Nate Walcott, Conor Oberst und Mike Mogis sind Bright Eyes.
Foto: Verstärker/Shawn Brackbill

Möglicherweise beruht die Verehrung für die Indierocker Bright Eyes auf einem Missverständnis. Anlässlich des neuen, immerhin zehnten Albums, sagte Conor Oberst dem Onlinemagazin The Quietus, dass ihr erfolgreichstes Werk, „I’m Wide Awake, It’s Morning“ von 2005, „eine Art Experiment war: Wir haben uns ganz bewusst ein Siebziger-Folkrock-Album vorgenommen.“

Tatsächlich unterstreicht nun ihr neustes Album „Down in the Weeds, Where the World Once Was“ mit lauthalser Üppigkeit, dass Oberst und die Multiinstrumentalisten Mike Mogis und Nate Walcott ihre folk- oder countryrockigen Markierungen nur als eine Farbe vor einem sehr kompletten Pophorizont verstehen. Auch das grundsätzlich melancholische Setting, das Oberst in den letzten knapp 20 Jahren zu einer Galionsfigur der Emo-Kultur im Indierock befördert hat, erscheint mehr eine künstlerische Strategie als eine Künstlerbefindlichkeit zu sein: Es klingt ein wenig, als sammelten sie all die musikalischen Motive ein, die ihnen seit den Nullerjahren zu Unglück und Schwarzseherei eingefallen sind. Sie kommen von ein paar klapprigen Klavierakkorden oder dünnen Gitarren in die herrlichsten Orchesterbewegungen. Sie lassen hübsche Synthiestakkatos nach New-Wave-Art dräuend ins Sixties-Popschwärmen überlaufen, bauen auf lockerem Countryrockschaukeln einen ozeanischen Elektro-Pomp – und lassen sich bei der rauschhaften Überzeichnung sogar von einem Dudelsack erheben.

Conor Oberst galt bereits in den Neunzigern als Wunderkind

Neun Jahre, nachdem sie sich mit ihrem letzten Werk „The People’s Key“ in eine Bandauszeit begeben haben, hatten sie nun offenbar wieder Lust aufs gemeinschaftlichen Tun. Die Detailfreude und Originalität der Arrangements sind allerfeinst. Dazu kommt, dass sich Oberst nach all den Jahren natürlich recht meisterlich in seinem ebenso melodischen wie geplagten Feld bewegt. So souverän er eingängige und doch erfindungsreiche Harmonien setzt, so sicher gelingt es ihm, konkrete Erzählung in metaphysische Aussichtslosigkeiten zu wenden und sie mit einem vibrierenden Kloß im Hals zu singen, der ihn gelegentlich zu ersticken droht.

Die Souveränität von Sound und Vision brachte ihm bereits in den Neunzigern den Ruf des Wunderkindes – er war gerade 14, als er 1994 in Omaha seine ersten Bands gründete, ein Jahr später folgte Bright Eyes, zunächst allein. Über sein seelisches Flagellantentum machte er sich humorvollerweise schon auf dem zweiten Album lustig, wo in einem Fake-Interview eine „Conor Oberst“-Figur unter anderem eine surreale Kindheit erfinden darf. Hier nun malt er die Liebe und das Leben in immer neuen katastrophischen oder apokalyptischen Farben, voller Flammen, Kometen und Tod. 

Das haltlose Jammern macht ihm hörbar Spaß. Und so geht es auch dem Hörer, der ihm in die musikalischen Strudel folgt. Sehr bunt, sehr bewegt und recht ergreifend ist das. Und beste Unterhaltung.

Bright Eyes – „Down In the Weeds, Where the World Once Was“ (Dead Oceans/ Cargo) erscheint am 21. August