EU-Fans vor den Houses of Parliament. Aber ging es beim Brexit überhaupt um Europa? Vielleicht ging es ja um etwas viel Grundlegenderes und Persönlicheres. 
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LondonSophie und Ian haben sich wie so viele andere Paare im Gefolge des Brexit auseinandergelebt. Sie müssen eine Eheberaterin aufsuchen und sich mit der Frage auseinandersetzen, warum sie nach dieser monumentalen politischen Entwicklung so wütend aufeinander sind. Sophie, die gegen den Brexit gestimmt hat, hält nicht viel von Ians gegenteiliger Wahl: „Ich vermute, weil ich dadurch das Gefühl bekommen habe, dass er nicht so offen ist, wie ich gedacht hatte. Dass sein Beziehungsmodell im Grunde genommen auf Gegnerschaft und Konkurrenz beruht, nicht auf Kooperation.“ Ian kontert, dass seine Frau in einer Blase lebe, sich moralisch überlegen fühle gegenüber Menschen, die eine andere Meinung haben als sie. Nachdem sich Sophie und Ian geäußert haben, resümiert die Eheberaterin diesen Austausch so: „Das Interessante an beiden Antworten ist, dass keiner von Ihnen die Politik erwähnt hat. Als wäre es bei dem Referendum gar nicht um Europa gegangen. Vielleicht ging es ja um etwas viel Grundlegenderes und Persönlicheres. Weswegen es möglicherweise ein schwer zu lösendes Problem ist.“

Das Buch

Jonathan Coe: Middle England.Roman.
Aus dem Englischen von Cathrine Hornung und Dieter Fuchs.
Folio, Wien 2020. 480 S., 25 Euro

Im Kern seines neues Romans „Middle England“ beschäftigt sich der englische Schriftsteller Jonathan Coe mit genau diesem Dilemma: Um was genau ging es den Wählern beim Brexit? Kann man die Ängste jener Leute, die für den EU-Austritt gestimmt haben, wirklich ernst nehmen? Und viel wesentlicher: Wo konkret ist alles schiefgelaufen für das Vereinigte Königreich? Coe hat offensichtlich großen Spaß daran, die britische Gesellschaft zu sezieren und liefert dabei eine nüchterne, aber gleichzeitig auch wahnsinnig unterhaltsame Bestandsaufnahme zur Lage der Nation. Was er über den Brexit und die Spaltung der britischen Gesellschaft schreibt ist zugegebenermaßen keine große Offenbarung für den Leser, man lernt nichts Neues über die politischen Hintergründe, doch er beschreibt alles auf eine so intelligente und einfühlsame Art, dass man sich gerne durch die Geschichte führen lässt.

Wo ist sein traditionelles, stolzes Land hin?

Mit Geschichte ist zum einen der Plot gemeint, aber zum anderen auch die britische Geschichte an sich, die ein steter Begleiter von Coes ganzem Werk ist. „Middle England“ ist der finale Band einer Trilogie – bereits in „Erste Riten“ und „Klassentreffen“ widmete sich Coe der Welt der Geschwister Benjamin und Lois Trotter und ihren besten Freunden. Das erste Buch spielt im Birmingham der 70er-Jahre, inmitten von IRA-Bombenanschlägen, Punk und Jugendlieben. Im zweiten Buch geht es dann um eine sich wandelnde Medienlandschaft um die Jahrtausendwende, drohende Fabrikschließungen in den Midlands, Tony Blairs fatale Entscheidung, 2003 in den Irak-Krieg zu ziehen und mal erfolgreiche, mal weniger erfolgreiche Ehen der vielen Protagonisten.

Und in „Middle England“ beschreibt Coe die Jahre 2010 bis 2018. Die Tories lösen die Labour-Partei ab und gewinnen fortan jede Unterhauswahl. Benjamin hat es geschafft, seinen Roman über seine erste und einzige große Liebe zu Ende zu schreiben und nach 30 langen Jahren literarische Anerkennung zu gewinnen. Es ist ein rührender Moment, vor allem wenn man seinen Werdegang über die letzten zwei Bücher verfolgt hat und dies nicht mehr für möglich gehalten hatte. Auf der anderen Seite steht sein vergreister Vater Colin, der gar nichts mehr versteht. Wo ist sein Land hin? Sein traditionelles, stolzes, alles andere als weichgespülte England, in dem nur Englisch gesprochen wird? In dem Autos gebaut werden, und weniger Einkaufszentren. Helena fragt sich ähnliches. Die Schwiegermutter der vorgenannten Sophie zitiert gerne mal rassistische Politiker wie Enoch Powell. Dass ihr Sohn Ian einen Job nicht bekommen hat, dafür aber seine Kollegin mit pakistanischen Wurzeln, das ist für sie nichts weiteres als ein System der politischen Korrektheit.

Dieses System gibt es natürlich nicht, zumindest nicht so, wie sie es versteht. Coe stellt deutlich, dass Rassismus nicht einfach eine Meinung ist, sondern gefährliche Konsequenzen hat. Der Wunsch nach Tradition kann durchaus neben einer etwas großstädtischen, kultivierten Weltansicht koexistieren, schließlich heißt es an einer Stelle ganz bewusst, dass Nostalgie die englische Krankheit ist. Die Leute in den Midlands sehnen sich nun mal nach mehr „Englishness“. Doch es ist ein Unterschied, wenn man sich eine ländliche Idylle wünscht und wenn diese dann vermeintlich gestört wird, weil die Nachbarn plötzlich Polnisch sprechen. „Middle England“ ist eine essenzielle, unverfroren pro-europäische Lektüre und Jonathan Coe ein begabter Chronist unserer Zeit.

Buchpräsentation mit Jonathan Coe in Berlin: Freitag, 13. März 2020, 19.30 Uhr, Moderation: Bernhard Robben. Buchhandlung Uslar & Rai, Schönhauser Allee 43, 10435 Berlin, Eintritt: 9 Euro (inklusive Getränke)