Berlin - Schon wieder so eine Geschichte kultureller Selbsttabuisierung. Die Rolling Stones verzichten vorerst darauf, ihren Song „Brown Sugar“ im Rahmen ihrer aktuellen Tournee zu spielen. Von der Los Angeles Times darauf angesprochen, antwortete Keith Richards pampig: „Ich versuche mit den Schwestern herauszufinden, wo das Problem liegt. Verstehen sie nicht, dass dies ein Song über den Horror der Sklaverei ist? Im Moment versuchen sie, den Song zu begraben. Ich will keine Konflikte wegen diesem ganzen Scheiß. Aber ich hoffe, dass wir ,das Babe‘ in all seiner Herrlichkeit wieder aufführen können.“ 

Das „Babe“ stammt vom Album „Sticky Fingers“ von 1971, es ist einer der erfolgreichsten Songs der Stones überhaupt. In kaum verschlüsselter Form handelt er vom Gang des Plantagenbesitzers zu den Hütten seiner Sklavinnen. Mit ein wenig Wohlwollen könnte man es als popkulturelle Auseinandersetzung mit rassistischen Stereotypen verstehen: „Drums beating, cold English blood runs hot/ … Brown Sugar, how come you taste so good?/ … just like a black girl should …“

Von der Überwachung zur Selbstzensur

Es ist aber nicht die Zeit für elaborierte Gedichtinterpretationen mit besonderem Sinn für Ambivalenzen. Also lassen die Stones das Stück, das lange im Verdacht stand, den Konsum von Heroin zu verherrlichen, lieber weg.

Es ist schon bemerkenswert, wie viel Energie heute in konventionellen Redaktionen und noch viel mehr in den sozialen Medien darauf verwandt wird, Interviews, Reden und künstlerische Hervorbringungen nach problematischen Stellen abzusuchen. Der Gebrauch elektronischer Aufzeichnungsmedien stand lange im Verdacht des Überwachungsmissbrauchs durch höhere Mächte. Inzwischen aber befinden wir uns im Zustand permanenter Selbstüberwachung.

Im Fall der irischen Schriftstellerin Sally Rooney ist sie bereits umgeschlagen in Selbstzensur. Sie werde, teilte sie unlängst mit, ihren neuen Roman erst ins Hebräische übersetzen lassen, sobald sie einen Weg gefunden habe, der im Einklang mit den Boykott-Richtlinien der Organisation BDS stehe. Das Erscheinen ihrer Romane in China, Russland oder Iran stört sie aber nicht. Brown Sugar, how come you taste so good?