Berlin - Der Wind heult eisig um den einsamen Wanderer. Die steile Wiese, die Julius Feldmeier da aber hinauf stapft, weckt nicht den Eindruck alpiner Höhen – ist das der Mont Ventoux? Nein. Sehr bald auch enthüllt die Stimme Lisa Hrdinas über den Bildern, dass keine provenzalische Naturschönheit, sondern ein Trümmerberg deutscher Gewaltgeschichte, „Mont Klamott“ genannt, unter den Wandererfüßen liegt. Und ein paar Einstellungen später ruft er gleich noch ein weiteres Passepartout bergiger Lebensweisheiten auf: den Sisyphos und seine Hassliebe zum Auf und Ab mit Fels.

Was der junge Regisseur Jan Koslowski und die Dramaturgin Marlene Kolatschny hier schon in den ersten paar Filmbildern unter bemerkenswert dichtem Text erschaffen, ist ein metaphorisch-realistisches Gedankenmosaik, das die Welt tatsächlich einmal in ungeahnte Raum- und Zeitschichten öffnet. Theologische Introspektion des 14. Jahrhunderts trifft auf sozialistischen Realismus des 20., ohne auch nur im geringsten unbeholfen konstruiert oder lächerlich zu wirken. Vielmehr befeuert der Wechselblick Sinn und bringt unsere zerrissene Gegenwart auf den Punkt. Eigentlich sollte das Stück „Brigitte Reimann besteigt den Mont Ventoux“ schon im vergangenen Herbst im Ballhaus Ost über die Bühne gehen, das Virus verbot es. Nun haben die beiden Tüftler einen Theaterfilm daraus gemacht, der in seinem gedanklich präzisen wie spielerisch witzigen Amalgam aus konträren Wirklichkeitsebenen, Sprachhaltungen und Figuren ein selten schönes Stück Kunstherausforderung geworden ist.

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