Bruce Springsteen: Freiheit ist wie ein schmutziges Hemd

Das Problem mit Bruce Springsteens neuem Album „Wrecking Ball“ ist, dass er ein sympathischer Typ zu sein scheint. Als besonders heißes Eisen kann man seinen lang erprobten Rock ja nicht bezeichnen. Inspiriert hat ihn zu den neuen Songs jedoch die Wut auf die verwahrloste Wirtschaftswelt und die Spur aus Ruin und Armut, die sie hinterlässt – sicherlich ein ebenso legitimer Grund zur Gitarre zu greifen wie jeder andere, auch wenn Springsteen sich damit natürlich einem gewissen Hybrisverdacht aussetzt.

Immerhin kann man den 62-Jährigen als eine Art Denkmal des Stadionrock sehen, als den Erfinder einer ebenso lauten und schwergewichtigen wie etwas dumpf bodenständigen Rockhymnik, mit der er in den letzten vierzig Jahren hundertfacher Millionär geworden ist. Aber warum sollte sich der Sohn eines meist arbeitslosen Vaters und einer Sekretärin nicht die Solidarität mit seiner ehemaligen Schicht bewahrt haben? Zumal er sich – anders als etwa Bono – immer ein wenig unbehaglich in seiner Starrolle zu fühlen schien und lieber Gewerkschaften finanzierte als mit religiöser Inbrunst Afrika zu tätscheln.

Nicht vergessen sollte man, dass er die Basis seines Erfolgs in den mittleren 70ern mit Alben gelegt hat, deren etwas derber, aber drängelnd lebendiger Rock sich auf die Dynamik von frühem Rock’n’Roll und Rhythm’-n’Blues berief und diese mit sozialrealistischer Kennerschaft und Poesie der (sub)proletarischen Szene des weiteren New York gutschrieb. Allerdings begann Springsteen auch früh, das Pathos seines amerikanischen Traums nicht mehr aus romantisch-rebellischer Unruhe zu erklären, sondern in einen Ruf nach stabilen politischen Gefühlen zu wenden.

Hang zur breitreifigen Hymne

Seit den 80ern erschienen auch zurückhaltende Countryfolk-Alben, von „Nebraska“ bis zu „Ghost of Tom Joad“. Von dort hätte Springsteen einen eleganten Ausstieg ins rustikale Singer-Songwritertum finden können. Die Stimme klang ohnehin mit zunehmendem Alter nach dem wettergegerbten Countrytimbre von Outlaws wie Guy Clark.

Aber leider überwiegt in seinem Schaffen doch der Hang zur breitreifigen, hochgetunten Rockhymne, wie er sie 1984 mit „Born in the USA“ im höchsten Marktsegment etabliert hat. Sein Ticket in diesen Supermainstream mag inhaltlich eine gut gemeinte Abrechnung mit der republikanischen Kälte der USA in den frühen Achtzigern sein. Aber wie es zeitgleich und nicht unähnlich auch Stallone-Figuren in „Rocky“ oder den „Rambo“-Sequels zeigten, spielt der Titel mit seinem hurrapatriotischem Arrangement und der populistischen Harmonik natürlich ästhetisch und emotional einem reaktionären Mythos vom bedrohten Volk und seinem unverbildeten sogenannten kleinen Mann zu.