Am 31. August starb Barbara Brecht-Schall, die Tochter von Bertolt Brecht und Helene Weigel. Die Nachricht stieß auch deshalb auf großes öffentliches Interesse, weil Brecht-Schall mit sprichwörtlicher Strenge die Rechte an den Werken ihres Vaters hütete. Ihre Rolle als Erbin ist heiß umstritten in der Theaterszene und in den Feuilletons. Sie hat Aufführungen verhindert und wurde wenig zimperlich angegriffen.

In den Achtzigerjahren forderte Benjamin Henrichs in der Wochenzeitung Die Zeit „Enterbt die Erben!“, und als Helene Weigel 1971 starb, stand DDR-Chefideologe und ZK-Mitglied Kurt Hager bei der Tochter auf der Matte und wollte den Schlüssel zum Brecht-Tresor. Sie gab ihn nicht heraus. Zuletzt verbot sie eine „Baal“-Inszenierung von Frank Castorf. Sie durfte insgesamt nur dreimal gezeigt werden, die letzte Aufführung lief beim Theatertreffen im Mai.

Noch am Tag der Todesnachricht wurde gemeldet, dass nun die Töchter von Brecht-Schall, die Regisseurin Johanna Schall und die Kostümbildnerin Jenny Schall, die Nachlassverwaltung übernehmen, wobei sie, wie ihre Mutter zu Lebzeiten, vom Suhrkamp-Verlag vertreten werden. „Meine Mama ist tot. Ich habe sie liebgehabt und jetzt ist sie weg“, schrieb Johanna Schall am 3. September um 1.39 Uhr in ihrem Blog „Theaterliebe“ und unter dem Eindruck der Nachrufe fragt sie: „Was wissen diese Leute?“.

Der Interviewer hat in der Berliner Zeitung den Nachruf auf Barbara Brecht-Schall geschrieben. Ein Anlass, um nachzufragen: Was wissen wir nicht? Wir trafen Johanna Schall in Bremen wo sie mit der Shakespeare-Company „Doktor Faustus“ von Christopher Marlowe probiert, „garantiert ohne Pudel“. Wir sitzen in der Spätsommersonne auf dem Theaterhof.

Frau Schall, wie haben Sie vom Tod Ihrer Mutter erfahren?

Ich war bei ihr. Am Wochenende waren wir noch bei meiner Schwester draußen. Sie hat gekocht, alles war gut. Aber dann hat sie gesagt, mir tut da was weh, wir müssen zum Arzt. Es war wohl die alte Nierengeschichte, sie hat in der Emigration eine Nierenbeckenentzündung gehabt, und ihr musste eine Niere entfernt werden, nach dem Krieg, noch in Zürich. Jedenfalls ging es sehr schnell und überraschend. Sie hatte zwei schwere Jahre, hat alles wieder hingekriegt. Ist wieder ohne Rollator gelaufen. Es ist immer zu früh.

Wo ist sie gestorben?

Im Krankenhaus, St. Hedwig. Tolles Krankenhaus. Kann ich nur empfehlen, wenn schon, dann da. Die Leute da sind wirklich gut. Als meine Mutter gestorben war, haben sie uns ein Kreuz und eine Kerze gebracht, falls wir das brauchen. Brauchten wir nicht.

Wie war es, die Nachrufe zu lesen? Gewürdigt wurde sie vor allem als strenge Brecht-Erbin.

Na ja, das ist wahrscheinlich immer so, dass Nachrufe unvollständig und ungerecht sind. Aber bei der eigenen Mutter merkt man es eben mehr.

Was war das Ungerechte?

Wenn da zum Beispiel steht, meine Mutter sei eine Verhinderin gewesen, ist das schon mal Quatsch. Brecht war jahrelang der meistgespielte Autor auf deutschsprachigen Bühnen. Da muss also auch viel erlaubt worden sein. Und ich weiß die Zahl nicht, aber ich glaube, die sogenannten Skandale, also dass meine Mutter Nein gesagt hat, die kann man an einer Hand abzählen. Ich finde, das wird aufgebauscht.

Wieso?

Vielleicht, weil Brecht einerseits ein Linker ist und andererseits durch die „Dreigroschenoper“ Geld verdient hat. Das reizt die Leute vielleicht.

Das ist ein Widerspruch, mit dem auch Ihre Mutter ganz gut gelebt hat.

Ja, klar. Das ist in unserer Gesellschaft nun einmal so, das Erbe ist geschützt. Keiner, der ein Haus oder eine Fabrik erbt, muss sich dafür rechtfertigen. Was mich an den Nachrufen auch geärgert hat, war diese Oberflächlichkeit. Es kam mir vor, als hätte ich überall dieselben sieben Sätze gelesen, mit kleinen grammatikalischen Anpassungen.

Und dann wird einfach nicht beachtet, dass meine Mutter in einer anderen Zeit gelebt hat. Die Frage, die sich von den Schreibern offenbar keiner gestellt hat, wäre gewesen: Warum trifft jemand mit diesen Erfahrungen, jemand, der 1930 geboren wurde, zwölf Jahre seiner Kindheit und Jugend im Exil verbracht hat und dann den Aufbau und den Untergang der DDR erlebt hat, warum trifft so jemand solche Entscheidungen, die uns verwöhnten Kunstfreiheitskämpfern vielleicht nicht gleich einsichtig sind? Man muss diese Haltung ja nicht teilen, und ich bin die Letzte, die sagt, dass meine Mutter immer recht hatte.

Aber diese Vorurteile und diese Klischees, die immer schnell zur Hand sind. Zum Beispiel Sie: Brille, Bart, grauer Pulli, also sind Sie ein Nerd, fertig, abgegessen. Dabei haben wir uns ja noch nie gesehen. Man muss ja keinen Nachruf schreiben, wenn man keine Ahnung hat.

Irgendjemand muss den Nachruf schreiben, wenn die Nachricht in der Welt ist.

Nun. Ich habe ja nicht erwartet, dass alle schreiben, was für eine liebevolle, zauberhafte Frau meine Mutter war. Aber es gehört nicht viel dazu, einzusehen, dass meine Mutter nicht an der „Baal“-Geschichte schuld ist.

Hat der Gram über die „Baal“-Geschichte die Gesundheit Ihrer Mutter beeinträchtigt?

Nein. Das ist Theater, und auch ganz wichtig, es hat sie sicher aufgeregt, aber an dieser Art Ärger stirbt man nicht, glaub ich. Sicher hat sie das gegrämt, aber sie war es gewöhnt. Es gab diesen Mythos von ihr als Monster schon lange. So lange ich lebe, eigentlich. Es war nicht schön. Es haben Leute nachts angerufen und ihr gedroht. Anonym.

Haben Sie die „Baal“-Inszenierung von Frank Castorf vor dem Verbot noch gesehen?

Ja, ich fand das großartig. Ich kenne und schätze Frank schon, seit ich sehr jung war, als Frank anfing zu inszenieren. Ich habe seine ganzen Sachen gesehen, in Anklam, bin da immer hin gepilgert. Also wenn ich von irgendjemandem ein Fan war, dann von Frank.

War.

Jetzt nicht mehr, jetzt bin ich wirklich zu alt, um ein Fan von irgendwem zu sein. Es gab auch Pausen in meiner Castorf-Wahrnehmung. Und ich habe auch Sachen von ihm gesehen, die ich lang und anstrengend fand. Beim „Baal“ war ich wach. Ich fand es toll. Immer sonst, wenn ich dieses Stück gesehen habe, schien es darum zu gehen, dass der Regisseur mittleren Alters seine sexuelle Frustration auslebt. Was Frank draus gemacht hat – wie Talent verkommt in Zeiten der Gewalt, und wie es sich verbiegt –, das fand ich großartig. Er ist über das Private hinausgegangen.

Was dachten Sie, als Sie aus dem „Baal“ herauskamen?

Das tat mir leid. So ein toller Abend! Verschwendet! Schade! Aber ich kann die Last der Schuld nicht meiner Mutter auf die Füße knallen. Das wäre unfair. Ein Vertrag wurde geschlossen, die Rechtslage war allen bekannt. Soviel ich weiß, stand in diesen Verträgen immer drin, dass man umstellen und streichen darf, dass man auch Geschlechter über Kreuz und sonst wie besetzen darf, aber man darf keine anderen Texte reinbringen, ohne vorher zu fragen. Und dann sind die Vereinbarungen verletzt worden, dann muss man sich nicht wundern. Ich könnte drauf schwören, dass die Münchener meine Mutter nicht ernst genommen haben, dass die gemeint haben, die ist alt, die wird schon keinen Ärger machen. Also bei allem Schmerz über die verlorene Inszenierung – ich gebe zu, dass ich gedacht habe, denen geschieht es recht. Man hat versucht, meine Mutter übers Ohr zu hauen. Hätten sie sie angerufen! Ich glaube immer noch: ein Anruf, und das Ding wäre gerettet…

Hat keiner angerufen?

Nein! Also, soweit ich weiß, nicht. Und sie hätte mir das sicher erzählt.

Gut, das ist die rechtlich-moralische Seite des Vorgangs, aber was ist mit der Kunst?

Ich sehe, wenn ich mich so umgucke, durchaus Gründe, dass man das Werk eines Künstlers, das man als Erbe pflegen soll, schützt. Es gibt Leute, die sind begnadet im Dekonstruieren von Stücken, Leute wie Frank Castorf oder Armin Petras, bei denen kommt dann Kunst heraus. Bei anderen eher nicht. Ich zum Beispiel kann das gar nicht. Meine Talente liegen woanders. Deshalb finde ich die allgemeine Forderung, dass alle alles dürfen müssen, weil die Kunst frei ist, schwierig.

Jetzt sind Sie als Erbin in der Machtposition und müssen Kunstfreiheit gegen Urheberschutz abwägen.

Deswegen hat meine Mutter die Regeln auch sehr einfach gehalten. Striche, Umstellungen, Besetzungen sind frei. Und über den Rest muss man reden.

Jetzt könnten Sie neue Regeln festlegen.

Das werden wir sehen, da müssen wir uns erst einmal einarbeiten. Es gibt ja auch noch andere Familienmitglieder! In elf Jahren sind die Werke von Brecht ohnehin gemeinfrei. Hoffentlich erlischt dann nicht das Interesse daran. Bei der „Maßnahme“ war es so. Kaum hat meine Mutter das freigegeben, hat sich kaum einer mehr dafür interessiert. Es wird jedenfalls eine Umstellung für mich. Ich war als Regisseurin bisher eher auf der anderen Seite.

Bevor Sie Regisseurin waren, waren Sie eine vielbeschäftigte Schauspielerin. Ging das mit dem Nachnamen automatisch?

Ich wollte, vielleicht wegen dieser Frage, nie Schauspielerin werden, sondern Archäologin. Ich habe nach dem Abi – mit ungefestigtem Klassenstandpunkt – erst einmal als pflegerische Hilfskraft gearbeitet, im Krankenhaus Friedrichshain. Damals herrschte Schwesternmangel, da durfte man dann, wenn man nicht auf den Kopf gefallen war, bald allein Schicht machen. Das war gut für mich. Aber nach einer Weile kamen mir meine Widerstände gegen eine Theaterkarriere auch irgendwie gekünstelt vor.

Dann wurden Sie Elevin im Deutschen Theater.

Ja, das würde ich keinem empfehlen, heute gibt es das auch gar nicht mehr. Man arbeitet schon im Theater und sucht sich die Ausbildungssachen an den Schauspielschulen zusammen. Stimm-, Sprech- und Körpertraining und so. Alexander Lang war mein Mentor. Ich war überfordert. Ich habe lange gebraucht, bis ich Spaß an dem Beruf fand. Ich wollte schon aufgeben, aber ich hatte Glück mit meinem Intendanten, Gerhard Wolfram. Der hat mich gerettet, der hat mich in die Provinz geschickt, um mich freizuspielen

Nach Frankfurt an der Oder, ins Kleist-Theater. Gibt es auch nicht mehr…

Genau. Für drei Spielzeiten, Anfang der Achtziger, dann ging es zurück ans DT bis ’97. Frankfurt war schon Hardcore. Die Parteileitung hat uns damals verboten, das Solidaritätslied zu singen. Wegen Solidarnosc.

Ist aber auch ein sibyllinischer Regieeinfall, so dicht an Polen. Politische Konflikte gab es sicher auch in der Familie. Die Mutter Brecht-Tochter, der Vater Brecht-Schauspieler und SED-Mitglied Ekkehard Schall, beide von der Partei- und Staatsführung hofiert. Und die eher aufsässige Tochter Johanna Schall. Sind Sie bei der Wende aneinandergeraten?

Das hatten wir alles schon vorher abgemacht. Mein Vater und ich, wir sind beide ziemlich dogmatisch. Aber im Nachhinein muss ich sagen, dass ich doch ganz gut mit meinem Vater auskam. Da wusste man wenigstens, woran man ist. Der hat seine Meinung jedenfalls nicht ratzfatz geändert, als sie nicht mehr genehm war. Der hat sehr lange gebraucht, um die Sachen anders zu sehen. Das ist eben eine andere Generation. Mein Vater war noch Pimpf. Der hat die Bombenangriffe auf Magdeburg erlebt. Der hat sich sehr mühselig selber in jemanden umgeformt, der dann mit Überzeugung in die SED eingetreten ist. Ich war da nie drin. Ich wollte mal kurz, um was zu verändern − hat sich schnell erledigt. Als ich Abi gemacht habe, war schon die Geschichte mit Wolf Biermann passiert. Das war eine ganz andere Zeit. Es ist bestimmt schwerer zu sagen, okay, das war auch wieder falsch. Zwei Irrtümer im Leben machen ganz schön viel Arbeit, wenn man Charakter hat, zumindest

Da ist auch das Streiten sicher anstrengend.

Wenn man sich nicht anstrengen muss beim Streit mit den Eltern, dann ist auch irgendwas faul.

Mit Ihrer Mutter haben Sie sich nicht so viel gestritten?

Doch, aber über anderes. Ich bin mit 17 ausgezogen. Das war damals auch normaler als heute, glaube ich.

Ist der Generationskonflikt, wenn man berühmte und privilegierte Eltern hat, schwieriger?

Weiß nicht. Viele Leute sehen dich nicht, die sehen so eine Bertolt-Brecht-Folie vor meinem Gesicht. Privilegien machen zwar schlechtes Gewissen, aber es hat auch Vorteile. Vielleicht kriegt man mit einem berühmten Namen mehr Türen auf. Ich durfte zum Beispiel ab 16 reisen.

Warum denn das?

Meine Großmutter war schlau genug, ihre österreichische Staatsbürgerschaft nicht aufzugeben. Ach, was weiß ich. Wahrscheinlich wegen dem Nachnamen.

Sie haben mal gesagt, dass Sie mit 15 aufgehört haben, Stalinistin zu sein. Wie kam der Sinneswandel?

Das waren die Freunde an der Oberschule. Ich war ziemlich ignorant, aufbrausend und undialektisch im Denken. Und meine Freunde, die heute noch meine Freunde sind, waren sehr geduldig mit mir.

Haben Sie mal mit dem Gedanken gespielt, der Familie den Rücken zu kehren und sich von der ganzen Vorgeschichte zu lösen?

Wie soll das gehen? Bei allen großen Krächen, die man so hat, inklusive einem Jahr Funkstille und so Zeug: Ich habe meine Mutter wirklich sehr, sehr gern gehabt und meinen Vater zumindest hochgradig respektiert. In seinem Job sowieso, aber auch für seinen Kopf. Er war manchmal ignorant, frech und laut, aber das bin ich alles auch, auf meine Art.

Und meine Mutter war eine wirkliche jüdische Mutter inklusive Hühnersuppe und allem. Außerdem kann man sich nicht so einfach ablösen, auch was die Karriere angeht. Das wäre ja albern: Die DDR war klein, in der Theaterszene kannte man einander persönlich. Jeder wusste, wer ich bin. Ich habe mal mit einem Künstlernamen hantiert, aber das war eigentlich überflüssige Ziererei. Und Pech hatte ich auch noch. Ich nannte mich zu allem Überfluss Anderson, weil ich den Namen schön fand. Und später kam dann die Stasi-Geschichte von Sascha A. heraus.

Ihre Mutter spielte auch unter einem Künstlernamen, obwohl jeder wusste, wer sie war: Barbara Berg. Und Sie haben noch etwas gemeinsam. Ihre Mutter sagte einmal: Ich bin keine große Schauspielerin, aber eine gute. Und Sie: Ich bin eine gute Schauspielerin, aber keine große.

Zufall. Aber ich stehe dazu. Deswegen bin ich nicht mehr Schauspielerin. Ich habe mit tollen Leuten gearbeitet und viel zu tun gehabt. Aber wenn ich so jemandem wie Dagmar Manzel zugesehen habe, wusste ich auch, was da fehlt. Und dann war ich mit dem Beruf nicht mehr zufrieden. Ich habe Anfang der Neunziger angefangen, Regie zu führen. Das war die richtige Wahl.

Und Ihre Mutter, warum hat die aufgehört zu spielen?

Die ist Anfang der Siebzigerjahre invalide geschrieben worden. Sie wurde unzählige Male operiert. Einerseits war sie wie ein Pferd, andererseits kamen die Krankheiten von allen Seiten. Irgendwann hat der Arzt ihr die Bühne verboten. Das war hart. Autofahren durfte sie auch nicht mehr. Sie hat das gern gemacht, beides.

Ihre Mutter gehörte ja fast zum BE-Gründungsensemble.

Wir sind da verschieden, ich hätte nicht am BE spielen wollen. Ich fand das schon anstrengend genug, mit der ganzen Familienbeteiligung in dem Beruf umzugehen. Sie wurde erst zur Kostümbildnerin ausgebildet und erst später Schauspielerin. Sie erzählte immer, dass ihr Vater gesagt habe, sie muss erst einmal woanders Erfolg haben, bevor sie ans BE darf. Und das hatte sie dann am Deutschen Theater.

Wieso hatte Ihre Mutter keine Scheu vor der Vermischung von Beruf und Familie?

Ich kann mir vorstellen, dass die zwölf Jahre zu viert in der Welt zu einer anderen Bindung geführt haben. Ich kannte meinen Großvater nicht, der war schon zwei Jahre tot, als ich geboren wurde. Und über meine Großmutter kann ich auch nur aus der Kindersicht sagen, dass sie eine tolle Großmutter war. Als ich zwölf war, starb sie. Sie war die perfekte Großmutter, extrem entspannt, über Theater und Politik hat sie mit mir natürlich noch nicht gesprochen. Sondern über wichtige Sachen, immer auf Augenhöhe. Ich war oft bei ihr draußen in Buckow. Sie hat mich fast jedes Wochenende abgeholt. Da konnte man schwimmen, durch den Wald rennen mit anderen Kindern. Aber über die Weigel als historische Person kann ich nichts sagen

Ihre Mutter hat Helene Weigel sehr geliebt.

Ja, sehr. Man muss sich das mal vor Augen halten. Meine Großmutter war 33, als ihre Karriere, die gerade richtig losging, unterbrochen wurde durch das Exil. Sie hat zwölf Jahre lang nicht gespielt, fast. Einen Tag nach dem Reichstagsbrand, sind sie geflüchtet. Österreich, Schweiz, Dänemark, Schweden, Finnland, dann über Moskau und Wladiwostok nach Kalifornien. Immer mit der Angst im Nacken, zwei Kindern und einem, würd ich mal annehmen, nicht ganz unanstrengenden Mann. Plötzlich war sie nur Hausfrau und Mama.

Als Sie in dem Alter waren, erlebten Sie auch einen biografischen Bruch: die Wende.

Ja, aber das war ein Glückserlebnis. Ich bin sehr froh, dass dieses Land nicht mehr ist.

Sie haben selbst den Demo-Antrag für den 4. November ’89 gestellt und dort auch gesprochen. Manche sagen, dass das der entscheidende Tag war.

Wir waren viel zu spät. Das darf man nicht überbewerten. Da war schon alles gelaufen. Trotzdem war das eine tolle Zeit. Auf einmal war alles veränderbar. Allerdings habe ich auch gelernt, dass mein politischer Weitblick nicht sehr ausgeprägt ist. Wie gesagt, wir kamen zu spät. Am Deutschen Theater ging es uns ja allen ziemlich gut. Wir haben schon ziemlich lang die Schnauze gehalten. Und weil ich meine eigene Feigheit damals kennengelernt habe, bin ich heute vielleicht zu streitsüchtig. Ich will nie wieder artig sein.

Von außen gesehen könnte man sagen, dass sich mit dem Tod Ihrer Mutter viele Widersprüche, mit denen Sie lebten, aufgelöst haben.

Dann trauere ich auch um die Widersprüche. Ich werde es mir nicht leicht machen und sagen: Hier, schaut mal, ich bin viel netter als meine Mama.

Hat denn zum Beispiel das Residenztheater schon angerufen und gefragt, wie es aussieht mit dem „Baal“ in dieser neuen Situation?

Das sollten sie lieber nicht machen, nach der Nummer. Wie gesagt: Ich glaube nicht, dass das zur Diskussion steht, dass der „Baal“ wieder aufgenommen wird. Der Prozess wurde ja auch mit dem Suhrkamp-Verlag geführt und nicht mit meiner Mutter.

Wie ist denn die Situation nun? Vielleicht können Sie die Familienverhältnisse noch einmal kurz erläutern.

Nach dem Tod von Helli (Helene Weigel, d.R.) hat der erstgeborene Bruder Stefan die Rechte in Amerika übernommen, und meine Mutter und Hanne Hiob, ihre Halbschwester, haben Europa gemacht. Steff starb im April 2009 in New York, Hanne im darauffolgenden Juni. Vor ein paar Tagen starb meine Mutter. Und in der folgenden Generation gibt es außer Jenny und mir noch die Kinder von Stefan: Sebastian und Sarah. Da werden wir mal sehen, wie das wird. Die meisten Anfragen wurden schon immer mit Ja beantwortet.

Hm.

Wieso gucken Sie so skeptisch? Haben Sie mal nachgezählt, wie oft meine Mutter vorher Schwierigkeiten gemacht hat? Das letzte Mal vor „Baal“ war, glaube ich, Schleef. Meine Güte, wie lange ist der schon tot? Und davor Hansgünther Heymes „Dreigroschenoper“. Bei Heyme sollte Peachum ein Schtetl-Jude sein, das fand meine Mutter nicht in Ordnung. Dann, wie gesagt, der Schleef mit den nackten Kardinälen. Und „Baal“. Wobei „Baal“ die einzige fertige Inszenierung war. Ich stecke nicht so tief drin, aber ich glaube, das war es schon.

Wie viel kommt denn nun eigentlich an Tantiemen rum?

Das kann ich nicht sagen, mal sehen. Es wird wohl nicht so wenig sein, aber nicht mehr so viel wie früher.

1997 sollen es wohl eine Million DM gewesen sein.

Unter allen aufgeteilt… So viel ist es heute bestimmt nicht mehr. Ich weiß nur: Ich bin nicht reich plötzlich. Vielleicht ein bisschen wohlhabender als vorher, weil das Theater nicht so toll bezahlt, aber ich glaube nicht, dass ich meinen Lebensstil extrem verändern werde.

Haben Sie vorher nichts von dem Geld gesehen?

Ich wurde mit dem Geld großgezogen, aber dann habe ich mein eigenes Geld verdient, wie die meisten. Ich habe zuletzt bei meiner Mutter gewohnt. Das war bequem, weil ich selten in Berlin war. Und ich konnte mich um sie kümmern, wenn sie krank war, zusammen mit meiner Schwester. Ich habe aber Miete bezahlt.

Geld spielt immer eine Rolle.

Geld spielt eine Rolle, klar. „Hast du Geld, musst du dich nicht beugen!“, schrieb Brecht.

Das Gespräch führte Ulrich Seidler