Brigid Polk Berlin in München 1970 zur Vorbereitung ihrer Ausstellung "Brigid Polk: Polaroids and Tapes".
Foto: bpk / Digne Meller Marcovicz

BerlinAus heutiger Sicht wirken Polaroids wie ein Selbstwiderspruch: analog und doch Sofortbild. Sie umgibt eine Aura der Unmittelbarkeit und Retro-Melancholie. In gesättigten Farben kristallisieren sie eine Gegenwart, die kurz zuvor nur vor dem inneren Auge sichtbar wurde. Vor der digitalen Fotografie waren sie auch Testmittel: Sie gaben dem Fotografen die Chance, Blickwinkel und Lichtverhältnisse vorzujustieren. 

Für Brigid Berlin jedoch waren Polaroids kein Kontrollmedium, sondern das direkte Ding an sich. Die „Polaroid 360“-Kamera, mit der sie durchs New York der 60er-Jahre zog, wirkt mit ihrem Faltbalg und dem aufklappbaren Silbergehäuse heute wie eine sperrige Antiquität. Damit fotografierte sie Kunststars wie Robert Rauschenberg oder Gerhard Richter, auch Roy Lichtenstein oder Dennis Hopper und - natürlich - Andy Warhol. Und zahlreiche Selbstporträts, frühe „Selfies“, auf denen sie halbnackt zu sehen ist. Diese Akte und Portraits wirken oft wie abstrakt-konstruierte Doppelbelichtungen, verträumt-gesättigte Farbcollagen und rauschhafte Chimären, die Berlins New York in einer imperfekten, fast beiläufig wirkenden Unerbittlichkeit zeigen.

Schnell machte sie sich einen Namen als ­eine, wie die New York Times schreibt, körperlich wie geistig „überdimensionierte“ Persönlichkeit, die die Leute um sich herum abwechselnd terrorisierte, obsessiv überfrachtete, oder auch endlos vergnügte. „Bi-Polar“ würde man das heute vielleicht nennen. Mit ihrer freizügigen Kunst und ihrem Drogenkonsum verkörperte sie jedenfalls so ziemlich alles, was ihre wohlhabenden Eltern ablehnten.

Zeitweilig nannte man sie „Brigid Polk“, was auf Englisch wie „poke“ klingt und die Leute daran erinnern sollte, dass Berlin sich selbst und anderen gerne mal eine gepfefferte Amphetaminspritze verabreichte. „Ich hatte Angst vor ihr“, schrieb selbst der schillerndste aller Unruhestifter John Waters, „auf die beste Art und Weise“.

Die Begegnung mit Andy Warhol, den sie mit 25 im Jahr 1964 kennenlernte, war richtungsweisend. Es wurde ein Verhältnis von wechselseitiger Bewunderung und Anziehung. Berlin war Warhols Muse und engste Vertraute. Als Schauspielerin spielte sie in mehreren ikonischen Warhol-Filmen wie „Chelsea Girls“ und „Bad“ und betreute noch Jahre nach seinem Tod sein „Interview“-Magazin.

Im Jahr 1970 schnitt sie mit einem Kassettenrekorder einen schrammeligen Liveauftritt der Band The Velvet Underground mit, der später als „Live At Max’s Kansas City“ bekannt wurde - das letzte Konzert mit Lou Reed als Bandleader.

Jetzt ist Brigid Berlin im Alter von 80 Jahren in ihrer Heimatstadt New York gestorben. Sie verschlang die Welt um sich herum und zeichnete dabei das Bild einer Stadt der Kunst und der Gegensätze, das bisher viel zu wenig Beachtung gefunden hat.