Rummelsburger Bucht gehörte bei seiner Eröffnung vor acht Jahren zu den ersten Anlagen dieser Art.

Übersät mit künstlichen Felsvorsprüngen

Karibische Melodien wabern an diesem Vormittag durch die Ostbloc-Halle. Die Wände – manche senkrecht, andere geneigt – sind mit bunten Griffen in verschiedenen Formen übersät und mit künstlichen Felsvorsprüngen, die der Fachmann „Volumen“ nennt. Jede der sieben Farben der Griffe steht für einen Schwierigkeitsgrad – die leichtesten Routen sind im Ostbloc die gelben, schwer sind die grauen, noch anspruchsvoller („zornig“) die schwarzen.

Klettern in wenigen Metern Höhe – das scheint mir machbar: Anders als in der klassischen Kletterhalle gibt es vermutlich keine Schwindelgefühle beim Blick nach unten. Und keinen Fremden an der Sicherungsleine, der möglicherweise just im falschen Moment träumt und schludert.

Ich erinnere mich, wie meine Nichten, vier und neun Jahre alt, einst bei einem Boulderhallen-Besuch einen Vormittag angstfrei und vergnügt an den bunten Griffen die Wände rauf und runter sind. Einen Trainer, einen Kurs brauchten sie nicht.

Mir aber ist beim ersten Mal dann doch etwas Anleitung wichtig. Eric Jahnke – kurze Hose, Kapuzenjacke über dem T-Shirt und nur mit dem Vorderfuß in seinen sehr engen Kletterschuhen – ist mein Mann der Stunde. Der 29-Jährige ist Assistent der Geschäftsführung im Ostbloc, erfahrener Boulderer und noch dazu „Schrauber“; das heißt, er denkt sich zusammen mit zwei Kollegen und einer Kollegin jede Woche neue „Klettersteige“ aus und montiert die Griffe an den Wänden entsprechend.

Erst mal Fallen üben

Bevor ich zugreifen oder einen Fuß darauf setzen darf, wird erstmal Fallen geübt. Eric zeigt mir den „Baby-Boxer“ – für den Fall, dass ich mit den Füßen voraus abstürze. Dann soll ich den Schwung in die Matte abfedern und mich mit angezogenen Füßen auf dem Rücken abrollen.

Bouldern sei wesentlich weniger gefährlich als Seilklettern, sagt Arno Behr, Vorsitzender des Landesverbandes Berlin des Deutschen Alpenvereins (DAV) und Vorsitzender der DAV Sektion AlpinClub Berlin. Das Bouldern hat dem Klettern in größeren Höhen mit Seilsicherung zumindest in der Hauptstadt in den vergangenen zehn Jahren quantitativ den Rang abgelaufen, räumt er ein. Die von Privatleuten errichteten, kommerziell betriebene Boulderhallen boomen. Der DAV dominiere zwar nach wie vor das alpinen Angebot, kann aber beim Bouldern den Kommerziellen kaum etwas entgegensetzen. Bouldern kann man eben auch, wenn man alleine ist. Der Einstieg ist leicht: Man braucht keine aufwendige Ausrüstung und keine Spezialkenntnisse. Und dieser Sport ist – auch aufgrund des geringeren Verletzungsrisikos – nicht ganz so strikt reglementiert wie das Seilklettern.

Aber ohne Regeln geht es auch in Boulderhallen nicht. Im Ostbloc muss man bei der Anmeldung ein „Zehn Gebote“ genanntes Regelwerk unterschrieben. In der Halle erinnern Tafeln an die wichtigsten Regeln: Aufwärmen! Den Sturzraum freihalten! Nicht zu eng beieinander bouldern! Lieber Abklettern als Abspringen!

Doch trotz der Regeln ist die Atmosphäre im Ostbloc locker, Kinder, Jugendliche, Erwachsene probieren sich an den bunten Griffen aus, andere sitzen am Rand und beobachten sie. Manche erklimmen mit athletischen, fließenden Bewegungen die Wänden, die Profis springen gar von der einen zur nächsten Position oder hängen kopfüber an „Felsvorsprüngen“. Bewundernde Blicke verfolgen ihr Fortkommen. Fünf Meter weiter steht ein Grüppchen und tauscht sich aus, wie diese oder jene Route am besten zu bewältigen ist.

Wo der Einstieg ist, das erkennt man an dem Namensschild neben dem Griff, erklärt mir Eric. Der Name gibt Aufschluss, wer den Kurs geschraubt habe. „Eric“ steht an dem gelben Griffen, vor denen ich stehe und die ich nun erklimmen soll. Eric erklärt mir die Drei-Punkte-Regel: An drei Stellen soll ich immer Kontakt zu Wand haben – etwa mit beiden Füssen und einem Arm oder mit zwei Armen und einem Fuß. „Beim Bouldern macht man viel aus den Beinen“, gibt mir der Trainer auf den Weg. Es geht fast wie bei einer Leiter empor, fast selbstverständlich finden meine Füße den Tritt, aus den Knien drücke ich mich nach oben. So konzentriert bin ich bei der Sache, dass ich darüber die Höhe vergesse. Erst als ich den „Top“-Griff erreicht habe, sehe ich nach unten. Meine Knie werden weich. Das soll Absprunghöhe sein? Jetzt bloß nicht fallen! Schnell runter!

Zitternde Muskeln

Eric ist zufrieden, nach zwei weiteren gemeisterten gelben Boulder-Problemen wechseln wir zu blau. Er führt mich zu einer Route in der ersten Etage. Dass Blau schwieriger ist als Gelb, das merke ich gleich. Der Einstiegsgriff ist ein Knubbel, der recht weit oben ist. Gleich beim ersten Schritt muss ich meine Beine überkreuzen, um weiterzukommen. Und dann verstehe ich plötzlich auch, was Eric meint mit: „Dann geht die Tür auf!“ Ich stehe mit zwei Füßen an der geneigten Wand, meine linke Hand greift einen weit entfernten Griff. Plötzlich, ich kann nichts dagegen tun, klappt mein Körper von der Wand weg – wie eine aufgehende Tür.

Es braucht mehrere Versuche, bis ich der Anweisung meines Trainers folgen und den Schwerpunkt so zur Wand hin verlagern kann, dass ich in dieser Passage stehen bleiben kann. Mein Ehrgeiz ist geweckt, gerne würde ich höher hinaus. Aber schon für den Einstiegsgriff sind meine Armmuskeln so ermüdet, dass ich mich nicht mehr halten kann. Genug für heute. Es reicht.

Wie sehr, merke ich beim Mittagessen. Die Gabel zittert in meiner Hand.