Der Gute schlägt den Bösen tot – und hilft damit dem Bösen, seinen Plan zu vollenden, nämlich den Guten zu vernichten. Diese paradoxe Struktur steht im Mittelpunkt von Benjamin Brittens Oper „Billy Budd“, die die Deutsche Oper Berlin am Donnerstag in einer Koproduktion mit der English National Opera und dem Bolschoi Theater vorstellte.

Billy Budd ist ein junger, schöner Matrose, der zum Dienst auf dem Kriegsschiff „Indomitable“ gepresst wurde und trotzdem nicht seine Gutmütigkeit verliert. Für den finsteren Waffenmeister Claggart ist das ein Ärgernis: Schönheit, Anmut und Güte verfehlen auch auf ihn seine Wirkung nicht, stellen aber zugleich die gewalttätige Disziplinarordnung, die er auf dem Schiff führt, in Frage – darum will er den Jungen vernichten.

Claggart beschuldigt ihn vor Kapitän Vere der versuchten Meuterei, was ihm dieser besonnene Mann nicht glauben will. Billy gerät über den Vorwurf so außer Fassung, dass er heftiger denn je zu stottern beginnt und in seiner Wortlosigkeit Claggart erschlägt. Vom Vorwurf der Meuterei freigesprochen, aber des Totschlags schuldig wird er im Morgengrauen gehängt: Claggart hat um den Preis seines Lebens sein Ziel erreicht.

Gefährdung des Guten durch das Böse

Kein Thema hat Benjamin Britten in seinen Opern so intensiv beschäftigt wie die Gefährdung der Unschuld, der Schönheit und des Guten durch das Böse. Liest man die literarischen Vorlagen seiner Opern, nicht selten eminente weltliterarische Texte, stößt man immer wieder auf die gleichen Konstellationen, auch auf die gleichen Schlüsselreize, einen schönen jungen Mann, die ihn zerstörende Gewalt – so auch in Herman Melvilles letzter Erzählung, die E.M. Forster mit Eric Crozier zum Libretto umarbeitete. Die heterosexuelle Normbeziehung spielt in Brittens Opern keine Rolle, Liebesduette, von Händel bis Puccini das Zentrum einer Oper, kommen bei ihm nicht vor. Das Begehren bleibt allein – Claggarts Hassarie, die im leidenschaftlich gesteigerten Vortrag Gidon Saks zum Zentrum der Oper wird, handelt auch davon, dass einer, der das Objekt seines Begehrens nicht erreichen kann, es lieber zerstört.

Den Regisseur David Alden jedoch hat der Aspekt des Begehrens nicht interessiert. Er hält zu den politischen Aspekten des Stücks, Herrschaft und Unterdrückung. Die Bühne ist hinten geschlossen von einer stählernen, verstrebten Schiffswand, eine Perspektive auf das Meer gibt es nicht. Die gepressten Seeleute wanken durch den Schiffsrumpf wie die Arbeiter in Fritz Langs „Metropolis“ und verrichten knieend ihre Arbeit, während die in braunes Leder gewandete Führungsschicht das Tun überwacht.

Claggart fordert von Billy Budd, kaum wurde er vom Handelsschiff „Rights of Men“ an Bord des Schlachtschiffes gepresst, sein rotes Halstuch, um ihn der blaugrauen Masse einzugliedern; später wird er dieses Halstuch unauffällig als Fetisch gebrauchen, aber das ist das einzige Zugeständnis an den erotischen Zusammenhang.

Sonderlich inspirierend anzuschauen ist das nicht. Man erfährt weniger über die Mechanismen der Macht als dass man ihre Anordnung betrachtet; einmal etabliert, bleibt sie starr. Auf die Hinrichtung Billy Budds läuft Alden so schnurgerade zu, dass man sich fragt, warum das dann doch relativ lange dauert. Für ein differenziertes, widersprüchliches Geflecht von Motiven ist in der oratorienhaften Anlage dieser Inszenierung kein Raum. Problematisch wird die Rolle des Kapitäns: Der tritt ja als nachdenklicher, empfindsamer und gebildeter Mensch auf und wird von Burkhard Ulrich auch so gesungen – was dieser Tenor als Mime im „Siegfried“ als Charakter-Schärfe einsetzt, mildert er hier zum Nachdruck seiner Position. Aber wie kann es sein, dass dieser Mann trotz solchen Nachdrucks keinerlei Einfluss auf das System an Bord hat? Er erscheint schwach, was aber seine Verehrung durch die Mannschaft nicht erklärt.

Verdienstvolle Produktion

Immerhin steht Aldens szenisches Arrangement der Musik nicht im Weg. „Billy Budd“ ist eine radikale Partitur, der erste Akt entwickelt sich fast nur aus Rufen, Signalen und gedrückten Matrosengesängen; wenn Claggart zu Billy sagt, an Bord gäbe es keinen Grund zu singen, beglaubigt das die Musik durch ihr insistierenden Rhythmen und dunkle, schwere Farben. Daraus eine Architektur entstehen zu lassen, gelingt Donald Runnicles dank seines Sinnes für Farben beeindruckend, auch wenn das Orchester der Deutschen Oper nicht immer berückend zusammenspielt; die berühmten 34 ganztaktigen Akkorde, zu denen Vere Billy das Todesurteil überbringt, zerfallen in Tempo und Klang und illustrieren das mystische Leuchten aus der Gefängniszelle mehr schlecht als recht.

Die Herren des Chores, einstudiert von William Spaulding, singen im piano flexibel und schön, legen es aber im forte darauf an, die Trommelfelle des Publikums zu sprengen – so lange dieses davon begeistert ist, wird sich an solcher Kraftmeierei nichts ändern; die Wirkung etwa der Schlachtenszene wird allerdings nicht befördert, wenn das Orchester niedergesungen wird.

Melodien sind rar, aber um so wirkungsvoller eingesetzt: unnachahmlich berührend die Saxophon-Melodie zu den Klagen eines ausgepeitschten Seemanns – Thomas Blondelle bekam dafür starken Beifall. Und John Chest in der Titelpartie bleibt mit seinem schlichten Wiegenlied in der Nacht vor seiner Hinrichtung im Gedächtnis: Er singt das so hell und leicht, wie ein Bariton nur klingen kann und bringt damit diese rätselhafte Figur auf den Punkt. Eigentlich reflexiven Charakteren zugeordnet, muss ein Bariton einen Ton für diesen Naturburschen finden, ohne ihn ins Derbe zu verzeichnen; Chest gelingt das überaus glaubwürdig. Auch wenn dieser „Billy Budd“ nicht an den „Peter Grimes“ des letzten Jahres herankommt – verdienstvoll ist die Produktion dieses selten zu hörenden Stücks und der Britten-Zyklus der Deutschen Oper allemal.

Wieder am 28. + 31. Mai, 3. + 6. Juni