Der Jugendliche Robert MacDougall hält eine Rede in der Dokumentation „Boys State“.
QUelle: AP/A24

BerlinSo ein Experiment müsste es auch in Deutschland geben: In dem Bundesstaat Texas werden jedes Jahr jeweils 1200 Jungen und Mädchen ausgewählt, um sieben Tage lang eine Art Mini-Demokratie nachzuspielen. Die Jugendlichen werden in zwei Gruppen aufgeteilt mit jeweils 600 Köpfen. Die einen repräsentieren die „Nationalists“, die anderen die „Federals“. Es handelt sich um zwei fiktive Parteien ohne ideologische Ausrichtung. Das Ziel ist, gemeinsame Positionen zu finden, innerparteiliche Posten zu verteilen, einen Gouverneur aufzustellen und sich am Ende als Partei, in einer Art Mini-Präsidentschaftswahlkampf, mit seinen Kandidaten durchzusetzen.

Die Dokumentation „Boys State“ der Filmemacher Jesse Moss und Amanda McBaine knöpft sich die Jungengruppe vor und porträtiert nah und sensibel, was Testosteron, Rausch, Eitelkeit, Darstellungssucht und politischer Wille mit einem jungen Menschen anstellen können. So viel kann man jetzt schon sagen: Während der 90 Minuten wird man hineingeschmissen in ein turbulentes Gefühlschaos.

Dabei ist doch alles nur ein Probespiel, auch wenn es sich echt anfühlt. Bill Clinton hat an einer „Boys Nation“ teilgenommen und auch der ehemalige Gouverneur Chris Christie. Die Woche ist also ein Karrieresprungbrett für politisch interessierte Menschen. Die Dokumentation hat einen soziologischen Wert, weil die Teilnehmer vornehmlich weiße junge Männer aus verschiedenen Teilen von Texas sind und daher einen Überschuss an – vorsichtig ausgedrückt – konservativen Ideen mitbringen.

Eine Szene aus der Dokumentation „Boys State“
Quelle: AP/A24

Donald Trump könnte bald Geschichte sein

Da wäre etwa Robert MacDougall. Anfangs bewirbt er sich noch um den Posten des Gouverneurs. Er ist ein Sportsmann, ein 17-Jähriger, der vor allem durch sein Muskelspiel beeindruckt. Aber auch seine Rhetorik lässt sich sehen: Auf dem Podium heizt er seinen Gefolgsleute mit markigen, chauvinistischen Sprüchen ein, die ins Reservoir der Abtreibungsgegner und Schusswaffenbefürworter greifen. Der Schreihals bringt die Menge zum Grölen. In anderen Momenten stimmt er allerdings leisere Töne an und gesteht heimlich, dass in Wahrheit sein Konservatismus Wahlkalkül sei. „It’s politics, you have to lie.“

Insgesamt dominiert eine machohafte Rhetorik. Und trotzdem: Diese Dokumentation, die 2020 den U.S. Documentary Competition Grand Jury Prize gewonnen hat, ist so anrührend, weil sie die Brüchigkeit toxischer Männlichkeit zeigt. Die Nationalists wählen den mexikanischen Einwanderer Steven Garza zum Gouverneur – und den queeren, schwarzen René Otero zum Parteivorsitzenden. Obwohl sie so gar nicht zum Rest der krakeelenden Jungengruppe passen, setzen sie sich mit Argumenten und Charisma durch. Die Dokumentation ist irre emotional, spannungsreich und gibt Hoffnung, dass die konservativen USA im Kern gar nicht so konservativ sind. Donald Trump – er könnte schon bald Geschichte sein.

Die Dokumentation „Boys State“ ist bei Apple TV abrufbar.