Schaut man auf das bisherige Lebenswerk von Bradford Cox, versteht man schnell die Frage, mit der er sein aktuelles Album betitelt hat: „Why Hasn’t Everything Already Disappeared“, warum eigentlich ist alles nicht schon verschwunden?, heißt der achte Langspieler seiner Band Deerhunter; und ja, so wie Cox bisher im Verschwinden, Verwehen, Vergehen schwelgte, müssen wir zumindest zugestehen: An ihm hat es nicht gelegen.

Zuletzt sah er 2015 auf einem Stück wogende Weizenfelder verwelken, gleichsam vor großem Rahmen, denn es zitierte „America the Beautiful“, die inoffizielle Nationalhymne der USA, worin die Felder von Kraft und Größe des Landes zeugen; das Album dazu hieß „Fading Frontiers“, verblassende Grenzen. Die Orientierung gehe verloren, der Horizont, so erklärte er den Titel, und er spüre die Melancholie einer untergehenden Epoche und unserer menschlichen Institutionen. Vier Jahre und eine halbe Trumpzeit später scheint die Nummer noch immer nicht gelaufen. Wie Cox und sein Quartett den Bestand aufnehmen, haben wir aber vielleicht einfach was verpasst.

Musikalische Geisterforschung

Deerhunter gehören zu den frühen Vertretern eines brösligen, geisterhaften Dreampop. Cox legte über die Jahre effektreich Schleier über je nachdem kuschligeren oder spröderen Indierock, spielte auch mal mit Disco und Elektro, wobei er die tiefere musikalische Geisterforschung für sein Soloprojekt Atlas Sound aufhob. Hier nun psychedelisiert der 36-Jährige aus Georgia auf ganz leichthändige Weise die Popgeschichte der letzten 50 Jahre, von barockpoppigen Cembaloideen zu Indierock mit gelayerten Saxofonen, von ambientigen Glasglöckchen zu blumigem Pop, frühem Synthwave und aalglatten Eighties.

Die Souveränität von Cox’ Zugriff lässt sich unter anderem daran erkennen, dass die Stilanleihen die Songs nicht dominieren. Diese werden vielmehr durch die fantasievollen Arrangements, Sounds und Effekte fein ausbalanciert. Die Band hat sich dafür nach Marfa, eine Kunstenklave in der texanischen Wüste zurückgezogen, nicht zuletzt, weil, sagt er etwas kryptisch, die Wüste der Ort sei, der Heimat für viele verschwundene Dinge sei.

Ein kleines Denkmal für den Schwund von menschlicher Kultur und Natur

Die Genresortierung Dreampop führt bei Deerhunter ebenso in die Irre wie die Flauschigkeit des Tonfalls, der auf vielen Tracks herrscht. Es scheint, als ob Cox noch ein bisschen resignierter, weltmüder geworden sei. Als Einführung hören wir im Syd-Barrett-haften „Death in Midsummer“ eine Litanei der Vergeblichkeit, in der er uns dazu auffordert, mit ihm auf all den Untergang zu schauen.

Als kleines Denkmal für den Schwund von menschlicher Kultur und Natur erzählt in „Detournement“, dem auffälligsten Song, eine altmodisch computerisierte Stimme von tollen Reisen über den Globus, nach Japan, USA, Australien, Europa; die Stimmung ist entspannt, der Jetlag währt ewig und die Synthies schimmern, aber alles riecht nach Abschied: „There’s not much left to go/Your struggles won’t be long/ there will be no sorrow on the other side“ – dazu summt der Computer warm. „Detournement“ scheint eine Anspielung auf die neosurrealistischen Situationisten zu sein, Guy Debord bezeichnete mit dem Begriff (der eigentlich nur Umleitung bedeutet) die Umwidmung von Kunstwerken und Ideen im Plagiat.

Spindlige Fragilität

Vielleicht sollten wir uns Coxens romantische Pastiches in diesem Sinne als dystopische U-Boote vorstellen. Jedenfalls führt er mit „Futurism“ – dem vielleicht besten, sicher aber eingängigsten Song – noch eine weitere europäische Agentur der Sinnauflösung an. „Your cage is what you make it/how you decorate it“ singt er darin aufmunternd, um sich schließlich als Angstexperten auszuweisen, der die Vernunft zugunsten des Glaubens hinter sich gelassen hat.

Auf einen narrativen Zusammenhang läuft das übrigens meist nicht hinaus; die Lyrics klingen ausgezeichnet, aber sie wirken eher durch plakatives Raunen, eine Poesie des Untergangs. Cox hält dabei das Außenseitertum für die einzig denkbare Position des Rockkünstlers. In seinem Fall ist sie einerseits erworben durch das Marfan-Syndrom, eine schwere Bindegewebsschwäche, wegen der er seine Jugend zu guten Teilen im Krankenhaus verbrachte und der er seine spindlige Fragilität verdankt. Die sacht überhebliche Dandypose passt aber auch zum Bild der queeren Asexualität, das er pflegt.

„Why Hasn’t …“ ist eins der drei besten Alben seiner Deerhunterband. Das Songwriting klingt trotz aller Unterschiedlichkeit geschlossen, die Ausführung wirkt entspannt. Aber vor allem überzeugt hier die lächelnde Eleganz und Innenschau, mit der er seine Wunde zeigt – und vielleicht gleich noch den Finger in die unsere legt.

Deerhunter „Why Hasn’t Everything Already Disappeared“ (4AD/Beggars/Indigo)