Um für die nächste Quarantäne gerüstet zu sein, habe ich mir einen Boxsack gekauft. Also uns, den Töchtern und mir, die wir hier tagelang aufeinandergehockt haben und in der Q-Zeit nur die Yogamatte ausrollen konnten, um Sport zu machen. Aber so viel kundalinischen Feueratem kann man ja gar nicht aufbringen, dass sich die ganze eingesperrte Energie, diese Immeralleinzuhausefestsitzen-Energie aus den Chakren wirklich heraushecheln ließe. Deshalb der Boxsack.    

Handschuhe haben wir auch, 10 Unzen für die Töchter, 14 Unzen für mich, das ist vielleicht etwas viel, aber das Modell dazwischen war aus und warten keine Alternative. Wir brauchten den Boxsack und die Handschuhe jetzt. Wobei sich das „jetzt“ dann einige Wochen dehnte, weil das Paket zwar angeblich angekommen war, von der Spedition im Lager aber nicht gefunden wurde. Dann habe ich das Überlebens-Kit nochmal bestellt und wieder ging es verloren, aber nun ist er da, der Sack, und ist mattschwarz und hängt dort, wo früher die Hängeschaukel baumelte, aus der ich die Gutenachtgeschichten ins Kinderzimmer hinein verkündet hatte. Und jetzt boxen wir.

Natürlich haben wir zuerst auf YouTube Tipps von Ina Menzer studiert und ein wenig kann ich auch aus der Erinnerung schöpfen, als ich in der Kreuzberger Schokofabrik Kickboxen gelernt hatte. Ja, das ist ein bisschen her und nachdem ich einmal eins auf die Nase bekam, habe ich auch schnell aufgehört – aber wie wohltuend es ist, seiner Kraft ab und zu eine Form und eine Richtung zu geben, das habe ich nicht vergessen. Und auch für die Bewegung selbst gibt es eine Körpererinnerung. 

Boxen ist Empowerment-Tool und Therapiemethode

Diesseits des ernsthaften Sports ist Boxen vom Kräftemessen mit Brutalo-Image ja schon längst zum Empowerment-Tool und auch zur Therapiemethode geworden. Therapeutisches Boxen ist das Ding in Sachen Stressabbau, Gefühlsregulierung und vor allem Abbau von Wut geworden. Denn von allen sieben menschlichen Basisemotionen –Ekel, Freude, Furcht, Traurigkeit, Überraschung, Verachtung und Wut – wird die Wut im westlichen Zivilisationsalltag ja vermutlich am meisten getriggert.

Wut wächst im Schatten der Ohnmacht, und die erfahren wir heute kaum mehr auf ehrliche Weise als Grenze unserer körperlichen Kraft, sondern als immer schneller wachsendes Gestrüpp scheinbarer Notwendigkeiten, das uns bei jedem Schritt mehr behindert, bis wir uns irgendwann gar nicht mehr bewegen können. Und als Missachtung, als Nichtwahrgenommenwerden. Als Scheitern an der Allmacht auch, die die Werbung, die Gesellschaft, das Leben uns versprechen. Wobei es nicht die Wut ist, die bei alldem das Problem darstellt. Wut ist gemessen an solchen Umständen normal, Wut will verändern, Wut heilt – hallo Wut! Es ist die Unterdrückung der Wut, die krank macht. 

Also, schwingt sie raus, haut rein, und genießt das Kopfkino, das sich einstellt, sobald man aufhört, über die technischen Aspekte der Sache nachzudenken! Deckung ist beim Zu-Hause-Boxen mit dem Sack als Gegenüber ja nicht ganz so wichtig. Interessanterweise müssen wir diesen, da er am Boden nicht befestigt ist, immer wieder umarmen und festhalten, wenn er in Schwingung gerät. Deswegen die Schlagkraft nicht der Einfachheit halber gleich etwas zu begrenzen, kostet Überwindung – und ist eine zusätzliche Übung für das echte Leben.