Auch nach fast 40 Jahren Karriere und 62 Lebensjahren will der Beiname „The Boss“ nicht wirklich zu Bruce Springsteen passen. Bosse stellt man sich nicht erst seit der Bankenkrise anders vor. Höchstens als väterlicher Chef eines Familienbetriebs käme er in Frage – aber den E-Street-Gitarrenzauberern Nils Lofgren und Stevie van Zandt oder dem unaufgeregt famosen Schlagzeuger Max Weinberg sagen, wo es lang geht? Kaum. Und es gibt vielleicht keinen Superstar, der freundlicher, kumpelhafter mit seinen Fans umgeht. Der sich anfassen lässt, tätscheln wie ein Zirkuspferdchen, und dabei diebisch grinst. Oder herrlich koboldhaft kichert. Der (noch) mehr Spaß zu haben scheint als sein Publikum. Vom nahen Flughafen durfte wegen der Nachtruhe schon keine Maschine mehr starten, als er im ausverkauften Waldstadion noch Publikumswünsche einsammelte – und erfüllte: „Cadillac Ranch“, „Sherry Darling“, „Glory Days“.

In Frankfurt eröffnete Springsteen eine kleine Deutschlandtour und ließ sich dabei mit knapp dreieinhalb Stunden Konzertdauer noch ein wenig weniger lumpen als sonst. Sein 17. Album stellt er diesmal vor, „Wrecking Ball“, und es ist besser als manches frühere: Einige der Lieder hat man schon in Ohr und Blut, ehe sie zu Ende sind. Der Kleine Mann in der Wirtschaftskrise, die Abrissbirne, die in den Mittelstand saust, das sind immer noch die Themen, die Springsteen gut zu verpacken versteht.

Denn Bruce Springsteen, obwohl ein Super-Super-Star, ist der Abgeklärtheit ebenso entgangen wie den Allüren und Neurosen. Er ist - und scheint Jahr um Jahr bleiben zu wollen - der Geradlinige mit der geradlinigen Musik. Der Skandalfreie. Cool kann man ihn eigentlich nicht finden, dazu ist er zu oft im Mainstream geschwommen. Aber er hatte seine genialen Momente, “Nebraska“ war so einer; und zwischendurch lieferte er unglaublicherweise ein solides Album nach dem anderen. Nicht nur seine Liveauftritte sind die eines Marathonläufers, seine ganze Karriere weist eine beeindruckende Kontinuität auf.

„Badlands“ singt er als erstes an diesem Frankfurter Abend, und markiert damit gleich den politischen Springsteen wie gleichzeitig den Liebe und Optimismus feiernden. Das neue Lied „Jack of all Trades“ kündigt er später an mit „in Europa sind die Zeiten schlecht“ und widmet es allen, „die kämpfen“ (ja, auch diesmal hat er sich einige deutsche Sätze aufschreiben lassen). Das Lied des Hansdampf in allen Gassen (Jack of all Trades) beginnt: „Ich mäh Ihnen den Rasen / hol die Blätter aus dem Abfluss /Ich richte Ihnen das Dach.“ Springsteen, der Handwerker, das ist eindeutig das passendere Attribut als „The Boss“. Aus Echtholz sind seine Lieder, haltbar, praktisch, ohne Chichi. Man könnte sie mit einem Werbeaufkleber versehen: Mit dieser Kommode können Sie alt werden.

Nachdem Springsteen in den vergangenen Jahren einen Solotour-Ausflug unternommen hat sowie einen mit liebevoll neu gefassten Pete-Seeger-Liedern, hat er nun wieder einmal die - erweiterte - E Street Band an seiner Seite. Und kann es krachen lassen, mit kleiner Bläser-Phalanx und fetten Gitarren. Anfangs führt die Arena-Akustik noch zu ziemlichem Brei, aber die Aussteuerung wird besser, besonders die stilleren Nummern sind später tonklar. Manchmal meint man, die Stimmkraft würde den kleinen Sänger nun verlassen; aber auch da ist er wie ein Stehaufmännchen. ein bisschen verwittert ist diese Stimme in den letzten Jahren, aber das macht sie nicht uninteressanter.

Die mehr als 40.000 im Stadion haben für ein gutes altes Rockkonzert gezahlt – und sie bekommen ein gutes altes Rockkonzert. „Everybody say yeah, yeah, yee-e-e-e“ wünscht sich Springsteen im „E Street Shuffle“. Natürlich wird ihm dieser Wunsch erfüllt – aber nicht, weil man ihn Boss nennt, sondern weil man diesem Mann einfach nichts abschlagen mag.