Berlin - Zum Schluss steht er ganz allein auf der Bühne, nur mit der akustischen Gitarre.  Als allerletzte   Zugabe seines triumphalen Konzerts im Berliner Olympiastadion singt Bruce Springsteen „Thunder Road“, diesen  zeitlosen Song, der die älteste Geschichte der Welt erzählt. Da ist dieser Junge, der seiner Mary nicht mehr versprechen kann als ein eigenes Leben. Sie haben nur diese eine Chance, und darum müssen sie heute Nacht  noch weg, auf ihre Suche nach dem gelobten Land.

Die rund 68.000 Zuschauer in der Arena, die bis eben  wild getanzt haben, trauen sich  kaum noch Atem zu holen. Sie wissen, sie werden eben nicht nach irgendwo abhauen, sondern die Heimreise antreten, mit ihren Liebsten, ihren Freunden oder auch allein. Wenn ein Konzert von Bruce Springsteen zu Ende geht, ist es immer auch ein bisschen, als würde sich die Kirchentür öffnen. Selig sind die, die dabei gewesen.

Begonnen hatte die  Abendmesse  dreieinhalb Stunden zuvor mit einer lärmenden Rückkopplung von Springsteens abgeschabter Telecaster-Gitarre und dem Song „Adam Raised A Cain“. Das ist ein schwergängiges Stück Rockmusik mit biblischem Kontext, nicht unbedingt eine Partynummer. Die Sonne steht  kurz nach sieben noch halbhoch am Himmel, so dass sie etwas blendet, die letzten Zuschauer haben ihren Platz noch nicht gefunden. Es ist der unspektakuläre Beginn eines spektakulären Auftritts.

Beim folgenden „Badlands“ wiegen sich die Hände des Publikums aber schon in der Luft, wie man es bei  einem Klassiker erwarten darf. Große Sorge bereitet allerdings der Sound. Die  E-Street Band in ihrer achtköpfigen Minimalbesetzung klingt, als würde sie in einer Blechgießkanne konzertieren. Alles ist nur laut, nur dumpf und nur erträglich, weil eben Bruce Springsteen auf der Bühne steht. Das ist ärgerlich und wird sich im Laufe des Abends auch höchstens bei den ruhigeren Stücken bessern.

Früh desillusioniert

Anders als vor vier Jahren ist Springsteen diesmal nicht mit einem neuen Album nach Berlin gekommen – sondern mit einem alten. Die  Tournee steht unter dem Motto „The River“, benannt nach der Doppel-LP von 1980, die das beste und vielschichtigste Werk dieses Musikers ist. Bei den Hallenkonzerten in den USA hatte er die ganze Platte  in der originalen Reihenfolge der Songs gespielt, nunmehr in Europa sind nur noch ein paar davon übrig.

Vor allem die langsamen Stücke   haben es nicht  geschafft. Zur Entstehungszeit des Albums war Springsteen knapp dreißig Jahre alt, heute ist er sechsundsechzig und blickt so  auch auf ein Stück gelebten Lebens zurück. Sonderbar, wie desillusioniert er schon als junger Mann war. Viele Stücke dieses Albums, nicht zuletzt der  große Titelsong, handeln von den Kompromissen und Zugeständnissen, die die Wirklichkeit   bereithält. Früh geheiratet, den Job verloren, dann ist die Frau schwanger und der Fluss, in dem sie  einst nachts badeten, ist längst ausgetrocknet. Als Bruce Springsteen dieses Lied wunderbar zart intoniert, singt, flüstert, ist auf der großen Bilderwand eine in Tränen aufgelöste Zuhörerin  zu sehen.

Nun ist es das Schöne bei Springsteen, dass sich die Leute von solch  Mitgenommenheit rasch  erholen, schon kurz darauf ist die traurige Frau bei „Working On The Highway“ wieder in stabiler emotionaler Verfassung, die es ihr erlaubt, quietschvergnügt herumzuhüpfen. Pater Bruce  kämpft  um jede Seele, als müsste er sie persönlich erlösen. Das Klischee, er sei der härteste Arbeiter im Showgeschäft, ist kein Klischee. Nicht von ungefähr sind beide Handgelenke bandagiert. So wie er Gitarre nicht nur spielt, sondern drischt, kann das nur zur Sehnenscheidenentzündung führen. Nach einer Stunde haben die Schweißflecken unter seinen Achseln das Format  von Satteltaschen.

So geht es immer weiter,  Song für Song,  ohne Ansagen, die einzige Überleitung   ist sein  patentiertes  „One-two-three-four“. In dem  neueren Song „Wrecking Ball“ schreit  er seine Wut über den Abriss des Giant-Stadions in seiner Heimat New Jersey heraus. Es geht ihm  nicht  um  die Ränge aus Beton, sondern um ein Stück  Geschichte. Mitfühlender Konservatismus, wie er ihn versteht. Bei „Hungry Heart“ drängelt er sich durch das Publikum, klatscht  Leute ab, schüttelt Hände, er hat eben  keinen Laufsteg, der ihn über seine Zuschauer erhebt, er ist mitten unter ihnen.

Das macht seinen Charme aus, seine Herzlichkeit, seine Präsenz. Die ganz große Geste beherrscht er so bravourös wie die ganz kleine. Als er den Jungen wieder von der Schulter hebt, mit dem er den Refrain von „Waiting On A Sunny Day“ gesungen hat, gibt er ihm zum Abschied einen Kuss auf den Haarschopf. So wie das ein  Vater mit seinem Sohn tun würde.

Zug des Erbarmens

Die einzigen Kulissen auf der schlichten schwarzen Kastenbühne sind zwei Fahnen. Eine in Schwarz-Rot-Gold, die andere mit  Sternen und Streifen. Beide Banner hängen schlapp in der Luft. Das ist dann aber auch der einzige Kommentar zur politischen Lage. Bruce Springsteen, der vor Jahren Wahlkampf gegen George W. Bush gemacht hat, muss hier nicht über Donald Trump reden. Er muss sich nicht erklären, um verstanden zu werden. Er muss auch nicht über Flüchtlinge sprechen, wenn er ein so ergreifendes Gospelstück wie „Land Of Hope And Dreams“ vortragen kann. Denn darum geht es doch, um den Zug des Erbarmens, in dem alle Menschen ihren Platz finden wollen, auf ihrer hoffnungsvollen  Reise, die Heiligen und die Sünder, die Gewinner und die Verlierer. Es ist noch einmal die epische Erzählung vom Glauben an den Menschen. Trotz all dem, was um uns herum passiert.

Bevor er zu seinem finalen Solo  mit Gitarre und Mundharmonika  anhebt, dankt  Bruce  Springsteen wie ein Coach jedem seiner  Musiker persönlich. Gibt ihnen einen Klaps, sagt ihnen etwas ins Ohr. Es ist  Teil der Liturgie,  die er  so grandios beherrscht,  es ist aber einfach auch eine nette  Geste. Springsteen  schafft es,  jedem einzelnen das Gefühl zu geben, wirklich gemeint zu sein. Seien es die acht Leute auf der Bühne oder die zig Tausend davor. Das ist nicht nur eine Gabe, das ist seine große Kunst.