Es kommt nicht oft Post von der New York Times, aber jetzt. Herr Homola schreibt, dass er meinen Artikel über den Springsteen-Auftritt 1988 in Weißensee mit 300 000 Zuschauern gelesen hat und dass er auch da war. Er erinnere sich genau, denn ich mit meinem Platz auf der Mülltonne habe ihm doch die Sicht versperrt. Nicht wirklich schlimm, denn er „stand auf einem Stuhl, den mir die Klofrau im Damentoiletten-Container geliehen hatte.“ Dann schickt er noch seine Eintrittskarte und ein Bild aus einer dänischen Zeitung, Herr Homola hinten auf dem Klostuhl, ich weiter vorn auf der Mülltonne, herrlich. Das sind Erinnerungen, die bleiben.

Und wer wird über das Ereignis, das nun wirklich etwas mit der DDR zu tun hat, ein Vierteljahrhundert später ein Buch schreiben? Natürlich ein Amerikaner. Erik Kirschbaum, Reuters-Korrespondent in Berlin, der nur eins wirklich bedauert: Er war gar nicht dabei. Das sollte für ihn kein Hindernis auf dem Weg zum besten Kenner des Konzerts sein, denn er hat mit Gott und der Welt und allen Veranstaltern gesprochen und sich auch die Stasi-Akten besorgt. Die schätzt Springsteen („Beruf: Internationaler Rockstar“) als Künstler ein, der „harte, ungeschönte Songs über die Schattenseiten der amerikanischen Wirklichkeit“ singt. Und sie behauptet, der Manager des Schattenseiten-Sängers habe sein Einverständnis gegeben für das Konzertmotto „Solidarität für Nikaragua“. Das war schlicht gelogen, das Motto hatte die FDJ ja verheimlicht und Springsteens Klarstellung auf der Bühne provoziert. Das alles erzählt das Buch „Rocking the Wall“.

Cherno Jobatey, der 1988 für den Tagesspiegel über Springsteen schrieb, kannte damals nur zwei Titel von ihm und fand den Sound etwas dünn, erzählt er zur Buchpremiere. Der Rest der Besucher damals war selig. Leser dieser Zeitung sehen allein heutige Einschätzungen der FDJ als Veranstalter unterschiedlich. Einige bezeichnen meine Einlassungen über die FDJ als bösartig, tendenziös und einseitig. Ich finde sie begründet. Bei der Gelegenheit würde ich noch ein Missverständnis bei einigen Lesern ausräumen wollen – die Vorstellung, „die Verteufelung der DDR“ sei heute eine „zentrale Vorgabe für Medien“. Verehrte Leser! Es gibt keine DDR mehr. Nicht mal jemanden, der zentralen Vorgaben macht.