Berlin - Jeder Sport hat sein Image. Tennis spielen die Reichen und Schönen. Die Coolen surfen und snowboarden. Im Fitnessstudio trifft man auf die Prolls. Und Nordic Walking und Boule sind für die Generation 60plus. Jedes dieser Klischees mag einen wahren Kern haben, ist im Grunde aber maßlos übertrieben.

Meine Klischeevorstellung von Boule ist besonders ausgeprägt. Wenig Bewegung, viel Gequatsche. Kleinkinder murmeln, Rentner spielen Boule. Dazwischen ist Zeit für die richtigen Sportarten. So weit, so undifferenziert. Natürlich hatte ich mit meinen 28 Jahren noch nie eine Boule-Kugel in der Hand. Doch das soll sich ändern.

Wie auf einer Gartenparty

Dem 1. Boule Club Kreuzberg – kurz: 1. BCK – erzähle ich nichts von meinen Vorurteilen. Wer weiß, ob sie mich sonst eingeladen hätten zu ihrem Boule-Turnier. Bei traumhaftem Wetter empfangen mich Nina Galla, 46, Helmut Hehn, 63, und Stephan Kenn, 48, am frühen Nachmittag im Boulodrome am Paul-Lincke-Ufer. Sie alle sind im Vorstand des 1. BCK und passionierte Spieler. Die Anlage besteht aus fünf etwa 13 mal 13 Meter großen Boule-Feldern. Alle sind mit einem Schotter-Kies-Mix bedeckt, wobei die Körnung der Steine von Feld zu Feld variiert. Auf jedem Feld können drei Boule-Bahnen abgesteckt werden.

Etwa 150 Menschen halten sich an diesem Tag auf den Boulebahnen am Ufer des Landwehrkanals auf. Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, dem Augenschein nach reiche und arme, alte und – zu meiner Überraschung – auch viele junge Menschen. Sie genießen die Sonne, rauchen und trinken Bier oder Limo. Der 1. BCK hat einen Grill-und-Getränkestand aufgebaut. Ich fühle mich wie auf einer Gartenparty, mitten in Kreuzberg.

Das Turnier startet um 16 Uhr. Damit ich in dieses nicht völlig unvorbereitet reinstolpere, zeigen mir die drei vom 1. BCK zumindest die Grundlagen. Wer in Deutschland von Boule spricht, meint meistens eine spezielle Disziplin des Kugelspiels namens Pétanque. Es unterscheidet sich von anderen Kugelspielen vor allem dadurch, dass aus dem Stand geworfen wird.

Helmut erklärt mir die Regeln: Ziel des Spiels ist es, die faustgroßen Metall-Kugeln näher an die walnussgroße Zielkugel zu werfen als der Gegner. Die kleine Zielkugel, auch Sau genannt, wird zu Beginn an das andere Ende der Boule-Bahn geworfen, so dass sie mindestens sechs, höchstens aber zehn Meter von den Spielern entfernt liegt. Das Los entscheidet, wer beginnt. Danach ist immer der Spieler an der Reihe, dessen Kugel momentan nicht am nächsten zur Sau liegt. Bei ungeübten Spielern kann es passieren, dass einer mehrere Würfe hintereinander machen muss, weil er einfach nicht näher herankommt an die Sau.

Bei erfahrenen Spielern wechselt der Werfer zwar nicht unbedingt nach jedem Wurf, aber doch regelmäßig. Drei Kugeln hat jeder Spieler, danach wird abgerechnet. Liegt eine Kugel eines Spielers dichter an der Sau als die beste Kugel des Gegners, bekommt er einen Punkt. Liegen zwei dichter, bekommt er zwei Punkte und so weiter. Reicht das Augenmaß mal nicht, um die bessere Kugel zu bestimmen, kommt das Maßband zum Einsatz. Dann geht es von vorne los. Bis ein Spieler 13 Punkte hat.

Mit beiden Füßen auf dem Boden

Wir spielen ein Übungsmatch, zwei gegen zwei, ein sogenanntes Doublette. Ich spiele mit Helmut gegen Nina und Stephan. Auch bei diesem hat jeder Spieler drei Kugeln, jedes Team insgesamt also sechs.

Wie man die Kugel wirft, kann man sich im Grunde aussuchen, solange man beide Füße auf dem Boden und in dem vorher festgelegten Wurfkreis lässt. Als besonders zielsicher hat sich folgende Technik herausgestellt: Man umschließt die Kugel mit der ganzen Hand, schwingt den Arm – mit dem Handrücken nach oben – und lässt die Kugel im passenden Moment los. Das hat den Vorteil, dass man der Kugel einen Unterschnitt mitgeben kann, wodurch sich die Länge besser kontrollieren lässt. „Das sieht schon ganz passabel aus“, sagt Helmut nach meinen ersten Würfen. Wir führen schnell mit einigen Punkten. Das Wort „Naturtalent“ fällt.

Und ich? Gucke mich stolz wie Bolle auf der großen Boule-Gartenparty in Kreuzberg um und denke: Ist das der freundlichste Sport der Welt? Mein Anfängerglück schwindet zwar nach den ersten paar Würfen, Helmut und ich verlieren die Partie knapp. Aber dennoch: Boule ist ein herrlich unverbissener Sport. Das Turnier kann kommen.

Gespielt wird drei gegen drei, ein sogenanntes Triplette, bei dem jeder Spieler zwei Kugeln hat. Die Mitspieler werden einem zugelost. In der ersten Begegnung spiele ich mit Chabab und Ziska.

Wir diskutieren kurz unsere Rollen im Team. Beim Werfen gibt es zwei grundlegende Taktiken: legen und schießen. Legen heißt, man versucht, die Kugel möglichst nah an die Sau zu legen. Manchmal macht der Gegner das aber so gut, dass es fast unmöglich ist, noch besser zu legen. Dann wird geschossen. Dabei versucht man, die Kugel des Gegner so zu treffen, dass sie aus dem Feld springt. Da Schießen anspruchsvoller als Legen ist, übernimmt Chabab als erfahrenster Boule-Spieler diese Aufgabe. Ich lege und Ziska legt oder schießt je nach Bedarf. „Du hast eine gute Länge“, sagt Chabab nach den ersten Würfen zu mir. Was gleichzeitig heißt: An der Rechts-links-Justierung sollte ich noch arbeiten.

Zum Glück geht es nur um den Spaß

Die beiden motivieren mich, wann immer sie können. Am Ende verlieren wir 8:13. Und Chabab sagt einmal zu oft, dass es ja nur um Spaß gehe.

Die zweite Partie spiele ich mit Robin und Ben, beide etwa in meinem Alter. Als wir auf die Gegner warten, fordert Ben mich auf, schon mal ein paar Würfe zu machen. Zu den Schwierigkeiten des Boule-Sports gehört, dass der Untergrund mal dein Freund, mal dein Feind sein kann. Unebenheiten, große Steine oder das Gefälle der Bahn können der Kugel mal den falschen, mal den richtigen Stups geben. Da schadet es nicht, sich vorher mit dem Untergrund vertraut zu machen.

Kugel im Nirwana

Während der Partie werde ich langsam wieder präziser. Aber sobald die Konzentration auch nur ein wenig nachlässt, rollt die Kugel ins Nirwana. Das Spiel ist knapp. Kurz vor Ende dann die große Chance auf den Sieg: Wir liegen zwar 9:11 hinten, können mit einem gelungenen Wurf von mir aber vier Punkte holen und das Spiel entscheiden. Ich schwinge meinen Arm, visiere aufgrund des Bahn-Gefälles einen Punkt rechts der Sau an und lasse los. Die Kugel kommt da auf, wo ich es geplant hatte. Allerdings ist meine Flugkurve nicht hoch genug, die Kugel hat noch zu viel Tempo und rollt zu weit. Am Ende verlieren wir 12:13. Robin und Ben klatschen mich ab. Am nächsten Tag spielen sie ein richtiges Turnier, eines, bei dem die Spielpartner nicht zugelost werden. Ich für meinen Teil muss weiter auf meinen ersten Boule-Sieg warten. Eines habe ich mir aber vorgenommen: Ich werde ihn vor meinem 60. Geburtstag erleben.