Ein Typ mit Haltung: Bruno Schleinstein (1932-2010) mit seinem Akkordeon.
Foto: Imago images/Michael Hughes

BerlinErinnert sich noch jemand an Elliott Smith? Vielleicht, wie er bei der Oscar-Verleihung 1998 auf der Akustikgitarre mürrisch „Miss Misery“ klampfte? Das war einer seiner Beiträge zum Soundtrack von Gus van Sants Drama „Good Will Hunting“, das nicht zuletzt davon handelt, seinen eigenen Ort in einer bisweilen feindlichen Welt zu finden. Für eine bestimmte Zeit schien dies auch dem von Depressionen und Drogenproblemen gequälten und 2003 unter ungeklärten Umständen verstorbenen Smith gelungen zu sein, der in der Independent-Musikszene ikonischen Status genießt. 

Doch sogar Indie-Helden haben Helden und so findet sich in dem im Jahr 2000 auf seiner LP „Figur 8“ erschienen Song „Color Bars“ ein Hinweis auf eine halb schon vergessene Berliner Legende: „Bruno S. is a man to me / You're just some dude with a stilted attitude / That you learned from TV.“ Die Rede ist von Bruno Schleinstein (1932–2010). 1974 gelangte er durch seine Rolle als Kaspar Hauser in Werner Herzogs „Jeder für sich und Gott gegen alle“ kurz zu Ruhm und war gerade als Nicht-Schauspieler die ideale Besetzung.

„Die Menschen sind mir wie die Wölfe“, erklärte er in seiner Rolle – und hätte sich auch selbst meinen können: Geboren in Friedrichshain als unehelicher Sohn einer Prostituierten, landete er bereits im Alter von drei Jahren erstmals in einem Heim. Mit acht Jahren kam er in die Wittenauer Heilstätten (heute: Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik) und wurde als 24-Jähriger als „geheilt“ entlassen. Es folgte eine Existenz zwischen Trebegängerei und ungelernter Arbeit. Dass Schleinstein über das Dasein des Moritaten singenden Straßenmusikanten dennoch einen Weg des persönlichen Ausdrucks fand, ist nicht als kathartisch-kreative Erlösung misszuverstehen. Im Gegenteil: „Als ich Mensch wurde, musste ich sterben“, lautete sein bitteres Fazit.

Noch immer viel weniger bekannt als sein darstellerisches und musikalisches Schaffen ist sein künstlerischer Output in Form von Zeichnungen, Collagen und Malerei. Dessen Würdigung begann in den 80er-Jahren mit einer Ausstellung in einem Schöneberger Café und wurde von Protagonisten und Institutionen der Berliner Off-Szene fortgeführt, darunter Klaus Theuerkauf von der Kreuzberger Endart-Galerie und der Maas-Verlag, in dem 2004 vom Underground-Fotografen und Filmemacher Miron Zownir der feine Band „Und die Fremde ist der Tod“ mit Zitaten und Zeichnungen Bruno Schleinsteins erschien.

Seit den 90er-Jahren befasst sich auch die Kölner Galeristin und Art-brut-Spezialistin Susanne Zander mit dem Werk und zeigt es inzwischen international. Nachdem sie es in der Vergangenheit mehrmals auf der New Yorker Outsider Art Fair präsentiert hatte, gelang es ihr, jüngst auf der ebenfalls in New York City stattfindenden wichtigen Kunstmesse Independent, die Sammler von dem Werk zu überzeugen. Der nun vorliegende, von Susanne Zander und Nicole Delmes herausgegebene Band „Bruno Schleinstein“ ermöglicht einen faszinierenden Einblick in Leben und Werk: Ein Text von Annett Krause zeichnet die erschütternde Biografie nach, Tagebucheinträge und Erinnerungen berichten drastisch von einem Leben am Rande der Gesellschaft, Fotografien dokumentieren seine ärmlichen Wohnverhältnisse in der Kurfürstenstraße 38.

Die über 100 reproduzierten Arbeiten verstören nicht nur durch ihre Schilderungen von Gewalt, Trauer und generellem Leiden. Sie irritieren auch, da man vieles wiederzuerkennen glaubt, was eigentlich zum Repertoire der Avantgarden des 20. Jahrhunderts gehörte: esoterische Anmutungen, Anleihen in der Welt der Comics, Schrift im Bild, Betonung des Fragmentarischen, wilde Crossover-Ansätze, ein Hang zum Gesamtkunstwerk, in dem alles mit allem zu tun hat. Doch Bruno Schleinstein war der radikale Gegenentwurf zu den ästhetisch versierten Hipstern der Gegenwartskunst – ihm ging es auch in seiner Kunst um die Suche nach den Farben der Wahrheit und des Gewissens.

Dieses wertvolle Dokument eines gelungenen, beschädigten Lebens und seines schonungslosen Selbstausdrucks ist jedoch nicht nur Selbstzweck. Nun, da das Berlin der Hinterhöfe sogar im Kurfürstenstraßen-Kiez schon verschwunden ist, gibt die Auseinandersetzung mit einem großen urbanen Unbequemen auch Anlass zu einer kritischen Prüfung zukünftiger Entwürfe städtischen Lebens. Hat ein Berlin des 21.Jahrhunderts noch Platz für Außenseiter oder werden im privatisierten öffentlichen Raum nur eilige Konsumenten toleriert? Auch an diese in den 90er-Jahren angestoßene Debatte über ein „Recht auf Stadt“ für alle lohnt es, zu erinnern.  

Nicole Delmes, Susanne Zander (Hrsg.): Bruno Schleinstein, Verlag Walther König, Köln 2020, 136 S., 19,80 Euro