Im letzten Jahr feierte Bruce Springsteen den vierzigsten Geburtstag seines Albumdebüts. In diesem Jahr wird er 65 und das heute erscheinende „High Hopes“, sein 18. Studioalbum, wirkt wie eine entsprechende Jubiläumsproduktion. Statt neuer Songs sammelt es ein paar schon bekannte, überarbeitete Nummern und solche, die es nicht auf frühere Alben geschafft hatten, die der Konzertbesucher jedoch ebenso wie einige Coversongs meist aus Springsteens Live-Repertoire kennt. In dieser Konsequenz birgt das ein gewisses Novelty-Potenzial, aber Springsteen hat während seiner gesamten Karriere immer Stücke live gespielt, die erst später auf Alben landeten.

Ungemein produktive Dekade

Die meisten Stücke stammen ungefähr aus dem letzten Jahrzehnt – auch Covers wie „Dream Baby Drema“ der großartig visionären Synthierockabillys Suicide aus den Siebzigern spielt er, so sagen die Chronisten, live erst seit 2005. Die letzte Dekade zeigte ihn wiederum nach nur drei Alben in den Neunzigern enorm produktiv, wobei eins seiner sechs Alben zwischen 2002 und 2012 aus Archivmaterial bestand und eines Songs der Protestfolk-Legende Pete Seeger neuinterpretierte. 13 Grammys aus dieser Zeit unterstreichen die Einschätzung von professionellen Fans, seine Stimme gehöre zum nationalen Kulturgut der USA und sein Schaffen verkörpere das Gewissen der Nation. Als solches gab es ja von 9/11 und den Folgen zur Bankenkrise viel wegzubewältigen. Springsteens Idee dieser Aufgabe besteht wiederum darin, unermüdlich den Abstand zum sogenannten amerikanischen Traum zu vermessen. Das tat er zuletzt ausführlich 2012 mit „Wrecking Ball“, worauf er mit Dampfrock, Gospel, allen möglichen Folk-Einflüssen und auch einem Rap auf die Missstände des Landes ein- und dagegen vorschlug, den Kopf oben, die Ärmel hochgekrempelt und das Herz am rechten Fleck zu halten. „High Hopes“ klingt demgegenüber weniger konzeptuell geschlossen; die Grundhaltung unterscheidet sich natürlich nicht.

Als Bild sieht so ein ausgelagertes Gewissen aber schon auch zwiespältig aus. Schön ist, wenn jemand solidarisch die Wunden und Missstände besingt. Aber es erinnert auch ein bisschen an Ablasswirtschaft und Beichtsystem. Springsteen hält wie im bluesigen Titelsong – ein Stück des selbsternannten „Gothic Blues“-Sängers Tim Scott Conell – die Hoffnung hoch. Er entlässt die Nation mit ein paar Vaterunsern, recht wörtlich in einigen Bibelexegesen wie „Heaven’s Wall“, aber auch als Mantras von der Großen Depression im neu aufgelegten „The Ghost of Tom Joad“. Er singt von Vietnam in „The Wall“; von Rassismus in „American Skin“, das die Ermordung Amadou Diallos durch New Yorker Polizisten 2000 behandelte und auf der letzten Tour an das ähnliche Schicksal Trayvon Martins 2012 erinnerte.

Glitschig überproduzierte Sounds

Dabei gründet sein legendärer Status nicht auf Statement-Songs sondern gut beobachteten Niedergangserzählungen und Stimmungsbildern aus dem Kiez, von urbanen, kleinstädtisch organsisierten Szenen. An Straßenecken, in Neighborhoodbars und alten Autos träumten seine Leute von der amerikanischen Weite – in kraftvoll-romantischen Halbstarken-Hymnen wie beim jungen Scorsese oder Roadmovie-Beschwörungen. Daran erinnert er hier zum Beispiel mit dem beatnik-lyrischen Flow von „Harry’s Bar“ oder dem Ödland-Trip im dylanesken „Hunter of Invisible Game“.

Der ölverschmierte frühe Sound belebte damals in einer Retrogeste die Energie des jungen Rock’n’Roll. Diese Energie ist geblieben, und live kann man sich ihr auch als Springsteen-Skeptiker und bei allem Stadionpomp nicht entziehen.

Im Studio wiederum vertraut er dieser nostalgischen Phänomenologie in Geist und Text offenbar nicht. Wo in seiner ideellen Welt sozusagen noch der Schraubenschlüssel hilft, befindet sich Springsteen studiotechnisch unvorteilhaft in der Neuzeit. Am deutlichsten erklärt das sein Gitarrist Tom Morello, ehemals bei den Industrialrockern Rage Against the Machine, der den E-Street-Band-Veteranen Steven Van Zandt ersetzt. Der Mann kann seine Gitarre offenbar nur mit Bordcomputer spielen. Im Paradebeispiel des einst folkigen „Tom Joad“ ruft er akribisch alle Sounds ab, die man als Argument gegen sein Instrument verwendet hat.

Viele Songs auf „High Hopes“ fangen recht sparsam und übersichtlich mit Orgel, Klavier und Gitarre an, legen Gospel, Country- und Folkmotive oder grübelnde R&B-Settings aus – um sich dann zu glitschig überproduzierten Kraftmaschinen zu blähen. Daraus tauchen schmetternde Bläser, komische Synthesizerfiguren, Kirchenglocken und ratlose Sologeigen auf. Springsteens hemdsärmlig raue Idee von Gesang und die oft eher schlichten Klackpuff-Vierviertel der Drums stammen da aus einer gegenteiligen Klangwelt. Mit wenigen Ausnahmen – der Titelsong und das geduldig ansteigende „Dream Baby Dream“ – ruiniert die Produktion noch die einnehmendsten Songideen. Vielleicht ist Springsteen mittlerweile reif für die Rick-Rubin-Diät. Man könnte vermutlich einen guten Singer/Songwriter entdecken.

Bruce Springsteen. High Hopes (Smi Col/ Sony)