Provokantes sind die Briten gewöhnt von ihren Fernsehsendern, die Schauerliches vom Schlage „Dschungelcamp“ entwickelt haben. Zur Zeit diskutiert das Land über das, was es montagabends zur besten Sendezeit zu sehen bekommt: Zynische Armutsausbeutung? Dämonisierung von Bedürftigen? Oder schonungslose Sozialaufklärung? „Benefits Street“, eine fünfteilige Reality-Serie auf Channel 4, dokumentiert das Leben von britischen Sozialhilfeempfängern. „Wir haben Junkies, Alkoholabhängige und Gescheiterte“, zählt eine der Hauptpersonen, die lebenserfahrene White Dee, auf. „Ich glaube nicht, dass Sie irgendwo sonst zerrüttetere Verhältnisse finden würden.“

Drehort von „Benefits Street“ ist die James Turner Street im Birminghamer Stadtteil Wiston Green, eine Straße mit 99 Reihenhäuser, in der geschätzte neun von zehn Bewohnern Sozialhilfe („benefit“) beziehen. Wer keine Arbeit hat, und das haben die wenigsten, findet andere kreative Wege, sich durchzuschlagen. Wie der ehemalige Drogenabhängige Fungi. „Warst Du ein kluger Krimineller oder ein nicht so kluger Krimineller?“, fragt ihn White Dee, eine Frau mit großem Herzen und noch größerem Leibesumfang, bei einer Tasse Tee. „Als Krimineller war ich scheiße“, antwortet Fungi kleinlaut. Und erzählt, dass seine erste Tat ein fehlgeschlagener Überfall auf den örtlichen McDonalds war.

Jeden Anflug von politischer Korrektheit vermieden

Ein Jahr lang hat das Team von Channel 4 die Bewohner der James Turner Street begleitet und dabei jeden Anflug von politischer Korrektheit vermieden. Riesige Flachbildschirme in Wohnungen ohne Haken an der Wand, Müllberge, Sofas vor der Tür, Cannabis-Anpflanzungen in Schlafzimmern: auf all das wird die Kamera ungerührt draufgehalten. Ein Pärchen wird beim täglichen Scheitern gefilmt, einen Dreijährigen im häuslichen Chaos vor zwei Uhr nachts ins Bett zu kriegen. Ein Kaufhausdieb erklärt, warum er lieber Markenklau als Maurerarbeiten betreibt. Hoffnungsvolle Schicksale sind rar. Wenn die junge farbige Mutter S.B., die von ihrem prügelnden Freund geflohen ist, statt der erträumten Model-Karriere einen Job in einem Schnellimbiss findet, darf das schon als Lichtstrahl in einer Welt der Aussichtslosigkeit wirken.

Mit der Ausstrahlung der vierten Folge erreichte der Sender eine Traumquote von 5,2 Millionen Zuschauern, doch kaum eine Sendung hat die Insel jemals so gespalten. In den Augen der Kritiker handelt es sich um billige Ausbeutung der Bedürftigen zum Zwecke der Befriedigung niedriger TV-Gelüste. Das Schlagwort heißt „Poverty Porn“, Armuts-Porno. Gewerkschafter zogen vor das Büro der Fernsehproduktionsfirma, um gegen Wirklichkeitsverzerrung zu protestieren. Die Gegenseite hingegen findet, man müsse dankbar sein für diese Art des Reality-TV, wie sie das Versagen des Wohlfahrtsstaats entblöße, der die Menschen am Tropf der Sozialhilfe hält.

Die Ausstrahlung fällt in den Umbau des Wohlfahrtsystems

Die Debatte über „Benefits Street“ wird auch deshalb so erhitzt geführt, weil die Ausstrahlung mitten in den größten Umbau des Wohlfahrtssystems in Großbritannien fällt. Leitidee der Neuerungen ist, dass keine Familie, die von Sozialhilfe lebt, künftig mehr Geld erhalten soll, als eine Durchschnittsfamilie an Lohn bezieht. Für den verantwortlichen Minister Iain Duncan Smith geht es weniger Sparmaßnahmen; vielmehr ist er ein Sozialreformer, der der Überzeugung anhängt, dass lange Abhängigkeit von staatlichen Almosen in die Armutsfalle führt. Kritiker vom linken politischen Spektrum fürchten, dass die Reality-Serie der konservativ-liberalen Regierung in die Hände spielt.

Doch die Dokumentation hält auch Szenen anrührender Nachbarschaftshilfe und Solidarität unter den Anwohnern fest. Eines Tages erscheint eine Gruppe arbeitssuchender Rumänen in der James Turner Street: 16 Mann werden in eine winzige Wohnung gepfercht, von ihrem Arbeitgeber um den Lohn geprellt – dann klopft der pakistanische Nachbar an die Tür und bringt Essen. Als einer der Kleinkriminellen eines Nachts die Cannabis-Plantage seiner Mitbewohner aberntet, ist der Ex-Junkie Fungi ehrlich erbost: „Das zeugt von Respektlosigkeit gegenüber unserer Straße.“ Und so können die Zuschauer bis zur letzten Folge am 10. Februar weiter über eine interessante Frage diskutieren: Ob sich mit der Kürzung der Sozialhilfe auch das Verhalten in „Broken Britain“ ändert.