Gerade wurde geboxt in Huxleys Neuer Welt. Am Tag des DFB-Pokalfinals tritt eine Band mit Namen Pommes Schwarz-Gelb/Bums auf. Wenig später findet sich die britische Rockband Travis in der Halle zwischen Hasenheide und Hermannplatz ein. Und dann wird Beethoven gespielt. Wenn jetzt der Name des Mannes fällt, der den Wiener Klassiker auf die Berliner Showbühne holt, wundert sich der aufmerksame Beobachter des Kulturlebens nicht. Christoph Hagel, Jahrgang 1959, Pianist, Dirigent, Regisseur, brachte Opern in einen U-Bahnhof wie ins Museum, ließ Akrobaten zu Mozart tanzen, übersetzte Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ in Breakdance. Er ist das personifizierte Crossover.

„Beethoven The Next Level“ heißt der Abend, er enthält viel Beethoven pur, von Hagel am Flügel live intoniert und eingespielte Orchesteraufnahmen, außerdem „neu komponierte Beethovenbeats“. Die Komponistin Alexandra Holtsch hatte bereits für die Deutsche Oper Richard Wagner elektronisch aufgemotzt. Zwei weitere Partner holte Christoph Hagel dazu: den Breakdancer Khaled Chaabi, Berliner mit syrischen Wurzeln, und die Tänzerin Yui Kawaguchi, aus Japan stammend, seit Jahren in Berlin zu Hause. Beide kennen sie Hagel seit der ersten „Flying Bach“-Serie 2010 in der Neuen Nationalgalerie, beide haben in der Zwischenzeit ihre eigenen Karrieren verfolgt. Chaabi mit den B-Town Allstars, Kawaguchi etwa mit Nico and the Navigators oder der Pianistin Aki Takase.

Im Probenraum in einem Industriegebiet im Berliner Norden sieht man schon, wenn sie über den mit schwarzer Folie ausgelegten Boden gehen, dass ihre Körper auf unterschiedliche Ausdrucksweisen trainiert sind. Bei Chaabi ging es immer um die schnellen Posen des HipHop, Kawaguchi aber kommt vom Tanztheater, wo selbst das Gehen eine Geschichte erzählen kann.

Die Facetten des Beethoven

Der Abend soll Beethoven in vielen Facetten zeigen. Zur Klaviersonate Nr. 23, der Appassionata also, zu Deutsch: die Leidenschaftliche, interpretiert Chaabi den Komponisten als einen Mann mit mehreren Ichs. „Ich versuche, körperlich meinen Wahnsinn, meinen Albtraum, meine Verzweiflung zu zeigen.“ Danach ist Kawaguchi Beethovens unsterbliche Geliebte. Später wird es eine Passage über Taubheit geben. Christoph Hagel legt Wert darauf, Beethoven auch politisch zu sehen, als Komponist der – Französischen – Revolution, und damit einer besseren Welt wie auch der Jugend verpflichtet. Deshalb erklingt der zweite Satz der 9. Sinfonie. Wenn es dann um den Neffen gehe, kommt die Mondscheinsonate zum Einsatz. „Beethovens Neffe Karl lebte einige Zeit unter der Obhut seines Onkels. Das war offenbar sehr schwierig. Karl hat einen Selbstmordversuch unternommen“, sagt Hagel. Der Zuhörerin schwirrt der Kopf. Das alles soll zu sehen sein, einen Erzähler hat die Show nicht. Wer den Komponisten gut kennt, kann vielleicht die Bilder deuten.

Wir sitzen zu dritt auf schlichten Stühlen neben der Tanzfläche in dem kargen Raum. Es gibt ein Sofa, einen kleinen Tisch, einen Flügel, Lautsprecherboxen. Ein Pult – Kawaguchi legt sich drauf – und ein Stuhl – Chaabi steigt hindurch – stehen als Requisiten auf der Folie. Yui Kawaguchi legt ein Bein übers andere und sagt: „Ein Genie wird kaum verstanden, es ist allein“, dabei guckt sie zu ihrem Kollegen Khaled Chaabi. „Ich kann keinen Breakdance. Ich versuche zu verstehen, wie er sich ausdrückt. Wir kommunizieren über Bewegungen.“

Wie ein pubertierender Junge

Chaabi, der bisher an seinem eigenen Stil arbeitete und seine Breakdancer zu Battles antrieb, spricht dann von der Herausforderung, die es für ihn bedeutete, ein ganzes Stück zu entwickeln, 70 Minuten aus Urban Dance, Modern Dance, Ballett, Capoeira. „Und dann auch noch Beethoven!“ Christoph Hagel hält sich im Gespräch höflich zurück, doch nun hat er offenbar den Eindruck, etwas geraderücken zu müssen. „Gerade Beethoven!“, ruft er. „Kein Tanz setzt so viel Energie frei wie Breakdance. Raketenkräfte sind das. Schon als ich anfing, mit diesen Tänzern zu arbeiten, dachte ich, mit denen muss ich irgendwann Beethoven machen.“ Und Kawaguchi gibt ihm recht. Sie kenne und liebe Beethovens Klaviersonaten so lange schon. Aber als sie Chaabis Interpretation gesehen habe, dachte sie sofort: „Das ist er! Diese Musik ist naiv und intelligent, wie ein pubertierender Junge, wie Chaabi.“ Obwohl der auch schon Ende zwanzig ist. Damit passt er gut zum Altersdurchschnitt des Ortes, Huxleys Neuer Welt.

Publikum und Ort sind ganz nach Hagels Geschmack. Denn die kleine Schar Informierter, die Gruppe derjenigen, die mit klassischer Musik aufgewachsen sind, reduziere sich immer weiter. Man müsse den jungen Leuten eine Brücke bauen zu dieser Musik. Es klingt wie eine Ehrenbezeugung, wenn er sagt: „Breakdance hat einfach unbegrenzte kreative Möglichkeiten.“