Aufstieg, Fall und neues Leben: Antoine Fuquas neuer Film „Southpaw“ handelt vom Weg eines Helden in mythischer Dimension. Klar, dass ein solcher mythischer Held kein Kaufmann oder Jurist ist, sondern ein Mann in gesteigerter Form – jemand, der seine Karriere buchstäblich dem Kampf verdankt. Es geht um einen Boxer: Ein „Southpaw“ ist jemand, der mit links boxt.

Billy Hope hat sich nach schwerer Jugend im Waisenhaus mit seinen Fäusten eine Riesenvilla, diverse Autos und sonstige Kostentreiber erarbeitet und passt als eher einfacher Charakter in dieses Ambiente wie eine Blähung auf den Präsidentenempfang. Aber was soll’s! Seine Frau Maureen und seine Tochter Leila lieben ihn, und das ist, man sieht es gleich, die Hauptsache und der Sinn seines Kämpfens.

Wäre da nicht der Zorn. Maureen will Billy zur Ruhe bringen und sieht ihn lieber auf Sponsorenpartys brieftaschenöffnende Reden halten. Als ihn ein Herausforderer provoziert, entsteht ein Handgemenge, in dem Billys Frau erschossen wird. Die Trauer lähmt den Champion; den nächsten Boxkampf nimmt er aus drohender Geldnot an. Und es sieht so aus, als würde er das erste Mal in seiner Karriere verlieren – da schlägt er den Ringrichter krankenhausreif. Die Lizenz ist weg, der Besitz kommt unter den Hammer, die Tochter kommt ins Heim. Unser Mann ist ganz unten.

Und wir leiden mit ihm. Ein eigentlich gutmütiger Mann ist aufgrund eines Charakterfehlers zu Boden gegangen. Wir erfahren einiges über das Boxmilieu, über den fließenden Übergang von Fair Play zu Kriminalität, aber auch über die Taktik des Boxens selbst und über die Körper von Boxern.

Als Billy ist der Hollywood-Star Jake Gyllenhaal kaum wiederzuerkennen: eine aus 2000 Liegestützen täglich hervorgegangene, tätowierte Muskellandschaft, die von einer jähen, erschreckenden Angriffslust in Gang gesetzt wird und nicht zuletzt viel Blut verliert. Aber das gehört dazu: Die Strategie des Boxers Billy Hope ist die Wut, die sich enthemmt, wenn er getroffen wird. Deswegen ist Hopes Deckung miserabel; deswegen sagt ihm seine Frau gleich zu Beginn, er solle nicht so viel einstecken – denn zu Hause läuft der ungeschlagene Weltmeister im Halbschwergewicht herum wie eine lahme Ente, grün und blau im Gesicht und humpelnd.

Nicht wirklich originell

Natürlich sind die anderen schuld an meinem Fall, denkt Billy. Um wieder auf die Beine zu kommen, stellt er sich bei einem Boxtrainer vor, der einst einen Profi trainiert hat und jetzt Ghetto-Kids disziplinmäßig auf Vordermann bringt. Hier macht Billy nun seine entscheidende Wandlung durch. Hier darf er nicht fluchen; stattdessen muss er die Toiletten putzen, wenn er trainiert werden will. Mit Stolz und Eigensinn kommt er hier nicht weiter. Billy erkennt seinen eigenen Anteil an der Misere und dass er seinen Zorn mit stoischer Ruhe bekämpfen muss. Er trainiert seine Deckung und entdeckt, wie er seine Aggressivität beherrscht.

Das ist nicht originell, doch der Film selbst hat mit seinen Klischees kein Problem. Denn der Drehbuchautor Kurt Sutter hat in der Geschichte etwas Großartiges entdeckt, und der Regisseur Fuqua hat es mitreißend zur Erscheinung gebracht – mit Sinn für die Dramatik dieses problematischen Sports ebenso wie für die melodramatischen Klippen, die er sicher umschifft.

In düsteren Farben fotografiert, fokussiert die Kamera immer wieder auf die gefletschten Zähne – oder den gefletschten Mundschutz – von Billy; sie sind das Emblem seiner Wut. Jake Gyllenhaal gelingt es wie zuvor nur Robert De Niro in „Raging Bull“, aus einem Boxer einen Charakterhelden zu machen: den muskulösen, beschrifteten Körper durchlässig zu machen für die Seele dieses Mannes.

Dem mythischen Stoff schließlich entspricht die antike Botschaft der Stoa: Mäßige deine Leidenschaften, sie bringen dich sonst um alles, was dir lieb ist.

Southpaw

USA 2015. 123 Minuten, Farbe. FSK ab 12.

Regie: Antoine Fuqua

Drehbuch: Kurt Sutter

Kamera: Mauro Fiore

Darsteller: Jake Gyllenhaal, Forest Whitacker, Rachel McAdams, 50 Cent, Naomi Harris u. a.