Eine Flut von rotem Haar: Die Schauspielerin Brigitte Hobmeier ist eine Erscheinung, nicht nur auf der Bühne.
Thorsten Jochim

Zum Glück kann dieses Gespräch in der Wirklichkeit stattfinden, in den weiten Räumen einer Filmagentur in der Innenstadt von München. Von draußen dringt das Rauschen des Verkehrs durch das offene Fenster. Am Ende eines langen Tischs sitzt Brigitte Hobmeier, hell gekleidet, mit Jackett und Hut. Eine Flut von rotem Haar, durchscheinende Haut, tiefblaue große Augen, ein Mund wie ein Herz: Ihre Erscheinung fasziniert auf der Kinoleinwand ebenso wie im Theater. Für ihr intensives, nuancenreiches und  leidenschaftliches Spiel wurde sie vielfach ausgezeichnet. Nun spielt sie eine Figur, die wie geschaffen scheint für sie: Colina Kandl, facettenreiche Rebellin, durchtrieben, mutig, verzweifelt – und ihrer Zeit weit voraus. Hauptschauplatz ist das Oktoberfest, so wie es vor hundert Jahren war.

Als die ARD-Serie „Oktoberfest 1900“ gedreht wurde, war Corona noch nicht abzusehen. Nun weckt die von Regisseur Hannu Salonen inszenierte Saga über den Kampf zweier Bier-Dynastien und den Streik der Bedienungen Sehnsucht nach einem zweiwöchigen Ausnahmezustand, der in diesem Jahr ausfallen muss. Zugleich erinnert die sechsteilige Serie aber auch an die Kriminalgeschichte des Oktoberfests zu Beginn seiner gnadenlosen Profitorientierung.

Thorsten Jochim
Zur Person

Brigitte Hobmeier wurde 1976 in München geboren, sie studierte Schauspiel an der Folkwang Universität der Künste Essen und arbeitete bereits währenddessen unter anderem mit Peter Stein an dessen „Faust“-Projekt. Sie war langjähriges Ensemblemitglied an den Münchner Kammerspielen, wo sie u. a. mit Thomas Ostermeier zusammenarbeitete. Sie war immer wieder Gast an der Schaubühne Berlin, etwa in „Dämonen“ 2010. 2007 wurde sie mit dem Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ als beste Schauspielerin ausgezeichnet, 2013 mit dem Ulrich-Wildgruber-Preis. Von 2013 bis 2015 spielte Brigitte Hobmeier die Rolle der Buhlschaft im „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen. 2014 gewann sie den Bayerischen Filmpreis als Beste Darstellerin für „Ende der Schonzeit“. In der Serie „Oktoberfest 1900“ (Sendetermine 15. 9., 16. 9., 23. 9. jeweils 20.15 Uhr, ARD) spielt sie zusammen mit Misel Maticevic, Martina Gedeck und Martin Feifel. Sie lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen beiden Söhnen in München.

Vermissen Sie das Oktoberfest?

Für München tut’s mir leid, für die feiernde Gesellschaft tut’s mir leid. Ich selber vermisse es nicht. Aber ich wäre einmal hingegangen, das schon.

Sind Sie nie eine Oktoberfestgängerin gewesen?

Doch. Es gab einen festen Termin mit der Familie, mit den Eltern. Als Münchnerin geht man am letzten Sonntag, wenn alle anderen schon abgereist sind. Schon als kleines Kind war ich auf dem Oktoberfest. Der riesengroße Löwe vor dem Löwenbräu-Zelt, der ganz langsam „Löwenbräu“ sagt und dabei eine Maß trinkt, ist eine meiner ersten Kindheitserinnerungen. Ich bin mit großen Augen davorgestanden. Später waren es die Fahrgeschäfte. Und noch später habe ich selber Herzerl verkauft im Zelt. Da habe ich die ganze Maschinerie von hinten gesehen. Danach habe ich das Oktoberfest jahrelang boykottiert. Ich bin höchstens einmal hingegangen, um einem Herzerlmaderl ein Herz abzukaufen, und bin wieder gegangen.

Was ist ein Herzerlmaderl?

Das sind die jungen Frauen, die in den Zelten Lebkuchenherzen und Plüschtiere verkaufen. Sie tragen die an einer Stange durchs Zelt. Unten sind die Herzen, oben die Plüschtiere.

Wurden Sie begrapscht?

Am zweiten Tag sagte eine Kellnerin zu mir: „Zieht’s euch drunter a Radlerhosn an, ansonsten hältst du es nicht durch.“  Viel Leder und viel Stoff unterm Rock, damit man nirgends durchlangen kann. Die Mädchen werden noch schlimmer belästigt als die Bedienungen. Weil von denen will man ja was, von denen will man das Bier, vom Herzerlmaderl willst du nichts, die will was von dir. Die will ja dir’s Herzerl verkaufen. Das waren harte zwei Wochen, hart verdientes Studiengeld. Man kauft die Ware auf Kommission. Wenn sie dir runtergestohlen wird, stehst du am Abend bei der Abrechnung da und denkst dir: Und dafür hab ich mich jetzt zum Deppen gemacht?

Ich habe gesehen, was Alkohol mit Menschen machen kann.

Brigitte Hobmeier

Wie oft haben Sie auf dem Oktoberfest gearbeitet?

Nur eine Saison, aber die ganzen zwei Wochen durch. Ich wollte mich da durchbeißen und standhalten. Man findet dann auch Verbündete, die älteren Kellnerinnen, die Security-Leute. Ich habe viel Solidarität unter den Arbeitenden erfahren.  Wenn du von morgens bis spätabends diesen Alkoholspiegel siehst, wie der kommt und steigt und immer mehr wird. Und wenn auf einmal diese bacchantische Riesengesellschaft vor dir explodiert und du als nüchterner Mensch da durchgehst: Das waren Impressionen, von denen habe ich lange gezehrt. Ich habe gesehen, was Alkohol mit Menschen machen kann.

Was steckt hinter diesem kollektiven Rausch?

Das ist wie mit dem Fasching oder dem Kölner Karneval: einmal im Jahr alles fallen lassen und sich dem Rausch ergeben. Man kann es ja auch poetisch sehen. Wenn man nicht als nüchterner Mensch dabei sein muss, kann es vielleicht ganz toll sein.

Macht der Katholizismus die Übertretung erst möglich?

Ja, da ist was dran. Die Abbitte ist ja bezahlbar, ein paar Ave Maria, a bissl beichten, und wenn es besonders schlimm war, wird was gespendet, und schon ist alles vergeben. Eigentlich ein ganz gutes System.

Die Figur, die Sie in „Oktoberfest 1900“ spielen, hat ein historisches Vorbild. Was wissen Sie von ihr?

Es gibt in München ein Haus mit einer Gedenktafel, die an den „Verein der Rechte der Biermadl“ erinnert. Die Biermadl waren die Bedienungen. Die haben damals kein Geld bekommen, sondern mussten vom Trinkgeld leben. Wenn die Bierpreise gestiegen sind, haben sie kein Trinkgeld mehr bekommen. Und irgendwann gab es einen großen Aufstand der Bedienungen, die gesagt haben: So nicht, nicht mit uns. Das war einer der Ausgangspunkte für die Geschichte. Meine Figur, Colina Kandl, lehnt sich an Coletta Möritz an, die von Kaulbach gemalt wurde und als „Schützenliesl“ zur Werbe-Ikone wurde. Aber es ist nicht sie, die nachher den Streik der Bedienungen anzettelte. Die Figur der Colina Kandl war so eigen und so satt konzipiert im Drehbuch, dass ich mich nicht so sehr um die tatsächliche Biografie gekümmert habe. Ich wusste, die Inspiration für das Drehbuch und die Regie waren die „Biermadln“. Jede dieser historischen Figuren hat die Kraft, zum Stoff zu werden. Ich habe die erste Szene, in der Colina Kandl auftritt, im Drehbuch gelesen und sofort zugesagt.

Brigitte Hobmeier in der ARD-Serie „Oktoberfest 1900“.

Sie reden bairisch in „Oktoberfest 1900“, jedenfalls meistens. Fühlen Sie sich mehr bei sich, wenn Sie Ihren Dialekt sprechen?

Es kann sein, aber ich kann auch hochdeutsch. In meiner bisherigen Theaterlaufbahn gab es nur zwei Stücke in denen ich bairisch gesprochen habe. Bei „Susn“ von Herbert Achternbusch war das sehr spannend. Ich spiele die „Susn“ immer noch als Gast in den Kammerspielen, es ist ein ganz tolles Stück. Man sieht eine Frau in vier Lebensaltern, und es ist immer die Sprache, an der sie sich festhält. Ein Monolog über ein auswegloses Leben. Am Ende verliert sie ihre Sprache und schwankt in ihrem Suff zwischen Hochdeutsch und Bairisch. Mir hat es großen Spaß gemacht, ins tiefe Bairische hineinzufallen. Thomas Ostermeier hat das Stück an den Kammerspielen inszeniert, zu den Bayerischen Theatertagen, und uns dann zu sich an die Schaubühne zum Festival Internationale Neue Dramatik eingeladen. Ich fragte Thomas, was ich machen solle, ob ich weniger bairisch reden solle, damit die Berliner mich verstehen. Thomas sagte nur: Nix da! Hau rein. Im vierten Teil wanderten die Blicke nach oben zu den englischen Übertiteln, sie hatten mich nicht mehr verstanden.

Auch „Oktoberfest 1900“ ist eine Geschichte  der Frauen – trotz aller Machenschaften der Patriarchen und Gangster. Verklärt wird an so einem Frauenleben um 1900 allerdings nichts.

Eine Kollegin von Ihnen fragte, ob ich mich in die Zeit zurückwünschen würde, das war doch so schön mit diesen Korsagen. Ich hab ihr gesagt: Sind Sie wahnsinnig, wie kann man sich als Frau in diese Zeit zurückwünschen, das ist eine komplette Aufgabe der eigenen Identität – Kastensystem vom Feinsten, abhängig vom Vater, vom Ehemann, ein Dasein ohne Rechte. Meine Figur weiß ganz genau, dass sie um jeden Millimeter Freiraum kämpfen und ihre Entscheidungen wahnsinnig schnell treffen muss. Eine Sekunde später ist die Tür schon wieder zu und bleibt es für lange Zeit.

Haben Sie an das Leben der Großmütter und Urgroßmütter in Ihrer Familie gedacht?

Meine Großmutter war Bäckerin. Das heißt, mein Großvater war Bäckermeister und sie war seine Frau. Schon als ich ein kleines Mädel war, hat sie zu mir gesagt: „Verdien immer dein eigenes Geld. Sei niemals abhängig von einem Mann.“ Ich komme aus einer konservativen Familie, die Eltern führten ein Geschäft, auch meine Mutter hat immer gearbeitet und mir gesagt: Sei nicht das Schoßhündchen eines Mannes. Das haben sie mir schon mitgegeben, die kraftvollen Weiber in unserer Familie. Weiber darf man nicht sagen in Berlin, oder? Ich meine das aber nur positiv.

Reicht es, sich als Frau nur genug anzustrengen, und dann klappt das schon mit der Unabhängigkeit?

Nein, ich glaube, in dem Moment, wo du Kinder kriegst, hört es auf mit der Gleichberechtigung. Schauen Sie sich an, was beim Lockdown los war: Die Frauen mit Kindern wurden um Jahrzehnte zurückgeworfen. Ich habe keine Zeit gehabt, wie andere Leute meinen Schrank auszuräumen und Kleider zu sortieren während des Homeschoolings für meinen Fünfzehnjährigen und ohne Kindergarten für meinen Dreijährigen. Ich war so wütend. Und dann hab ich mich auch wieder geschämt für diese Wut: Wir sollten doch nicht wütend sein, wir müssen doch jetzt zusammenhalten. Aber diese Wut ist immer noch da.

Welche beruflichen Folgen hat Corona für Sie?

Seit der Kleine auf der Welt ist, arbeite ich freischaffend, nicht mehr fest am Theater. Freie Schauspieler und Schauspielerinnen sind nicht in der Künstlersozialkasse, es sei denn, man verdient mehr auf Rechnung, als man in einer Anstellung verdienen würde. Freischaffende werden für die einzelnen Produktionen aber kurzfristig angestellt und bekommen dafür einen Lohn bezahlt, sie arbeiten eigentlich nie auf Rechnung. Wir wurden lange Zeit nicht in die Corona-Hilfsprogramme aufgenommen. Aber ich hatte Glück, mein Mann konnte schnell wieder mit der Arbeit beginnen. Und nach den ersten Lockerungen konnten wir auch die unterbrochenen Dreharbeiten wieder aufnehmen. Zwei Projekte, die mir sehr am Herzen liegen, wurden auf nächstes Jahr geschoben. Ich hoffe, dass wir sie dann auch noch verwirklichen können. Wenn ich „Oktoberfest 1900“ jetzt sehe, wie nah Menschen da miteinander umgehen, wie sie miteinander schwitzen und singen und tanzen, kommt mir das vor wie aus einer anderen Zeit. Unmöglich, so etwas heute zu drehen. Mir fehlt diese Nähe. Dabei habe ich ja noch Glück, mein Kleiner kuschelt leidenschaftlich gern.

Haben Sie Verständnis für die Proteste gegen die Corona-Verordnungen?

Nein. Wenn ich sehe, wie die Leute an der Isar aufeinanderliegen, wenn ich die Maskenverweigerer sehe und die Bilder von den Demos in Berlin, dann denke ich: Leute, betrifft euch diese Pandemie so wenig? Was habt ihr denn für Jobs, wie seid  ihr denn abgesichert? Warum ist es euch so egal, wie es anderen geht?  Ich habe meine Eltern hier und meine Schwiegereltern und bin schon deshalb sehr vorsichtig. Ich würde es mir mein Lebtag nicht verzeihen, wenn sie von uns oder von den Kindern angesteckt werden würden. Nein, diesen vehementen Befreiungsschlag der Corona-Demonstranten verstehe ich nicht. Wir haben ja nicht einmal einen so strengen Lockdown gehabt wie die Menschen in Spanien oder Frankreich oder Italien.

Warum haben Sie vor drei Jahren an den Kammerspielen gekündigt?

Es hatte keine theaterpolitischen Gründe, ich wusste ja, was für eine Art von Theater Matthias Lilienthal macht, und da wollte ich mitmachen. Aber die haben mich am ausgestreckten Arm verhungern lassen, die haben mich nicht spielen lassen. Ohne Begründung. Sie haben mir einfach gesagt, wir brauchen dich nicht. Und das war für eine wie mich, die so gern spielt, psychisch nicht auszuhalten. Ich habe das jetzt auch während des Lockdowns gemerkt: Mein dreijähriger Sohn hat eine Spielwut in sich, ähnlich der meinigen, und wir haben gespielt. Mit einem Dreijährigen spielst du, nichts anders. Mit dem war ich ein Bagger, ein Hund, ein Pferd. Wir haben uns zu Hause eine Welt kreiert, in der wir nur gespielt haben. Wir haben Schifferl gebaut und sie im Eisbach schwimmen lassen. Und diese Lust am Spielen war es auch, die mir an der Rolle der Colina so gefallen hat.

Eine Frau, die keineswegs harmlos oder nur sympathisch ist, eine ambivalente Figur.

Oh ja. Colina ist mit allen Wassern gewaschen. Ich habe sie so gerne gespielt. Ich würde sie am liebsten noch mal und noch mal spielen. Ich vermisse sie richtig. Mit ihr durfte ich eine so große Bandbreite eines Menschen spielen und nicht, wie es Schauspielerinnen in meinem Alter, Mitte vierzig, so oft angeboten wird, das verbitterte Beiwerk eines Mannes. Das spiegelt nicht mich, das spiegelt nicht meine Generation wider. Da stehen die Weiber mitten im Leben, sind lustvoll und können es mit jeder Zwanzigjährigen aufnehmen. Einfach, weil sie so entspannt und frech aufs Leben blicken.

Sie jedenfalls verkörpern oft sehr kraftvolle Frauen, auch wenn sie so zwiespältig waren wie Leni Riefenstahl im TV-Film „Luis Trenker“ von Wolfgang Murnberger.

Zur Vorbereitung der Rolle habe ich alles in mich aufgenommen, was ich von ihr finden konnte. Ihre Filme, Biografien über sie und ihre Autobiografie, in der sie sich so viel zusammengelogen hat. Es ist immer spannend zu vergleichen, wie jemand sein Selbstbild konstruiert und wie ihn andere wahrnehmen. Sie hat versucht, sich im besten Divenlicht darzustellen.

Kann man eine Figur spielen, die man ablehnt?

Meine Kritik an Leni Riefenstahl ins Spielen hineinzubringen, wäre kontraproduktiv gewesen. Mir hat gefallen, dass Wolfgang Murnberger, der ja kein Michael Haneke ist, sondern immer auch den Witz in einer Situation sucht, die beiden bloßgestellt hat in ihrer Gier, den jeweils anderen zu übertrumpfen. Irgendjemand schrieb, dass die Riefenstahl nur so alt geworden sei, weil sie den Trenker überleben wollte. Sie hatte als expressionistische Tänzerin begonnen und hielt sich für die größte Tänzerin ihrer Zeit – was sie nicht war. Ihre Tanzstudien hatte sie wegen physischer Probleme abgebrochen. Aber sie hat im Grunde ständig eine expressionistische Darbietung ihrer selbst gegeben und wirkte damit oft ziemlich lächerlich.

Warum haben Sie an der Folkwang Universität der Künste  in Essen studiert?

Weil ich da genommen wurde. Es war eine der ersten Stationen, die man so macht auf der Vorstellungstour durch die Schauspielschulen der Republik. An der Theaterakademie August Everding in München wurde ich das Jahr zuvor nicht genommen. Da sagte mir der damalige Schulleiter Eberhard Witt nach der Prüfung: „Es gibt Menschen mit Jackett, und es gibt welche ohne Jackett, und Sie sind jemand ohne Jackett.“ Ich weiß bis heute nicht, was das heißen soll.

Sie haben sich nicht entmutigen lassen.

Doch. Ich habe mich für Grafikdesign an einer Designhochschule eingeschrieben und mit Freunden nebenbei Theater gespielt. Eine Freundin aus dieser Gruppe meinte: Einmal vorsprechen und dann aufgeben, das sei ja feige. Ich sollte es auf jeden Fall noch mal probieren. Wir haben uns dann beide an der Folkwang-Hochschule beworben, uns gemeinsam auf die Prüfung vorbereitet und sind auch beide angenommen worden, als sechs von tausend.

Was hielten Ihre Eltern von Ihrer Idee, Schauspielerin zu werden?

Die waren davon nicht so begeistert. Auch deshalb wollte ich nach der Zusage der Folkwang nicht weiter herumtouren. Ich habe gern an der Folkwang studiert. Es war eine gute Ausbildung. Es wurde viel Wert auf emotionale Durchlässigkeit gelegt, auf Sensibilität. Wir wurden nicht zu RoboCops des Theaters ausgebildet. Ich hatte nur Angst, dass wir als Absolventen über das Ruhrgebiet hinaus nicht wahrgenommen werden, dass uns keiner sieht. Gegen Ende meines Studiums hing am Schwarzen Brett ein Zettel aus, Peter Stein suche Darsteller für sein „Faust“-Projekt.  Es ging nur um eine kleine Rolle, aber ich bin sofort nach Berlin gefahren und habe vorgesprochen. Das war wie eine Fortsetzung der Lehre, ich konnte Bruno Ganz beim Arbeiten erleben. Ich habe immer eine Affinität zu wesentlich älteren Kollegen und Kolleginnen gehabt. Vor der Premiere von „Faust“ bin ich zu Bruno Ganz hin und habe ihn gefragt, was ich gegen die Aufregung machen soll. Und er meinte: „Atmen. Versuch’s mal mit Atmen. Und wenn das nicht geht – da gibt’s Medikamente.“ Es war schön da, ich habe noch in eine Generation hineinschauen können, deren Arbeit heute abgeschlossen ist. Ich wollte ihnen nicht nachtönen, in diesem unverkennbaren Schaubühnen-Tönen, aber ich habe ihre unglaubliche Bühnenpräsenz aufgesogen.

Wie waren Ihre eineinhalb Jahre in Berlin?

Schön. Super. Ich hab in der Naunynstraße 81 gewohnt, tief in Kreuzberg, später bin ich zu meinem jetzigen Mann gezogen, in die Weserstraße in Neukölln. Meine Oma hat mich gleich anfangs in Kreuzberg besucht, am 1. Mai. Wir saßen unten im Café, meine Oma war aus ihrem kleinen Dorf in Niederbayern angereist, und wir saßen da, haben Cappuccino getrunken und wunderten uns darüber, dass immer mehr Leute auf die Straße kamen. Ich war vollkommen unvorbereitet, so blöd muss man sein. Und dann kam zufällig eine Technikerin aus dem „Faust“-Projekt vorbei, der ich ganz naiv meine Oma vorstellen wollte. Sie hat uns dann geraten, lieber in die Wohnung zu gehen. Am Abend haben unter meinem Fenster die Autos gebrannt.

Was meinte Ihre Oma dazu?

Ich glaube, der Rest der Welt denkt immer, wenn man aus Niederbayern kommt, ist man dumm und konservativ. Meine Oma war auf der einen Seite zwar religiös, aber dennoch ein selbstständig denkender Mensch. Eigentlich war sie ein Freigeist. Sie hat sich ihr eigenes Leben gestohlen. Sie war – wahrscheinlich auch, weil sie so viele Kinder bekommen hat – sehr lebenshungrig in ihrem Alter, sie ist gereist und wollte die Welt sehen. Wir saßen nicht oben in der Ecke und haben Rosenkranz gebetet.

Auch wenn es im Moment schwerfällt, über Zukunftspläne zu sprechen – was wünschen Sie sich?

Ich habe an den Kammerspielen noch mit dem Regisseur Simon Stone zusammengearbeitet, später, als er in Berlin war, konnte ich nicht, weil mein Kind da noch so klitzeklein war. Aber nach so einer Zusammenarbeit wie mit ihm habe ich eine große innere Sehnsucht. Wir haben uns gesehen, angenommen und in etwas hineingeschmissen, und das möchte ich. Das kann auch mit einer jungen Regisseurin passieren, die gerade fertig ist mit dem Regiestudium. Ich habe so eine Lust, gemeinsam mit jemandem zu arbeiten und etwas Drittes zu schaffen. So wie es auch bei „Oktoberfest 1900“ war. Wo selbstverständlich war, dass wir keinen Halbsatz und kein Bild hinrotzen. Etwas ganz Ernsthaftes und trotzdem im Spiel bleiben, das wünsch’ ich mir.