Wer wissen will, worin das Dilemma von Frauenzeitschriften besteht, muss sich nur das Cover der jüngsten Neuerscheinung auf dem Markt ansehen. Darauf sind: ein Blumenstrauß. Ein Hase. Ein Fahrrad. Armreifen. Ein Schuh. Eine Frau. Die lächelt unten links aus der Ecke und strahlt nicht, wie bei allen anderen Magazinen, aus der Heftmitte. Menschen – Mode – Schönheit – Wohnen – Kochen – Gesundheit – Geld – Job – Reise steht am oberen Rand der ersten Ausgabe von Season, dem neuen Heft aus dem Hause Gruner + Jahr, und „Alles, was Sie die nächsten zwei Monate brauchen“ am unteren. Alles – das muss eine Frauenzeitschrift mindestens liefern, wenn sie bestehen will in einem Markt, der zugleich gesättigt und ständig in Bewegung ist.

Denn alles, das soll auch die Frau sein. Es ist schon lange nicht mehr getan mit Schönsein, schön kochen, die Wohnung schön einrichten und sich mit schönen und weniger schönen Gefühlen auseinandersetzen. Die Frau arbeitet selbst, repariert ihr Fahrrad selbst, legt ihr selbst verdientes Geld an, und zwar nicht nur in Nagellack und Handtaschen, und hat eine Menge Zeug im Kopf, das nichts mit Männern und Sofakissen zu tun hat.

Die Frau hat Stress. Und mit ihr die Magazine. Denn sie sollen dieses Leben abbilden – und es zugleich versüßen und vereinfachen. Bettina Wündrich, die Chefredakteurin von Season, sieht darin eine Chance: „Wir müssen keine Zeitschriften mehr machen, in denen jedes dritte Wort ‚perfekt‘ ist. Wir können Angebote machen, und das können die Leserinnen annehmen oder nicht.“ Wündrich war schon Chefredakteurin von Emotion und Glamour sowie stellvertretende Chefredakteurin von Elle, und sie sagt, das moderne Frauenbild erleichtere es, Magazine zu erschaffen. Da ist Vielfalt drin. Alles ist möglich.

Frechheit über Wohlfühlfaktor

Doch dieses Zeitalter der Möglichkeiten hat seine Tücken. Alles sein wollen, das geht schief. Immer. Jede Frau kann ein Lied davon singen. Und viele Verlage auch. Denn die Auflagenzahlen sinken, und viele Nebenbuhlerinnen der Brigitte und Freundin mussten aufgeben in den letzten Jahren, darunter Amica und Allegra, Marie Claire, Brigitte young miss und Young, und für jede wurde eine Neue ins Rennen geschickt. Neu an einigen der Neuen war die Konzentration auf eine Altersklasse oder einen Lebensstil. Es gibt Brigitte Woman und Freundin Donna für Frauen ab 40. Für Körper-Seele-Gleichgewichtsinteressierte kam Brigitte Balance. Und für schönheitsbewusste Mütter mit Zeit und Geld liegt im Mai zum zweiten Mal Brigitte Mom am Kiosk.

Junge Frauen werden mit etwas kantigeren Neuerscheinungen umworben, wie etwa der Berliner Missy und dem Schweizer Magazin Faces. Kräuter-ABCs und pastellfarbene Anzeigen sucht man in diesen Heften vergebens, dafür findet man jede Menge Film, Musik und natürlich schrille Mode statt. Frechheit siegt über den Wohlfühlfaktor und Ort des Geschehens ist die Gesellschaft, nicht die Familie.