Die Schriftstellerinnen Sarah Kirsch und Christa Wolf 1985
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BerlinMit dem Faulkner-Satz „Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.“ eröffnet Christa Wolf ihren Roman „Kindheitsmuster“. Er kommt einem bei ihrem jetzt publizierten Briefwechsel mit Sarah Kirsch in den Sinn. Sarah Kirsch (1935–2013) und Christa Wolf (1929–2011) sind Schriftstellerinnen, doch von so unterschiedlichem literarischen Temperament, dass hier kein Werkstattgespräch über drei Jahrzehnte zu besichtigen ist. Die Dichterin Sarah Kirsch bringt Natur und Seele in einen speziellen Rhythmus, Christa Wolf sucht in der Prosa Gedankenströme und Erkenntnisse zu verknüpfen. Tauschen sich die beiden Frauen zunächst über den von kulturpolitischen Interventionen gestörten Arbeitsalltag aus, nimmt bald Familiäres größeren Raum ein, schließlich Notizen zum Landleben als Rückzugsmöglichkeit.

Der Band „Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt“ enthält 271 Briefe. Zusammengestellt und gründlich mit Anmerkungen versehen hat ihn die namensgleiche, nicht verwandte stellvertretende Direktorin des Archivs der Akademie der Künste Sabine Wolf (unter Mitarbeit ihres Mannes Heiner Wolf). In der Autorenzeile müsste allerdings wenigstens klein auch der Name Gerhard Wolf auftauchen.

Die Kirschen und die Wölfe

Sarah Kirsch und ihr damaliger Mann Rainer Kirsch kamen Anfang der Sechzigerjahre als Lyriker in Kontakt zunächst zu Gerhard Wolf, der als Lektor arbeitete und für den Schriftstellerverband junge Autoren betreute. Ab Weihnachten 1962 richten sich „die Kirschen“ gemeinsam an „die Wölfe“. Lange Zeit schreibt Sarah Kirsch abwechselnd an Christa und Gerhard Wolf; an ihn legt sie meist Gedichte bei. Gerhard Wolf analysiert diese so aufmunternd, dass man Lust hat, die entsprechenden Texte rauszusuchen.

Der Buchtitel geht auf ein Zitat Sarah Kirschs aus dem Jahr 1974 zurück. Als Beispiel schreibt sie, dass sie gern einmal nach Frankreich führe. „Und wenn ich es ausnahmsweise dürfte, darf es Frau Meier vom Fließband noch lange nicht.“ Damals stand die Mauer 13 Jahre und sollte weitere 15 Jahre undurchlässig für den Normalbürger bleiben.

Briefwechsel

Sarah Kirsch, Christa Wolf: Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt. Der Briefwechsel.  Hrsg. Von Sabine Wolf unter Mitarbeit von Heiner Wolf. Suhrkamp, Berlin 2019. 438 S., 32 Euro.

Als sie sich kennenlernen, stehen Sarah und Rainer Kirsch bereits unter Partei-Beschuss: Sarah Kirsch wegen eines Gedichtes, das missdeutbar sei („Quergestreiftes“), beide wegen ihres Einsatzes gegen die Relegation einer Studentin vom Literaturinstitut Johannes R. Becher (Helga M. Novak) in Leipzig. Auf dem 11. Plenum des ZK der SED 1965 wendet sich Christa Wolf gegen die Diffamierung eines weiteren Kollegen (Werner Bräunig), muss dann auch erleben, dass ein Film, für den sie und ihr Mann das Drehbuch geschrieben hatten, verboten wird.

Die Briefschreiberinnen nennen sich „vielliebe Sarah“, „herzliebe Christa“ und versuchen, oft mit (Galgen-)Humor, sich aufzumuntern. Während die Kirsch-Ehe zerbricht, Sarah Kirsch mit Karl Mickel zusammenkommt, aber nicht -bleibt, weiß Christa Wolf ihren Mann seit 1951 an ihrer Seite und schreibt in einer Klammerbemerkung, dass sie parteiisch sei, „nämlich für den weiblichen Teil, den ich nicht gern zugrunde gehen sehn wollte und will“.

Beredte Lücken

Die Herausgeberin bedauert in ihrem Nachwort Lücken in der Korrespondenz. Sie vermutet, dass nicht alles aufbewahrt wurde. So folgt auf einen Brief Sarah Kirschs vom August 1976 einer vom September 1977. Dazwischen liegt die Ausbürgerung Wolf Biermanns, der Protest dagegen (Sarah Kirsch und Christa Wolf stehen als erste auf der Unterschriftenliste) und die Ausreise von Sarah Kirsch mit ihrem Sohn Moritz zunächst nach West-Berlin. 1983 zogen sie nach Schleswig-Holstein.

Christa Wolf fragt im Januar 1978 eher sich als die Freundin, „wie arbeitet man ohne die gewohnte Reibung“, um zugleich zu fragen, „wie arbeitet man mit der nicht aufhörenden Reibung“. Zwar kann sie zu Vorträgen etwa in die USA reisen, dass ihr aber in der DDR Pazifismus vorgeworfen wird, dringt auch in den Westen; „gehässig“ nennt Sarah Kirsch einen Artikel darüber.

„Die Menscher kommen auch ohne Dich aus.“

In den Briefen ab dem Spätsommer 1989 wird deutlich, dass ein Gespräch über Garten und Kinder das Wesentliche ausließe. Christa Wolf verbindet viel Hoffnung mit den Demonstrationen, mit dem Untersuchungsausschuss der Polizei-Übergriffe von Anfang Oktober, weniger dann mit dem Mauerfall. Sarah Kirsch möchte lieber nicht mehr Radio hören oder fernsehen, sieht in Gorbatschow keinen Erlöser und findet Christa Wolfs Engagement übertrieben. „Mach nicht zu viel“, schreibt sie ihr, „die Menscher kommen auch ohne Dich aus.“

Als Christa Wolf die Erzählung „Was bleibt“ 1990 veröffentlicht, in der sie die Überwachung durch die Staatssicherheit thematisiert, die nach der Biermann-Petition offensichtlich wurde, wird zunächst in der FAZ und  Zeit, bald in weiteren westdeutschen Zeitungen nicht nur dieses Buch angegriffen – sondern ihre Haltung als Schriftstellerin im dirigistischen Staat und ihr ganzes Werk. Sie fragt in einem Brief an Sarah Kirsch, wie „die Schreckensbilder, die die Zeitungen von mir gemalt haben“ ankommen, die aber geht darauf nicht ein, sondern schreibt: „Hoffentlich kannste die Politik auch mal wieder dahin rücken wo sie hingehört“.

Doch die folgenden Gerüchte und Enthüllungen, die so unterschiedliche Sicht darauf, was aus Deutschland werden soll, lässt den Briefwechsel verstummen. Hilfreich ist es, sich dazu „Sei dennoch unverzagt“ anzusehen, den Band mit Gesprächen, die Jana Simon, Enkelin der Wolfs und Journalistin, mit den Großeltern führte. „Mit Sarah Kirsch wurde es erst nach dem Mauerfall böse“, sagt Christa Wolf im August 1998. Jana Simon fragt nach, es geht um einen konkreten Fall, einen früheren Nachbarn und Freund, der Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi war. Und Christa Wolf führt aus, dass die aus der DDR Weggegangenen drüben nicht mit offenen Armen empfangen worden seien. „Dann kommt die Wiedervereinigung, und die Dagebliebenen sollen straffrei ausgehen. Wieso denn? Plötzlich hat man die Geschichte anders erlebt.“

Die Freundschaft ist zerbrochen, schuld daran war weder die eine noch die andere Autorin. Es waren die Verhältnisse: Die Mauer durch Deutschland, die auch Lebensläufe teilte, und der Graben, der nach ihr zurückblieb.

Buchpremiere 19. 11, 19 Uhr. Sabine Wolf im Gespräch mit Gerhard Wolf. Anna Thalbach und Maren Eggert lesen aus dem Briefwechsel, Akademie der Künste, Pariser Platz 4