Am späten Sonntagabend der Schock: Das Nationalmuseum in Rio de Janeiro brennt, eines der bedeutendsten Museen der Welt und Hüter unermesslicher Schätze. Die Aufnahmen aus Brasilien zeigten dann schnell: Hier ist ein Totalverlust zu befürchten. Offenbar fraßen sich die Flammen in kürzester Zeit durch die drei Geschosse mindestens des Hauptbaus. Mit einiger Wahrscheinlichkeit sind damit auch einige der wertvollsten klassizistischen und historistischen Interieurs Südamerikas zerstört worden, die es an künstlerischer Raffinesse ohne weiteres mit zeitgleichen Raumausstattungen in London, Paris, St. Petersburg oder Berlin aufnehmen konnten.

Der São-Cristóvão-Palast war nämlich ein für die brasilianische Staatswerdung im 19. Jahrhundert zentrales Gebäude. Seit 1808 entstand er zuerst als Residenz der portugiesischen Königs Joao VI., der vor Napoleons Truppen mit dem gesamten Hofstaat aus Lissabon erst nach Bahia und dann nach Rio de Janeiro geflohen war. 1815 wurde Brasilien auf dem Wiener Kongress zum gleichberechtigten Teil Portugals erklärt. Joao VI. kehrte aber erst 1821 nach Lissabon zurück, überließ widerwillig Brasilien – und damit seinen Palast – dem ältesten Sohn Pedro I.

Dieser erklärte sich 1822 zum Kaiser Brasiliens. 1827 trat er dann die Thronfolge in Lissabon an, in Rio folgte ihm sein Sohn Pedro II. Als dessen Tochter Isabella 1888 endlich die Sklaverei verbieten ließ, führte das zu einer Revolution. Die Braganza-Dynastie musste trotz ihrer großen Erfolge auf Druck der sklavenhaltenden Großgrundbesitzer abdanken. Der Palast aber wurde Sitz der verfassungsgebenden Versammlung der ersten Republik.

Unzureichende Löschanlagen

Die Räume, in denen all dies geschah, sind wohl verloren, ebenso die vielen historischen Erinnerungsstücke, die hier gezeigt wurden. Noch verheerender aber ist der Verlust der Sammlungen des Nationalmuseums, dem das Gebäude 1892 übergeben worden war. Bereits 1818 begründet, sammelte es wie das 1753 eröffnete British Museum in London zugleich Naturkunde und Kulturgeschichte, vor allem die der indianischen Einwohner Südamerikas.

Dazu kamen etwa eine der bedeutendsten altägyptischen- und Antiken-Sammlungen Südamerikas und eine weithin gerühmte Bibliothek. Der Verlust für die Forschung und die brasilianische Nationalkultur ist nur zu ermessen, wenn man den Vergleich heranzieht: Es ist, als wenn in Berlin wesentliche Teile des Ethnologischen Museums, das Museum Europäischer Kulturen, das Naturkundemuseum, das Ägyptische Museum, die Antikensammlung, die Kunst- und die Naturkundlichen Bibliotheken Berlins sowie das Hohenzollern-Schloss in seiner Gestalt vor 1942 mitsamt der Frankfurter Paulskirche in einem Brand zerstört worden wären.

Teilweise geschlossen

Zwar sind naturhistorische und ethnologische Sammlungen mit ihren ungeheuren Objektmassen aus extrem feuer-, licht- und feuchtigkeitsempfindlichen Materialien und den vielen Alkoholpräparaten geradezu Brandbeschleuniger. Dass das Nationalmuseum aber keine ausreichenden, möglicherweise gar keine Löschanlagen hatte, konnte jeder Besucher sehen, ebenso, dass das Haus miserabel gepflegt wurde. Seit Jahrzehnten klagten die Kuratoren über zu geringe Mittel für die Instandhaltung und Forschung. Zeitweilig musste das der Universität von Rio de Janeiro unterstellte Haus sogar teilweise geschlossen werden.

Kurz: Hier herrschte eine Missachtung von naturhistorischen und ethnologischen Sammlungen als Forschungs- und als Breitenbildungsgut, wie man sie in Nordamerika und in Europa bis weit in die 1990er-Jahre hinein auch finden konnte.

Ein weiterer Schlag

Erst die Erfolge der Gentechnik, die die alten Präparate wieder wertvoll werden ließ, und die postkoloniale Debatte haben das geändert. Auch in Brasilien plante man, wie zu den 200-Jahrfeiern im Juni bekanntgegeben wurde, wenigstens den Auszug der Alkoholpräparate. Zu spät.

Der Brand ist damit ein weiterer Schlag für das Selbstbewusstsein einer Nation, die vor wenigen Jahren noch als kommende Weltmacht betrachtet wurde. Gerade in den Jahren des überbordenden Selbstbewusstseins wurde das Nationalmuseum zusammengestrichen, das doch wenigstens theoretisch eine der weltweit führenden Forschungs- und Breitenbildungsinstitutionen hätte sein können.