Eine Freundschaft zu halten ist ungefähr das Schwerste, was es auf der Welt gibt,“ schreibt Louise Hartung an Astrid Lindgren am 11. Januar 1955. Eine Freundschaft „bedarf einer sorgfältigen Pflege, sonst verblasst allmählich aller Glanz, alle Wärme vergeht, und was bleibt, ist Erinnerung.“ Sie hat um ihre Freundschaft zu Lindgren gerungen. Und auch Astrid Lindgren kann man nicht vorwerfen, dass sie sich wenig Mühe gegeben hätte. Doch beide gingen unter unterschiedlichen Voraussetzungen daran. Das dokumentiert sehr berührend der Band „Ich habe auch gelebt! Briefe einer Freundschaft“.

Die Aufarbeitung des Nachlasses der großen Kinderbuchautorin Astrid Lindgren (1907–2002) hat schon einige Überraschungen gebracht, die das Bild der Erwachsenen über die Autorin bereichern. Da sind ihre Kriegstagebücher „Die Menschheit hat den Verstand verloren“, die wegen ihrer Arbeit für die Zensurstelle Einblick in die Verstrickung des neutralen Schweden in den Zweiten Weltkrieg geben. Da ist ihr Briefwechsel mit einem Mädchen, das ihrem Umfeld als schwer erziehbar galt und in der Autorin eine ernsthafte Ratgeberin fand: „Deine Briefe lege ich unter die Matratze“. Nun erscheint eine Korrespondenz als Buch, die elf Jahre umfasst und 600 Briefe. Gekürzt, mit einem Vorwort, Personenverzeichnis und einem Nachwort durch die Schriftstellerin Antje Rávic Strubel versehen, füllen sie mehr als 500 Buchseiten. Die geben Auskunft über die Jahre 1953 bis 1964 aus dem Blickwinkel zweier kluger Frauen. Sie beinhalten Eckpunkte der Nachkriegsentwicklung in Europa, handeln von einer Erziehung zur Gewaltlosigkeit, erzählen, wie diese Frauen ihren Platz in der Gesellschaft sehen – und noch mehr.

Zwei Lebenswelten

Astrid Lindgren lebt in Stockholm, hat gerade ihren Mann verloren, ist Mutter zweier erwachsener Kinder, hat mit „Pippi Langstrumpf“, „Kalle Blomquist“ und den „Kindern von Bullerbü“ bereits großen Erfolg. Louise Hartung, 1905 geboren, schreibt aus West-Berlin, einer Stadt, in der die Folgen des Zweiten Weltkriegs doppelt sichtbar sind: durch die Teilung und die Ruinen. Sie war einst Sängerin, befreundet mit Kurt Weill und Lotte Lenya, 1928 in der Uraufführung von Brechts „Dreigroschenoper“ engagiert, doch unter Hitler aus der Reichstheaterkammer ausgeschlossen, eine Weile mit Auftrittsverbot belegt und dann gezwungen, an der Front vor Soldaten zu singen. Nach dem Krieg ging sie für die SPD in die Lokalpolitik, war zunächst für die Konservatorien in West-Berlin zuständig, dann für die Bibliotheken. Sie entwickelt Empfehlungslisten und Lesezirkel für Kinder und Jugendliche – und lädt in dieser Funktion Astrid Lindgren zu einem Besuch ein. Im Oktober 1953 lernen sie sich kennen.

Die Briefe, die danach hin- und hergehen, sind schnell von Vertrauen geprägt. Hartung setzt ihre Biografie zusammen und Lindgren liest sie begierig: „Erzählen Sie mehr stories aus Ihrem Leben!“, denn sie selbst habe „in Schweden lammfromm vor mich hin gelebt“. Hartung lässt Schauspieler „Normalkindern im Durchschnitt der Bevölkerung“ Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ vorlesen – in einer Zeit, da konservative Bildungspolitiker das Buch als antiautoritär bekämpfen. Sie kümmert sich um „Ostzonenflüchtlinge“ und „Verwahrloste“, geht in Schulklassen, wo die Hälfte der Kinder ohne Väter ist. Auch Lindgren arbeitet „wie ein Sklave, teilweise an zahlreichen Rundfunkprogrammen, teilweise im Verlag“ und am nächsten Buch, nämlich „Mio, mein Mio“ – und lädt im Sommer 1954 die Brieffreundin ein.

Hartung gesteht Lindgren ihre Liebe

Nach den drei Tagen der Begegnung, sie sind längst beim Du, wird der Ton im Schriftlichen leidenschaftlicher. Obwohl sie sich weiterhin Bücher empfehlen, ausführlich über ihren Alltag erzählen, ihre Meinung über Politik austauschen, handeln in den folgenden Jahren die stärksten Passagen von ihrer Freundschaft. Sie kämpfen um deren Charakter: Louise Hartung gesteht Astrid Lindgren ihre Liebe, wirft ihr vor, als „feine Dame“ um sich eine Grenze zu ziehen. Die beharrt, sich körperlich nur zu Männern hingezogen zu fühlen, will zugleich die ferne Freundin nicht verlieren und schildert ihre Sicht darauf, was ein Mensch dem anderen sein kann. Erst Louise Hartungs Krebstod setzt dieser Freundschaft ein Ende.

In keinem Buch bisher hat Astrid Lindgren sich dermaßen geöffnet. Das ist ein Verdienst der Herausgeber, die berühmte Autorin durch diese Blicke in ihre Seele besser kennenzulernen. Das andere besteht darin, mit Louise Hartung eine unabhängige Frau dem Vergessen zu entreißen, die, um ihre Karriere als Sängerin betrogen, sich für eine demokratische Erziehung einsetzte. Das Buch ist ein Zeitbild und ein Lehrstück in Herzensbildung.