Es gibt Momente im Leben, die vergisst man nicht. Man weiß, dass man davon einmal seinen Kindern und Enkeln erzählen wird. Einer dieser Momente ist für mich das DDR-Konzert von Bruce Springsteen vor 30 Jahren. Ich war dabei!

Es war nicht nur Springsteens größtes Konzert; es war damals für uns das größte Rockkonzert, das es jemals in der Geschichte der DDR gab. Es war das Woodstock von Ostberlin! Mit dem „Boss“!

Für mich war es eine Sensation, als ich einen Monat vorher, einen kleinen, unauffälligen Artikel in der „Jungen Welt“ las. Ich war damals 21, studierte  an der Ingenieurhochschule Lichtenberg.

Der Text wirkte wie eine Anzeige: „Zur Eröffnung des 5. Rocksommers der FDJ begrüßen wir für ein vierstündiges Konzert Bruce Springsteen  & The E-Street-Band (USA).“ Das  Ganze lief unter dem Titel „Ein Konzert für Nicaragua“.

Niemand stutzte darüber. Warum sich der Star für eine politische DDR-Propaganda-Nummer, die „die antiimperialistische Solidarität“ mit dem lateinamerikanischen Land bekunden sollte, einspannen ließ, war uns allen egal. Hauptsache, der „Boss“ kommt!

Als würde die Mauer fallen

Und irgendwie konnten wir es nicht fassen. Sicher, in jenem Jahr gaben sich die West-Stars wie Depeche Mode, James Brown  oder Bryan Adams in Ostberlin die Klinke in die Hand. Doch Springsteen war eine ganz andere Liga! Er war DER Rock-Superstar in jener  Zeit. Viele hatten das Gefühl, als würde gerade die Mauer fallen.

Der Karten-Verkauf fand an nur einem einzigen Tag an der Radrennbahn statt. Ausgerechnet an einem  Sonnabend. Meine Sorge war, dass die ganze Republik anreist. Ich malte mir aus, dass es bestimmt nur 3000 Karten gibt. Aber es wurden 160.000 Tickets verkauft. Wahnsinn!

In wenigen Minuten hatte ich  meine Springsteen-Karte für 20 DDR-Mark. Drei Tage später  war ich wieder in Weißensee. Zum Konzert! Ich trug  T-Shirt und Ost-Jeans – leider keine Levi’s wie  Bruce auf dem Album-Cover von „Born in the U.S.A.“, dessen Amiga-Version ich immer noch besitze.

Wut auf die West-Berliner

Dicht gedrängt standen wir da, die Luft war stickig. Gefühlt war die halbe DDR-Bevölkerung da. Aber es waren auch Leute aus Westberlin dabei. Neben mir  hörte ich Männer sagen: „Scheißvoll hier. Egal, übermorgen in der Waldbühne haben wir bessere Plätze!“

Meine eingemauerte DDR-Seele kochte vor Wut. Doch mein Zorn verflog sofort, als  die ersten Gitarrentöne von „Badlands“ erklangen. Ich sah aber kaum etwas. Jeder versuchte, eine gute Sicht zu bekommen. Manche kletterten auf das Gerüst, wo die Toningenieure am Mischpult den Konzert-Sound regelten.

Was ich durch meine Hüpferei sah, war nicht viel. Der Boss wirkte auf der Bühne mit seiner schwarzen Hose und  der Lederweste so klein. Dennoch war ich glücklich, sah ihn  auf  der Videoleinwand. Ich jubelte, klatschte, genoss  die  Songs. „The River“ und „Brilliant Disguise“.

Die erste Gänsehaut fühlte ich, als Springsteens Background-Sängerin und spätere Ehefrau Patti Scialfa – es soll ja dort zwischen den beiden endgültig gefunkt haben – „Cover me“ anstimmte.

„Born in the U.S.A.“

Und dann kam „Born in the U.S.A.“ Die Massen sangen den Refrain mit. Immer wieder. Und Springsteen schrie sich die Seele aus dem Leib. Er sprach kaum zwischen den Songs.

Nur einmal, da sagte er auf Deutsch, dass er froh sei, da zu sein, dass er nur für uns spiele und hoffe, dass die Barrieren  fallen würden. Jeder wusste, dass er die Mauer meinte. Alle jubelten. Ich auch.

Und diese Worte verhallten nicht, sie sackten tief in unsere Herzen, als nach über vier Stunden Konzert ein verschwitzter Springsteen sich von der Bühne verabschiedete, die Lichter auf der Radrennbahn ausgingen und wir alle heimfuhren.

Ich nahm das Gefühl unendlichen Glückes mit, einen wunderbaren Rock’n’Roll-Abend erlebt zu haben. Das Gefühl währt bis heute.