Die „Serpentinen“ vom Romantitel haben es dem Jungen angetan.
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BerlinEin Vater ist unterwegs mit einem Sohn. Der Sohn heißt in diesem Buch „der Junge“. Über den erzählenden Vater erfährt der Leser nur, wie er nicht heißt, als das Kind sich über die Begrüßung im Hotel wundert. Was er sich dazu denkt, schreibt der Ich-Erzähler: „Ich konnte in den Meldeschein schreiben, was ich wollte. Solange man mich für einen Deutschen hielt, wollte niemand meinen Ausweis sehen.“

Der Name ist seine geringste Sorge. Der Vater ist mit seinem Sohn in die Schwäbische Alb gereist, wo er aufgewachsen ist, wo sein Elternhaus noch steht. Die „Serpentinen“ vom Romantitel haben es dem Jungen angetan, die geschwungenen Bergstraßen.

Der Autor von „Auerhaus“

Eigentlich kann es nur gut sein, wenn ein Vater seinem Sohn zeigen möchte, wo er herkommt. Doch nicht nur der falsche Name macht die Reise verdächtig, auch die Tatsache, dass der Erzähler sein Handy ausgeschaltet in einer Blechschachtel mit sich trägt. Er möchte nicht gefunden werden. Wovor flieht er und warum mit dem Jungen?

Bov Bjergs dritter Roman nach dem vergriffenen „Deadline“ und dem so erfolgreichen „Auerhaus“, 2015 erschienen und schon zur Schullektüre geworden, ist ein Buch von philosophischer Tiefe und berückender sprachlicher Leichtigkeit. Vielleicht sind es die vielen Jahre auf Lese- und Kabarettbühnen, die den Autor dazu befähigen, komplizierte Sachverhalte nonchalant in Beobachtungen und Alltagsdialoge einzuflechten.

Das Buch und sein Autor 

Bov Bjerg: Serpentinen.
Roman.

Claassen, Berlin 2020.
270 S., 22 Euro


Bov Bjerg, 1965 in Heiningen am Fuße der Schwäbischen Alb geboren, lebt seit 1984 in Berlin. 2015 erschien sein Roman „Auerhaus“, dessen Verfilmung Ende 2019 ins Kino kam. 

Lesung: Bov Bjerg liest aus „Serpentinen“ und spricht mit Insa Wilke. Dienstag, 11.02., 20 Uhr, Palais in der Kulturbrauerei, Schönhauser Allee 36

„Ich betrieb auch nur Schmalspursoziologie“, urteilt der Erzähler einmal über sich. Wenn er schreibt: „Ich sah eine Autobahn und dachte: Nazis. Ich sah Gleise und dachte Deportationen.“, klingt das nicht zu groß. Die Sätze folgen seinen Beobachtungen, setzen Haltepunkte in den Text. Der Vater des Erzählers, Jahrgang 1928, war Nazi, als niemand mehr Nazi sein musste. „Ein Mörder nur in der Fantasie und auf dem Wahlzettel.“ Der Vater soff und hatte keine Liebe für den Sohn.

Der Vater hat sich umgebracht.

Die Angst, wie die anderen zu enden 

Damit ist hier nicht zu viel verraten. Es steht schon auf dem Buchumschlag. Und auf der ersten Seite heißt es: „Urgroßvater, Großvater, Vater. Ertränkt, erschossen, erhängt. Zu Wasser, zu Lande, und in der Luft. Pioniere. Ich war noch am Leben. Vor Angst schlief ich ein.“ Die Angst, wiederum den eigenen Tod herbeiführen zu müssen, lenkt den Erzähler nicht nur in Serpentinen durch die Landschaft seiner Kindheit, sie begleitet ihn sein Leben lang.

Sie ist in diesem Roman in manchen Momenten konkret da, sie tritt in Rückblicken verwandelt auf als ein Grundgefühl des Ungenügens – im Beruf, als Ehemann einer erfolgreichen Rechtsanwältin, als Vater.
Mit der Familiengeschichte im Rücken, deren legendenangereicherte Variante hier „Familienbla“ heißt, möchte der Erzähler einen Weg in die Zukunft finden. „Ein Vater musste gute Erinnerungen schaffen.“

Er selbst hat nur schlechte: Säufervater, Schlägerstiefvater. Sein Sohn ist jetzt so alt wie er, als er den eigenen Vater tot fand. Der Siebenjährige zieht ihn mit seinen Fragen, seiner Offenheit nach vorn. Er ahnt nicht, in welcher Schicksalslinie er steht, und M., seine Mutter, Frau des Erzählers, weiß nicht, wo beide sind.
Die kurze Reise, vom Sohn als Abenteuer empfunden, zeigt die Erzählerfigur an dem gefährlichen Rand, von dem man in die Tiefe stürzen kann. Der Autor führt sie auf dem Grat zwischen Versagen und Gelingen, er stellt die Empathie der Leserin in Frage, wenn er seine Figur mal hilfsbedürftig, mal sympathisch, zuweilen auch abstoßend wirken lässt.

Gerhard Schröder statt Engels

Der Erzähler erinnert sich an seine erste Flucht aus den familiären Verhältnissen, als er mit seinem besten Freund zu Ausstellungen fuhr. „Die Herkunft schrie uns ins Ohr: Kunst ist für die Faulen! Kunst hat keinen Nutzen! Das sind doch alles Hirngespinste!“ Der Erzähler begegnet nun dessen Bruder Micha. Die Herkunft, die in Saša Stanišics vieldiskutiertem Roman aus dem vergangenen Jahr im Titel stand, die Herkunft, die Karrieren verhindert, drängt sich als Thema in ihr Gespräch. Es bricht bitter ab, wenn ein Satz über Klassenschranken fällt, der nach der frühen Kapitalismuskritik von Friedrich Engels klingt – aber fast von heute stammt, von Gerhard Schröder.

Dieses Buch ist auch besonders durch den Wechsel zwischen Assoziationsketten und Handlung. Oder wegen der Kurzdialoge mit einem unklaren Gegenüber („Die große Brille“), deren Sprechsituation sich spät klärt. Schließlich überzeugt es, weil der Autor die politische Dimension nicht vergisst: Auf einem Berg stehend, weiß der Erzähler gegen Ende unter sich einen „Tunnel von Rheineuropa nach Donaueuropa, er durchbohrte die Zeiten, er durchbohrte die Vergangenheiten…“.

Bov Bjerg hält stilistisch die Spannung zwischen der kindlichen Unschuld und der depressiven Schwere. Damit rettet er sein Buch vor der großen Düsternis. Er nutzt sprechende Bilder. Einmal klettert der Junge eine Sprossenwand hinauf, hakt oben die Füße ein und lässt sich kopfüber hinunterbaumeln. Der Autor schreibt nicht, woran die Erzählerfigur in dem Moment denkt. Das ist auch so klar in diesem starken Roman.