Rosa Schapire, die Herbschöne mit den markanten Gesichtszügen, war für den Brücke-Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff das, was die Sammlerin Gertrude Stein für Picasso gewesen ist: Vertraute, beste Freundin in jeder Lebenslage, verehrte, geliebte Mäzenin.

Die Jüdin Rosa Schapire promovierte als eine der ersten Frauen überhaupt

Schmidt-Rottluff hat die emanzipierte Kunsthistorikerin, eine Frau, die Hindernissen und Konventionen entschlossen trotzte, oft gemalt, in diesem Fall im Jahr 1915. Damals, kurz vor der Einberufung an die Front im Ersten Weltkrieg, steckte der Expressionist gerade in seiner produktiven Holzschnitt-und Holz-Skulpturen-Phase. Das ist in der harten, fast maskenhaften Stilistik dieses Öl-Porträts auch nicht zu übersehen. Das Expressive wird hier gleichsam kubistisch.

Ein anderer guter Freund der Porträtieren, der Kunsthistoriker Wilhelm Niemeyer, der mit Schapire in Hamburg die expressionistischen Zeitungen „Kündung“ und „Rote Erde“ herausgab, wollte dieses Hauptwerk damals unbedingt haben. Er kaufte es aus Schmidt-Rottluffs Berliner Atelier heraus für seine Privatsammlung und vererbte es später seinen Nachfahren.

Die 1874 in Brody, Österreich-Ungarn, geborene Jüdin Rosa Schapire promovierte 1904 als eine der ersten Frauen überhaupt, zu einer Zeit, in der diesen der Zugang zu Universitäten regulär noch gar nicht erlaubt war. Sie trat sogar der Brücke-Gruppe als passives Mitglied bei, wurde später Herausgeberin des druckgrafischen Werkverzeichnisses Schmidt-Rottluffs.

Das Brücke-Museum ersteigerte das Schmidt-Rottluff-Gemälde gemeinsam mit Stiftungen

Die beiden waren kein Liebespaar, der Maler war ja glücklich verheiratet; es muss geistig sehr geknistert haben zwischen ihnen. Schapire kaufte eine Menge seiner Arbeiten, Ölgemälde, Holzskulpturen, Aquarelle, Grafik. Schmidt-Rottluff stattete ihre Wohnung in der Hamburger Osterbekstraße 43 aus, in der sie seit 1908 lebte, und baute ihre Möbel. Er entwarf für sie Kleidung, auch Schmuck. Über ihr Wohnzimmer schrieb der Maler Franz Radziwill, der sie ab 1920 häufig besuchte: „Nur in diesem Raum, den wir Schmidt-Rottluff-Zimmer nannten, lebte sie, dort erlebte sie vor den Bildern und Gegenständen ihrer Liebe sich und die anderen...“

Ein Schapire-Aquarell-Bildnis von 1909 gehört dem Brücke Museum, zwei Porträts hängen in der Tate Modern London. Dort starb Schapire 1954, im Exil nach der Flucht aus Nazideutschland. Alle anderen Mitglieder ihrer Familie wurden Opfer des Holocaust. In London setzte Rosa Schapire ihre Bemühungen für den von den Nazis verfemten deutschen Expressionismus fort.

Unlängst wurde das expressive Bildnis in den blaugrünbraungelben Farben aus dem Niemeyer-Familien-Nachlass bei Sotheby’s London angeboten. Das Brücke-Museum erfuhr glücklicherweise zeitig genug von der Versteigerung. Die Karl-und- Emy-Schmidt-Rottluff-Stiftung und die Ernst-von-Siemens-Kunststiftung boten entschlossen mit, erstanden das Gemälde „R.S.“, für 200.000 Pfund. Damit bekam das seit 2017 von Lisa Marei Schmidt geleitete Haus einen Markstein im Schmidt-Rottluff-, damit im Brücke-Bestand. Werke aus der „ethnologischen“ Phase der Gruppe besaß die Sammlung bislang nämlich kaum, schon gar nicht von Schmidt-Rottluff, der dem 1967 gegründeten Museum einen Großteil seines Werkes als Stammkapital vermacht hat.

Auf der Vorderseite ist Rosa Schapire zu sehen - auf der Rückseite eine Ansicht der Kurischen Nehrung

Zudem stellt das Bild, das am Dienstag im Dahlemer Brücke Museum erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, ein Kuriosum dar. Das konturenscharfe Konterfei der intellektuellen Dame R. S. prangt auf der Vorderseite, die bei Malern auch „Butterseite“ heißt. Auf der Rückseite aber – das Motiv gibt’s fürs Brücke Museum sozusagen inklusive – ist eine Landschaft mit Turmhaus zu sehen, eine Ansicht der Kurischen Nehrung von 1913. Wahrscheinlich hielt der Maler das Motiv für nicht gelungen, wollte es aber auch nicht wegwerfen. Also dient es ganz pragmatisch, zugleich aber auch wie ein rätselhafter Gruß, als Rückseite.

Die Ausstellungsmacher im Brücke Museum wollen sich was einfallen lassen: Wie präsentiert man eine Gemälde, das nicht an der Wand hängen kann? Das geht, wie man in Altmeistersammlungen sehen kann, auch in Vitrinen, mitten im Raum.