Den ersten Annäherungsversuch von Abadin Hasanovic (Tamer Yigit) weist Jan Welke (Edin Hasanovic) noch schroff zurück: "Ich bin nicht dein Bruder." Doch der Salafist hat ein feines Gespür dafür, dass der junge Informatik-Student auf der Suche nach etwas ist, das die Leere füllt, die ihm ständig irgendwo zwischen Uni, Partys, Drogen und Frauengeschichten auflauert.

Jan hat mit Religion bis dahin nichts am Hut, doch die starren Regeln, die strikte Einteilung der Welt in Richtig und Falsch und der Zusammenhalt unter den Glaubensbrüdern, die er in Hasanovics Umfeld kennenlernt, geben ihm Halt. Jan lässt sich beschneiden und konvertiert zum Islam.

Das schwer Erklärbare erklären

Drei Jahre lang hat die Autorin Kristin Derfler für den Zweiteiler "Brüder" recherchiert, den das Erste an diesem Mittwoch im Rahmen eines Themenabends über deutsche Glaubenskrieger zeigt. Drei Stunden lang versucht ihr Film zu erklären, was nur schwer zu erklären ist: Warum junge deutsche Männer freiwillig alles hinter sich lassen, in ein Kriegsgebiet ziehen, für den sogenannten IS kämpfen und morden.

Die Frage nach dem Warum kann das Drama nur in Teilen beantworten und bleibt an dieser Stelle zu sehr an Schablonen haften. Ja, diese jungen Männer sind häufig frustriert, orientierungslos, haben familiäre Probleme, kurz, ihnen fehlt der Halt. Doch was genau Jan im Salafismus sieht, bleibt schwer zu verstehen.

Aber vielleicht ist es wirklich so, wie Derfler sagt: "Jan Welke hätte auch bei den Linksautonomen oder dem NSU landen können." Doch wer die anschließende Dokumentation "Sebastian wird Salafist" anschaut, für die Filmemacher Ghafoor Zamani einen durchschnittlichen deutschen Jugendlichen, der sich radikalisierte, über mehrere Jahre begleitet, muss erkennen, dass es manchmal wirklich einfach nur beängstigende Navität und Sinnsuche ist.

Jan schließt sich dem IS in Syrien an

Gerät in "Brüder" die Radikalisierung Jans im ersten Teil etwas lang und zu holzschnittartig, entfaltet der zweite Teil in einigen Szenen eine ungeheure Wucht. Mit seinem Mitbewohner Tariq al-Jabari (Erolf Afsin), einem syrischen Arzt, macht sich Jan auf den Weg nach Syrien. Während Tariq seiner eingeschlossenen Familie helfen will, ist Jan fest entschlossen, sich den Terroristen des IS anzuschließen.

Vor den Augen seines Freundes wird er zum Schein entführt und dann in ein IS-Ausbildungslager gebracht. Dort muss er Handy und Pass abgeben und hat keinerlei Kontakt zur Außenwelt. Es sind eindrucksvolle Szenen, die Regisseur und Co-Autor Züli Aladag in Marokko gedreht hat.

Die jungen Männer werden zu absolutem Gehorsam verpflichtet und ausgebildet, ohne Skrupel zu morden. In diesen Passagen mutet der Film den Zuschauern einiges zu. Die Hinrichtung eines in Ungnade gefallenen Mitkämpfers und die Ermordung einer Hochzeitsgesellschaft sind schwer zu ertragen. "Wir hätten die Gewalt nie so real abgebildet, wie sie der IS in seinen Videos selbst zeigt", sagt Züli Aladag. "Der Zuschauer soll selber ein Gefühl für die Gewaltvorstellung bekommen, wie sie sich in den Köpfen unserer Protagonisten abspielt." 

Es geschah auf Aladags Betreiben, dass die Passage im syrischen IS-Lager, die zunächst nur drei Minuten umfassen sollte, auf 50 Minuten ausgeweitet wurde. Eine gute Entscheidung.

Ende von „Brüder“ bleibt offen

Am Ende kehrt Jan nach Deutschland zurück. Seine Eltern und auch Tariq, der mit dem Verfassungsschutz zusammenarbeitet, hoffen, dass er der mörderischen Ideologie abgeschworen hat und ein neues Leben beginnt. Doch die Sorge bleibt, ob er ein Schläfer ist, bereit, in seiner Heimat einen Anschlag zu verüben.

Es ist vor allem dem eindrücklichen Spiel Edin Hasanovics ist es zu verdanken, dass "Brüder" trotz mancher Längen und Schwächen - und einiger schlecht angeklebter Bärte - gerade im ersten Teil ein nachdenklich machendes Drama geworden ist.

Das Erste zeigt die zwei Teile des Fernsehfilms „Brüder“ am Mittwoch ab 20.15 Uhr.

„Sebastian wird Salafist“ läuft ebenfalls am Mittwoch um 23.45 Uhr.