Nichts spricht dagegen, Comics im Schulunterricht zu verwenden. Im Gegenteil, alles spricht dafür. Nur ewig gestrige Kunstbanausen halten die grafische Literatur immer noch für jugendverderblichen Schund; dass Bildgeschichten sogar Erwachsene zur lehrreichen wie kurzweiligen Beschäftigung reizen, halten sie erst recht für ausgeschlossen. Dabei haben wir es hier doch mit einer Schule des Sehens zu tun. Einer überaus ehrwürdigen zudem, schließlich ist der Comic als Kunstgattung auch schon mehr als hundert Jahre alt. Nirgend sonst lässt sich ein gelenkiger, zwischen Bild und Schrift hin und her springender, von einem Panel zum nächsten hüpfender Blick so vergnüglich einüben. Wer weiß, wozu das im späteren Leben noch einmal nützlich ist.

Aufs Schärfste sei deshalb die neue Reihe „Brockhaus Literaturcomics“ begrüßt. Man kann gar nicht früh genug mit der Comiclektüre anfangen, leise Zweifel beschleichen uns allenfalls bei der Frage, ob das mit der schulüblichen Vollbetreuung durch eine Lehrkraft so spannend wird, wie es eigentlich sein könnte und sollte. Wie auch immer, der renommierte Brockhaus Verlag bewirbt sein Projekt mit den Empfehlungslisten für die Sekundarstufe I und II, auf denen einige der Comics schon platziert sind: Homers „Odyssee“, Miguel de Cervantes’ „Don Quijote“, Robert Louis Stevensons „Die Schatzinsel“ und Daniel Defoes „Robinson Crusoe“; Jules Vernes „In 80 Tagen um die Welt“ scheint zwar noch nicht gelistet zu sein, ist aber der fünfte Band im Bunde.

Pädagogischer Auftrag

Eine schöne Sammlung, ein guter Anfang. Übernommen hat Brockhaus das Projekt aus Frankreich, dort läuft die umfangreiche Reihe „Les Incontournables de la littérature en BD“ bereits einige Jahre. Und so verwundert es wenig, dass alle Titel im klassischen franko-belgischen Albumformat erscheinen; entsprechend bestehen sie aus 64 Seiten (bieten allerdings auch einen didaktischen, also den klassischen Stoff etwas ausführlicher vorstellenden Anhang). Den Sinn und Zweck der ganzen Veranstaltung erläutert Brockhaus folgendermaßen: „Wir können darüber klagen, dass Jugendliche nicht mehr so viel lesen wie früher. Wir können aber auch Wege finden, ihnen die großen Stoffe der Literatur auf den Wegen zugänglich zu machen, die sie mögen und akzeptieren.“

Wohlan. Dem (schul)pädagogischen Auftrag wird das ästhetische Erleben indes untergeordnet. Man möchte „neugierig auf die Originalromane machen“ und nicht so sehr auf den Umgang mit dem gestalterischen Eigensinn des Comics vorbereiten. Deswegen erscheinen die Namen der Zeichner oder Szenaristen gar nicht erst wie sonst üblich auf dem Cover, sondern werden im kleingedruckten Impressum versteckt; dort sind sie unter der Rubrik „Illustrationen“ aufgeführt. Bei den „Brockhaus Literaturcomics“ geht es also nur um die Illustration eines Stoffs, nicht um seine künstlerische Anverwandlung in einem anderen Medium. Dazu will dann auch der konventionelle, nicht den Hauch eines grafischen Experiments riskierende Zeichenstil aller Titel passen.

Das ist etwas schade. Denn gerade in den letzten Jahren sind eine Reihe hervorragender Klassik-Adaptionen für den Comic erschienen, genannt seien Hornes und Corbeyrans „Die Verwandlung. Von Franz Kafka“ (Knesebeck), die von Nicolas Mahler gezeichneten „Alten Meister“ Thomas Bernhards (Suhrkamp), Flix’ Goethe-Fantasie „Faust. Der Tragödie erster Teil“ (Carlsen) oder auch Michael Meyers feurig-farbenfrohes „Inferno. Frei nach Dante Alighieri“ (Rotopol). Alle diese Comics würdigen die Zeichnung nicht als bloßes – illustratives – Mittel zum – pädagogischen – Zweck herab, sondern begreifen sie als ein Medium, in dem sich den literarischen Vorbildern neue, überraschende, ernsthafte wie auch unterhaltsame Interpretationen abringen lassen.

Kulturtechnik Comiclektüre

Die Comiclektüre ist ebenso wie die Lektüre eines Romans eine zu erlernende, mitunter sehr beschwerliche Kulturtechnik. Ein blankes Missverständnis liegt hingegen vor, wenn der Comic gewissermaßen als Literatur zum herabgesetzten Preis feilgeboten wird, etwa um Hemmschwellen zur Hochkultur herabzusetzen oder, schlimmer noch, um sich bei der Jugend mit „was Buntem“ anzubiedern. Das verfehlt nicht nur das Wesen des Comics, sondern auch der Literatur. Cervantes’ „Don Quijote“ etwa bezieht seinen ganzen subversiven Charme aus der hier beschworenen wirklichkeitsbildenden Kraft des Buchstabens. Es reicht nicht, die müden Witze über den Klappergaul Rosinante oder den Windmühlenkampf in einem Comic nachzuerzählen und zu bebildern.

Genau das aber geschieht im vorliegenden Fall. Dabei sind weder der Kampf gegen die Windmühlen noch der Junker Don Quijote von der Mancha und seine Staffage komisch; für sich genommen haben wir es nur mit Wahnsinnstaten von Verrückten zu tun. Erst weil Cervantes literarische und andere Lebenswirklichkeiten aufeinander prallen lässt, entsteht Komik. Im Comic geschieht genau dasselbe, nur dass die kollidierenden Zeichensysteme neben der Text- auch eine Bilddimension haben. Den hier waltenden Eigensinn sollte niemand unterschätzen. Ein Bewusstsein davon hätte man den Machern der neuen Reihe „Literaturcomics“ gewünscht. So bleibt nur Kunsthandwerk.

Homer: „Odyssee“, Zeichnungen: Miguel Lalor Imbiriba. Miguel de Cervantes: Don Quijote, Zeichnungen: David Pellet. Robert L. Stevenson: „Die Schatzinsel“, Zeichnungen: Jean-Marie Woehrel, Patrice Duplan. Daniel Defoe: „Robinson Crusoe“, Zeichnungen: Jean-Christophe Vergne. Jules Verne: „In 80 Tagen um die Welt“, Zeichnungen: Chrys Millien. Alle Bände haben 64 Seiten und kosten jeweils 12,95 Euro.