Es ist noch nicht lange her, da bat Bruce Springsteen seine Mutter Adele zum Tanz. Die Band in einem kleinen Klub in New Jersey spielte „Eight Days A Week“ von den Beatles. Springsteen führte Adele behutsam durch den Song, trat von einem Bein aufs andere und achtete darauf, die alte Dame nicht zu überfordern. Es war ihr 93. Geburtstag. Die Szene ist auf einem Handyvideo festgehalten.

Nun könnte man sagen, dass dieser private Moment nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist, andererseits hatte er seine Mutter bei anderer Gelegenheit auf die Bühne des New Yorker Madison Square Garden geholt, um mit ihr vor 20.000 Leuten „ass shaking“ abzurocken. Diese Gabe, sich die Intimität des Augenblicks zu bewahren, ist bezeichnend für Springsteens Leben als Musiker, Rockstar und Human Being, wie es im Englischen so schön heißt, als menschliches Wesen.

Vor welchem Publikum er auch auftritt, ob es achtzig Leute sind oder achtzigtausend, immer bekommt man es bei ihm mit dem Menschen hinter dem Mythos zu tun. Klingt zu pathetisch? Hallo? Es geht hier um Bruce Springsteen! Der hat die Poppathetik erfunden. Da darf man ihm zu seinem Siebzigsten am Montag schon mal etwas zurückgeben.

Bruce Springsteen: Was wäre die Welt ohne ihn?

Was also wäre die Welt ohne Bruce Springsteen? Und ohne Hazy Davy, Spanish Johnny, Diamond Jackie, Wild Billy, Jimmy the Saint, Magic Rat, Crazey Janey, Rosalita, Sandy, Kate, Doreen, Wanda, Sherry, Wendy, Kitty, Leah und wie die Schöpfungen seiner Fantasie alle heißen? Nicht zu vergessen Mary natürlich, die durch seine frühen Träume geistert, seit sie in „Thunder Road“ mit wehendem Kleid durch die Fliegengittertür rauschte, um mit ihm abzuhauen. Und das, obwohl er ihr gerade noch nachsagte, keine Schönheit zu sein, aber, „hey, du bist ganz nett“.

Ist ja dann auch nichts aus ihnen geworden. In „The River“ treffen wir die beiden Ausreißer wieder. „All die Sachen, die so wichtig zu sein schienen. Na ja, Mister, haben sich irgendwie in Luft aufgelöst. Ich tu so, als ob ich mich an nichts erinnern könnte. Und Mary tut so, als ob ihr alles egal wäre.“ Dann gehen sie runter zum Fluss, aber der Fluss ist längst ausgetrocknet. Es ist ein Jammer, aber so laufen die Dinge nun mal. Ohne Geschichten wie diese wäre die Welt ein trostloser Ort.

Bruce Springsteen: Songschreiber, Sänger, Musiker, Bandleader, Performer, Buchautor und Bühnenkünstler

Das sagt sich so, aber es geht bei Springsteen tatsächlich um Trost, Barmherzigkeit, Mitgefühl. Und es geht um Trotz. Rock ’n’ Roll reimt sich bei ihm auf Trotz und Trost.

Beim feierlichen Nachdenken über Bruce Springsteen kommt man kaum umhin, seine künstlerische Persönlichkeit wie eine Geburtstagstorte aufzuteilen. Der Songschreiber, Sänger, Musiker, Bandleader, Performer – dazu in jüngerer Zeit noch der Buchautor und Bühnenkünstler. Für sein Einpersonenstück „Springsteen on Broadway“ hat er immerhin den Tony-Award gewonnen. Das Wunder seiner Karriere, die weder richtig schlechten Platten noch Peinlichkeiten anderer Art kennt (abgesehen von den Muskelshirts der Achtziger), ist nun allerdings die Homogenität des Phänomens „Bruce“. Er ist immer die Summe seiner selbst, ob als Solist oder mit der Band, ob er den Clown gibt oder den Prediger, er ist beharrlich leidenschaftlich und herzlich, einnehmend und verausgabend und gibt einem im Publikum noch auf die größte Distanz ein Gefühl von Nähe. Das macht ihn als Massenkünstler im Musikgeschäft einzigartig.

Bruce Springsteen: 34.387.903 Menschen haben seine Konzerte besucht

Bruce Springsteen ist alt, weiß und heterosexuell, nach allem, was man weiß. Er spielt sehr breitbeinig Gitarre und schwitzt auf der Bühne wie ein Pferd. Damit widerspricht er allem und jedem, was heute Pop ausmacht. Aber er ist populär. Laut Statistik haben seit Beginn unserer Zeitrechnung 34.387.903 Menschen seine Konzerte besucht. Er ist auf eine Weise wirklich, wie es das bei Künstlern dieser historischen Größe nicht gibt. Bob Dylan? Unberührbar. Neil Young? Verschroben. Die Rolling Stones? Zirkus. Bruce Springsteen zählt „One, two, three, four“, schiebt den Unterkiefer vor und drischt auf seine Telecaster ein. Zwischendurch wuschelt er Kindern über den Kopf, die von ihren Eltern auf die Bühne gehoben werden. Familie kann man sich aussuchen, Bruce Springsteen nicht. Hat er einen am Haken, wird man ihn nicht wieder los. Schon gar nicht beim Autofahren. „Wann immer ich einen Highway entlang rase, kann ich nicht nicht an Bruce Springsteen denken“, sagt Lady Gaga. Er hat die größten Songs über die Straße geschrieben, dabei hatte der Mann, bis er einundzwanzig war, nicht mal einen Führerschein. Von einem Auto gar nicht zu reden.

Er hat auch nie in seinem Leben gearbeitet, jedenfalls nicht so, wie sein Vater Douglas es verstanden hätte, der sein Geld als Wachmann, Lastwagenfahrer und Fabrikarbeiter verdiente. Aber der Sohn kann gut beobachten und sich einfühlen, er kann den Frust und die Wut, die seinen Vater für ihn oft unerreichbar macht, zu Erzählungen über die Mühsal des Alltäglichen verdichten.

Bruce Springsteen sprach in seiner Autobiographie „Born to Run“ über seine Depression

Wenn seine italienischstämmige Mutter Adele ihm die heitere Seite mitgegeben hat, das Herumalbern, den Sex-Appeal, die Lebenslust, so hat er von den irischen Vorfahren seines Vaters Doug die Düsternis des Gemüts geerbt. Stramme Katholiken sind sie beide, und so steht die Suche nach Erlösung bei ihm ganz oben auf dem Plan, mal in Schönschrift, mal gekritzelt. In seiner Autobiografie „Born to Run“ hat Bruce Springsteen ausführlich von seiner Depression gesprochen, die ihn früher öfter über den Rand der Verzweiflung hinüberzuziehen drohte und der er heute mit Therapien, Medikamenten und Konzerttourneen begegnet.

Springsteen war schon in jungen Jahren ein Illusionist, ein Künstler, der sich selbst aus dem Zylinder seiner Ängste zaubert. Und das ist er in gewisser Weise geblieben, wenn er in den Schmerzen seiner Seele und den Verwerfungen seiner Heimat ein Versprechen für die Zukunft sucht.

Bruce Springsteen schreibt Songs, wie andere Filme drehen

„Sein Themenkreis rückt ihn durchaus in die Nähe eines amerikanischen Homers wie Johnny Cash“, erklärt Heinz-Rudolf Kunze im aktuellen Rolling Stone. Kunze hat für das soeben im Reclam-Verlag erschienene Buch „Like a Killer in the Sun“ von Leonardo Colombati hundert Texte des Songwriters übersetzt. Er ist im Springsteen’schen Flow, wenn er die Topoi von dessen Werk aufzählt: „Söhne und Väter, Einsamkeit, die nahezu kosmische Weite des Landes, die Härte und Ungerechtigkeit des Lebens der schwer arbeitenden, einfachen Menschen, Autos, Motorräder, Straßen aus dem Nichts ins Nichts und das unlösbare (aber beim Versuch, es zu lösen, immer erlösende) Geheimnis der Liebe – und das alles mit dem dräuenden Unterton von Schuld, Sühne und der unbestimmt religiösen Sehnsucht nach Vergebung, die aus jedem typisch amerikanischen Songschreiber ein Stück weit einen Gospelsänger macht.“ Besser kann man es nicht sagen – kürzer auch nicht.

Springsteen schreibt Songs, wie andere Filme drehen. Jeder Vers eine Szene, jede Zeile eine Kameraeinstellung. Er wechselt die Perspektive, die Blickwinkel, die Objektive. Mal zoomt er sich ganz dicht heran, mal zieht er das Bild bis zum Horizont auf. Er schreibt Songs, wie andere Romane verfassen. Erfindet Charaktere und begleitet sie durch eine Zeit ihres Lebens. Er hält seine Hand über sie und weiß doch, dass er sie gehen lassen muss, sei es in ihr Unglück. Er schreibt aber auch Songs wie andere Songs schreiben, Woody Guthrie etwa oder Chuck Berry oder James Brown, die er alle angezapft hat.

Springsteen erwähnt Trump nicht mal in seinen Songs

Auf der langen Reise durch das Land seiner Träume und Alpträume gibt es ein paar Haltepunkte, die für sein Werk von zentraler Bedeutung sind, „Born in the U.S.A.“ zählt dazu, sein Klagelied für die Vietnamveteranen, oder „Nebraska“, jenes Album, mit dem Springsteen dem dunklen Amerika eine Stimme gibt, und auch das unterschätzte „Tunnel of Love“ in seiner Hinwendung zu Privatismen. Sein Spätwerk beginnt im Jahr 2002 mit „The Rising“, in dem er die Leere nach den Anschlägen vom 11. September heraufbeschwört. Gegen Trump singt er keine Lieder. Springsteen erwähnt ihn nicht mal. Schon das wäre zu viel.

Durch sein gesamtes Schaffen zieht sich die romantische Idee, dass Musik nicht nur sein eigenes Leben retten könnte, sondern auch das seines Publikums. Was soll man sagen? An manchen Tagen hat er recht.